Dejagahs Länderspielabsage Zentralrat empört über "privaten Judenboykott"

Das hat es noch nie gegeben: Der deutsch-iranische U21-Nationalspieler Ashkan Dejagah weigert sich, ein Länderspiel gegen Israel zu bestreiten. Der DFB steht hinter dem Wolfsburger, der Zentralrat der Juden ist empört und fordert Dejagahs Rauswurf aus der Nationalmannschaft.

Von und Clemens Gerlach


Hamburg - Ein Fußballprofi wird zum Politikum: Am 12. Oktober sollte Ashkan Dejagah eigentlich mit der deutschen U21-Nationalmannschaft in Tel Aviv gegen Israel spielen. Doch der Mittelfeldspieler wurde von der Reise befreit – und das von höchster Stelle: "Er kam zu uns und hat uns gebeten, dass er aus persönlichen Gründen nicht mit nach Israel kommen muss. Diese Gründe waren für uns nachvollziehbar", sagte DFB-Sprecher Jens Grittner heute der Nachrichtenagentur Reuters.

Wolfsburger Dejagah: Empörung über Länderspielabsage
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Wolfsburger Dejagah: Empörung über Länderspielabsage

"Ich habe die Entscheidung des Trainers Dieter Eilts respektiert, weil er mir vermitteln konnte, dass der Spieler Gründe angeführt hat, die im privaten Bereich liegen", fügte DFB-Präsident Theo Zwanziger hinzu, "aber wir werden nicht hinnehmen, dass ein deutscher Nationalspieler aus Gründen der Weltanschauung seine Teilnahme an einem Länderspiel absagt."

Dejagah selbst betonte, dass die Gründe für die Absage "sehr persönlicher Natur" seien und in seinem "engsten familiären Umfeld" begründet liegen. "Insofern danke ich dem DFB auch sehr für das Vertrauen und die Diskretion", wird Dejagah in einer offiziellen Mitteilung des Verbandes zitiert.

Der "Bild"-Zeitung hatte der 21-Jährige gesagt: "Das hat politische Gründe. Jeder weiß, dass ich Deutsch-Iraner bin." Dejagah besitzt die doppelte Staatsbürgerschaft. Der "BZ" sagte er: "ich habe mehr iranisches als deutsches Blut in meinen Adern. Außerdem tue ich es aus Respekt. Schließlich sind meine Eltern Iraner."

Seit der Islamischen Revolution von 1979 lehnt es Iran ab, Israel anzuerkennen und verbietet seinen Staatsbürgern die Einreise sowie den sportlichen Wettkampf. Dejagah wurde in Teheran geboren, wuchs danach in Berlin auf. Seinen fußballerischen Feinschliff bekam er bei Hertha BSC Berlin. Nach einigen Streitereien verließ der Offensivspieler Berlin vor der laufenden Saison und schloss sich dem VfL Wolfsburg an. Laut bildblog.de spielt Dejagahs Bruder beim Club Paykan Teheran und müsste möglicherweise mit Sanktionen rechnen, falls Ashkan Dejagah gegen Israel antritt.

Beim Zentralrat der Juden herrscht Empörung über Dejagahs Verhalten. "Es ist undenkbar und unmöglich, dass ein Nationalspieler einen privaten Judenboykott initiiert", sagte Dieter Graumann auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE. Der Vizepräsident des Zentralrates der Juden nimmt den DFB in die Pflicht: "Es wäre skandalös, wenn der DFB dieses Verhalten nicht sanktioniert", so Graumann.

Sollte der DFB Dejagahs Verhalten tolerieren, "würde sich der Verband erpressbar machen". Graumann spricht von einem "fatalen Zeichen. Dann dürfte der DFB ja gar kein Spiel mehr gegen Israel bestreiten." Graumann sieht daher nur eine Konsequenz: "Wenn der Spieler sich aus Solidarität mit einem Terrorregime weiter weigert, in Israel zu spielen, darf er nicht mehr für die Nationalmannschaft Deutschlands auflaufen."

Bereits mehrfach haben iranische Sportler Wettkämpfe gegen israelische Athleten boykottiert. So weigerte sich etwa der iranische Judoka und mehrfache Weltmeister Arash Miresmaeili bei den Olympischen Spielen 2004 in Athen gegen Ehud Vaks aus Israel anzutreten. Vom IOC wurde er disqualifiziert, vom iranischen Staat gab es eine Sonderprämie.

Da viele mehrheitlich muslimische Staaten Kontakte zu Israel ablehnen, entschieden etliche Sportverbände, das geografisch zu Asien gehörende Israel sportpolitisch zu Europa zu zählen. So spielen etwa israelische Fußballclubs und die Nationalmannschaft des Landes in den internationalen Wettbewerben der Uefa, die Leichtathleten starten bei Europameisterschaften.

Der Fraktionsvorsitzende der Berliner CDU, Friedbert Pflüger, bezeichnete Dejagahs Aussagen in der "Bild"-Zeitung als "unmöglich und völlig inakzeptabel. Sonst fängt jeder an, sich auszusuchen, gegen wen er noch spielen will", so Pflüger.

Bei Dejagahs Club VfL Wolfsburg gibt man sich betont gelassen. "Wir haben mit dem Spieler über dessen Aussagen gesprochen. Die Sache ist jetzt für uns geklärt, das Thema erledigt", sagte Wolfsburgs Pressesprecher Kurt Rippholz. Über den Inhalt der Unterredung mit Dejagah wolle er nichts sagen, so Rippholz: "Wir geben in der Öffentlichkeit keine weiteren Kommentare ab." Der VfL-Sprecher verwahrte sich jedoch gegen "Spekulationen" über die politische Gesinnung des Fußballprofis. "Es werden gerade dem Spieler Dinge unterstellt", sagte Rippholz.

Auch ein ehemaliger Jugendtrainer nimmt Dejagah in Schutz: "Er ist ein sensibler Typ und ich weiß, wie wichtig ihm seine Familie ist", sagte der langjähriger Weggefährte, der namentlich nicht genannt werden möchte: "Seine Eltern und sein Bruder leben zwar in Deutschland, aber Ashkan hat noch viele Verwandte in Iran und macht sich Sorgen, dass seinen Angehörigen etwas passieren könnte." Diese Begründung will Pflüger nicht gelten lassen: "Er ist deutscher Staatsbürger, es würde in Israel alles für seine Sicherheit getan werden."

Dejagah ist dabei nicht der erste Bundesliga-Profi, der sich weigert, gegen Israel anzutreten. Allerdings ist er der erste, der die Begründung offen ausspricht. In der Vergangenheit hat es ähnliche Vorfälle gegen. In der Saison 2004/2005 traf der FC Bayern in der Champions League auf den israelischen Vertreter Maccabi Tel Aviv. Damals stand der iranische Nationalstürmer Vahid Hashemian bei den Bayern unter Vertrag, lief aber weder im Hin- noch im Rückspiel auf. Offizielle Begründung damals war eine Verletzung.



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