Proteste in Brasilien Wir sind das Fußball-Volk!

Gib den Menschen ein Sportereignis, und sie werden dich lieben - seit der Antike gilt das Prinzip "Brot und Spiele" als Erfolgsformel. Doch wenn die Menschen im fußballverrücktesten Land der Erde plötzlich gegen den Fußball demonstrieren, ist klar: Nichts ist mehr wie früher.

Ein Debattenbeitrag von


Joseph Blatter ist eigentlich hart im Nehmen. Teflon-Sepp nennen manche den Präsidenten des Fußball-Weltverbandes Fifa. Seit mehr als einem Jahrzehnt wird Blatter in den Stadien der Welt nun schon ausgepfiffen. Sein Verband gilt vielen Menschen als Synonym für Vetternwirtschaft und Korruption, für skrupellose Geschäftemacherei. Teflon-Sepp hat über die Jahre nach Gutdünken die protokollarischen Regularien geändert, wie er im Fokus der Fernsehkameras und in den Blitzlichtern der Fotografen bei Events ins Bild gesetzt wird. Das half, ein bisschen, den größten Schmerz zu lindern. Blatter setzte außerdem darauf, dass sich die Empörung der Leute schon legen würde, wenn der Ball erst mal rollte.

Brot und Spiele. Fußball als Opium fürs Volk. Es hat irgendwie immer funktioniert. Bis jetzt.

Denn was der Fußballfürst Joseph Blatter nun in Brasilien erleben muss, nicht nur beim Eröffnungsspiel, als die Stadionbesucher sich minutenlang nicht mehr beruhigten und das Protokoll sprengten, das schockiert ihn zutiefst. Im fußballverrücktesten Land des Planeten demonstrieren Millionen Menschen nicht nur für bessere Lebensbedingungen, für Bildung, Gesundheitsfürsorge und eine faire Chance an der gesellschaftlichen Teilhabe. Sie demonstrieren gegen das Fußball-Geschäft! Gegen Geschäftemacherei, Korruption, gegen Gigantismus und die Verschleuderung von Steuermitteln für den Bau überdimensionierter Arenen, die nach der Sause - ob nun nach der Fußball-WM 2014 oder den Olympischen Sommerspielen 2016 in Rio de Janeiro - kaum vernünftig genutzt werden können.

Niemand hört Blatter zu

Die Menschen demonstrieren gegen diese White Elephants genannten sportiven Investruinen - und damit direkt gegen die Fifa und deren Pflichtenhefte. Gegen Sepp Blatters engste Freunde und Geschäftspartner: die kriminellen Cartolas, Brasiliens Fußballfunktionärsclique, die seit Jahrzehnten den Lauf der Dinge bestimmt und zu denen Blatters Fifa-Vorgänger João Havelange zählt.

Ausgerechnet in Brasilien scheint sich die Fifa-Welt zu ändern. Dabei hat Blatter so fleißig Portugiesisch gepaukt. Doch nun hört ihm niemand mehr zu.

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Hunderte Verletzte: Ausschreitungen beim Millionenprotest
Und was tun Blatter und seine Alliierten, die den Weltfußball seit Jahrzehnten regieren? Sie sagen: Die Millionen brasilianischen Demonstranten sollten den Fußball nicht überfrachten und für ihre Zwecke einspannen.

Das ist verlogen. Denn Blatter verkauft seine Fifa konsequent als Weltverbesserungsanstalt, er will den Weltfrieden retten, die Armut und den Hunger bekämpfen und den Analphabetismus abschaffen. Die Welt retten, darunter macht es die Fifa nicht, "Für den Fußball - für die Welt" lautet nicht umsonst ihr Slogan.

Aber zur Erinnerung: Es ist nicht der Slogan der Caritas, sondern eines Milliardenkonzerns mit Sitz in Zürich, der deshalb statuarisch als Verein organisiert ist, weil er sich damit gewissen steuerlichen Verantwortlichkeiten und einer stärkeren Kontrolle durch Gesetzgeber entziehen kann.

Eigentlich stehen die Gastgeber immer auf der Seite der Konzerne

Was derzeit in Brasilien passiert, ist etwas völlig Neues für den Konzern. Zum ersten Mal erheben sich die Menschen, die die Weltmeisterschaft dieser Fifa (und auch die Olympischen Sommerspiele 2016) bezahlen. Und mit ihnen die Fußballer. "Die Seleçao ist das Volk", hat Luiz Felipe Scolari gesagt. "Wir sind das Volk!" Scolari ist Brasiliens Nationaltrainer, er und seine Stars verbündeten sich mit den Aufmüpfigen, statt folgsam zu schweigen.

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Brasilien 2014: So weit sind die WM-Stadien
Einen derartigen Aufschrei hat es noch nie gegeben. Das ist neu. Das ist faszinierend. Dieser Prozess wurde auch in brasilianischen Medien vorbereitet, die zwar nicht flächendeckend, aber doch immer ausführlicher über die Geschäfte der Cartolas berichteten. Der Engländer Andrew Jennings, weltweit führender Investigativjournalist im Fifa-Gewerbe, wurde schon 2011 in brasilianischen Fußballstadien mit Sprechchören und Plakaten gefeiert. Die Absetzung des langjährigen Fifa-Exekutivmitglieds Ricardo Teixeira, der sowohl den brasilianischen Verband als auch das WM-Organisationskomitee führte und der jetzt in Miami im Exil noch immer Strippen zieht, haben Zehntausende Menschen in sozialen Netzwerken mit befördert. Schon das war erstaunlich und suchte seinesgleichen.

Politiker in den Gastgeberländern von Mega-Events sind, egal ob in Deutschland oder Brasilien, gewöhnlich geschlossen auf der Seite der Sportkonzerne, ob sie nun IOC oder Fifa heißen. Was sich derzeit aber in Brasilien abspielt und in der Türkei, wo die Demonstrationen ja auch die Olympiabewerbung Istanbuls für die Sommerspiele 2020 betreffen, erschüttert das Sportbusiness schwer. Monopole drohen zu platzen.

Kaum noch Zufluchtsorte

Dabei sind Fifa und IOC mit ihren kurzwöchigen Sportshows, die Steuerzahler pro Ausgabe meist mehr als zehn Milliarden Euro kosten, schon zunehmend in Schwellenländer ausgewichen. Nach Russland, Brasilien oder China. Gern auch nach Katar, die neue Top-Destination. Doch selbst in arabischen Gefilden regen sich erste demokratische Pflänzchen. Hat man denn nirgends mehr seine Ruhe?

In der Tat gibt es kaum noch Zufluchtsorte. Eine WM oder Olympia in Nordkorea wäre konsequent. Aber wie lange noch? Sepp Blatter muss sich beeilen.

"Wir sind das Volk", sagt Brasiliens Nationaltrainer Scolari.

"Wir sind das Volk", haben einst in Leipzig Hunderttausende Demonstranten gerufen.

Ein paar Tage später war die Mauer gefallen und ein Diktator gestürzt, der den Sport stets als Propagandamittel missbraucht hatte.

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