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Depressionen im Profifußball: Der Feind im Kopf

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Über vier Jahre sind seit dem Suizid Robert Enkes vergangen. Doch noch immer tut sich der Profifußball schwer, mit Depressionen umzugehen. Der frühere Frankfurter Verteidiger Martin Amedick hat sich selbst geholfen. Er spielt heute in der zweiten Liga.

Fußballprofi Amedick: "Musste die Szenerie verlassen" Zur Großansicht
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Fußballprofi Amedick: "Musste die Szenerie verlassen"

Der Volleyschuss fliegt sehenswert ins Tor. Die Frankfurter Kollegen gratulieren, Martin Amedick strahlt. Gleich beim ersten Mannschaftstraining nach seiner Auszeit merkt der groß gewachsene Eintracht-Verteidiger im Januar 2013, wie sehr er den Fußball vermisst hat; die bekannten Abläufe, das Gruppengefühl, den Spaß am Spiel.

Sechs Monate beschäftigte sich Amedick zuvor nur mit sich, nachdem er seine Erschöpfungsdepression öffentlich gemacht hatte. "Ich musste die Szenerie einfach mal verlassen", sagt er heute. Er hatte keine Kraft mehr, sich dem ständigen Konkurrenzkampf in einem Bundesliga-Team zu stellen. Um mental wieder gesund zu werden, nahm Amedick, der das Fußballgeschäft einst "modernes Gladiatorentum" genannt hatte, bewusst auch einen möglichen Karriereknick in Kauf.

Ein Jahr ist das Trainingstor jetzt her, Amedick spielt nicht mehr in Frankfurt. Er hatte bei der Eintracht keine Aussicht mehr auf Einsätze in der A-Elf. Der Verteidiger kennt die Schattenseiten der Selektion im Hochleistungssport. Auch bei Borussia Dortmund, wo er von 2006 bis 2008 spielte, und in Kaiserslautern (2008 bis 2012), wo er zwei Jahre Kapitän war, landete Amedick am Ende auf der Bank. Im Sommer schloss sich der in Ostwestfalen Geborene seinem Heimatverein SC Paderborn an. Wenngleich der 31-Jährige dort aktuell ebenfalls nur Ersatz ist, sagt er über seine Auszeit: "Heute würde ich es wieder so machen."

Auch im fünften Jahr nach dem Selbstmord Robert Enkes sind Sportler wie Amedick, Markus Miller und Ralf Rangnick, die den Mut besitzen, ihre psychische Erkrankung öffentlich zu machen, die Ausnahme. Enke hatte sich im November 2009 wegen einer schweren Depression an einem Bahnübergang in Hannover das Leben genommen. Der Schock war groß, erstmals wurden damals Depressionen im Profifußball umfassend thematisiert. Dabei besagen Untersuchungen, dass jeder Leistungssportler während seiner Karriere mindestens ein- bis zweimal in die Gefahr gerät, an einem Erschöpfungszustand, Übertrainingssyndrom oder einer Depression zu erkranken.

Das Klischee vom "Survival of the fittest"

Valentin Markser, einst Therapeut von Robert Enke, kann nur den Kopf schütteln, wenn von "hypergesunden" Athleten die Rede ist, die mit ihrem Durchsetzungsvermögen eine besondere Stressresistenz besäßen. Für den renommierten Sportpsychiater ein "gefährliches" Surival-of-the-fittest-Klischee: "Ich kenne genügend Sportler, die wettkampfstark, aber trotzdem behandlungsbedürftig sind", sagt er.

Feststeht für Markser, dass die körperlichen und seelischen Belastungen für Profisportler mit der Kommerzialisierung zugenommen haben. Zwar seien Fußballer einem vergleichbaren öffentlichen Druck ausgesetzt wie Politiker oder Filmstars, doch müssen sie zudem auch permanent physisch an ihr Limit gehen. "Diese sportspezifischen Gesamtbelastungen können deutliche Reaktionen im Nerven- und Hormonsystem zur Folge haben", sagt Markser, der in den siebziger Jahren als Handball-Torwart dreimal den Europapokal mit dem VfL Gummersbach gewann.

Noch immer vernachlässigt werde in der Behandlung von Fußballern der Aspekt der Psychosomatik, also die Wechselwirkung der Psyche auf die physische Gesundheit. "Je stärker und anhaltender die Belastungen, umso fließender sind die Übergänge zwischen seelischen und körperlichen Beschwerden - und so schwieriger die Diagnose", erklärt Markser.

Der Bundesliga fehlt das Bewusstsein für die mentale Gesundheit seiner Kicker. Festangestellte Sportpsychologen sind weiterhin rar gesät unter den 36 Proficlubs. Nur mit ihnen in den Vereinen und sportpsychiatrischen Beratern auf Verbandsebene könne laut Markser seelische Gesundheit im Leistungssport überhaupt zeitgemäß betreut werden.

Nicht nur Misserfolg schlägt auf das Gemüt

Der in Köln ansässige Psychotherapeut räumt gleichzeitig mit dem Vorurteil auf, nur Misserfolg könne auf das Gemüt schlagen: Auch Talente, die ein Millionenvertrag im Teenager-Alter überfordere, suchten den Weg in seine Praxis. "Man bekommt sehr viel Geld und Anerkennung. Diese narzisstische Bestätigung überdeckt sehr lange sehr viel. Meistens kommen die Sportler zu spät: Wenn sie längst behandlungsbedürftig oder übertrainiert sind, wenn sie vorgeben, eine Muskelzerrung zu haben, aber in Wirklichkeit medikamentös behandelt und therapeutisch betreut werden müssen", sagt Markser.

Martin Amedick zog rechtzeitig die Notbremse, als er das ohnmächtige Gefühl bemerkte. "Der Prozess verlief schleichend", berichtet er. Selbst im Urlaub gelang es ihm nicht mehr, abzuschalten. Amedick verstand nicht, warum sein Trainer Armin Veh ihn trotz guter Leistung zur Halbzeit auswechselte. Er trainierte so ehrgeizig, bis er sich verletzte. Die Nachricht, nicht mehr gebraucht zu werden, zog ihm den Boden unter den Füßen weg, hinzu kamen privater Stress und ein Todesfall in der Familie.

In dem halben Jahr, in dem sich Amedick vom Bundesliga-Betrieb abmeldete, begab er sich eigenständig in professionelle Hände und arbeitete mit einem Personal Trainer an seiner Fitness. Jetzt hat der 31-Jährige Frieden gefunden. "Ich bin gestärkt aus der Sache zurückgekommen", sagt er. Die Familie gibt ihm heute Kraft, wenn er mal nicht im Kader steht. "Ich bin gelassener, lebe bewusster und übe auch meinen Beruf bewusster aus", sagt er: "Fußballer zu sein ist ein Privileg."

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1. Eigentlich ein guter Artikel
widower+2 20.01.2014
Nur glaube ich nicht, dass - wie der Artikel suggeriert - Profifußballer stärker gefährdet sind als andere Bevölkerungsgruppen. Depressionen sind ebenso verbreitet wie Diabetes.
2. Fünf Jahre?
purado 20.01.2014
"Über fünf Jahre sind seit dem Suizid Robert Enkes vergangen." "Enke hatte sich im November 2009 wegen einer schweren Depression an einem Bahnübergang in Hannover das Leben genommen." Sind nach Adam Riese also erst über vier Jahre vergangen.
3.
Werner655 20.01.2014
Zitat von widower+2Nur glaube ich nicht, dass - wie der Artikel suggeriert - Profifußballer stärker gefährdet sind als andere Bevölkerungsgruppen. Depressionen sind ebenso verbreitet wie Diabetes.
Zum einen das, zum anderen haben die Profis einen wichtigen Vorteil: Sie werden umgehend behandelt. "Begeben Sie sich in professionelle Hände", lautet der oft gehörte Slogan, wenn es um die Erkenntnis geht, dass man es alleine nicht mehr schafft. Ein wahrer Hohn ist das, wenn man sich die alltäglichen Unmöglichkeiten für "Normalos" ansieht, an qualifizierte Therapeuten zu kommen.
4. Jammern auf hohem Niveau.
abryx 20.01.2014
Die Jungs bekommen Summen, die man einfach als unmoralisch bezeichnen muss und in keinem Fall in Relation zur erbrachten Leistung sehen kann. Egal ob verletzt ("Diven mit Nagelspliss") oder auf der Ersatzbank - das Geld fliesst immer. Wo kommen da die Depressionen her? - "Soll ich mir jetzt noch eine 4. Villa kaufen oder den aktuellen Bugatti Venom?" - "Mit welchem D Promi soll ich mich morgen ablichten lassen?" - etc. Bei gut 99% aller Fußballer habe ich das Gefühl, dass es sie einen Dreck interessiert, was andere über sie Denken, solange Sie ihre Millionen zählen können. Wie sonst kann es sein, dass sie eher durch Unvermögen im Straßenverkehr, soziale Verhaltensstörungen in Form von verbaler und Körperlicher Gewalt sowie ihren weiblichen Wechselbegleitungen auffallen....?
5. Depression
PeterPan95 20.01.2014
Ich halte das Thema für wichtig, aber es wird mal wieder ein wichtiges gesellschaftliches Problem dazu missbraucht, unterschwellig auf den Fußball einzudreschen. Ob Rechtsradikalismus, Gewalt, Depression, Alkohol... Alles sind Fußballprobleme, der Rest der Gesellschaft kann schön mit dem Finger zeigen und muss sich keine Fragen stellen. Als wenn es bei der Arbeit, im Sportverein oder oder nicht auch eine Leistungsgesellschaft gäbe...
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Themenpaket: Depressionen im Leistungssport

Depressionen
Krankheit und Verbreitung
Depressionen sind in der Bevölkerung weit verbreitet. Nach epidemiologischen Studien erkranken etwa 15 bis 20 Prozent der Bevölkerung im Laufe des Lebens an einer Depression. Gemeint sind damit nicht leichte Verstimmungen, sondern psychische Probleme, die behandelt werden müssen.

Geschieht dies nicht, können die Folgen dramatisch sein: Depressionen zählen in Deutschland zu den häufigsten Gründen für Berufsunfähigkeit und werden für die Mehrzahl der rund zehntausend jährlichen Suizide verantwortlich gemacht.
Ursachen und Formen
Die Ursachen der Depressionen sind vielfältig und bleiben bei vielen Patienten unbekannt. Auslöser kann ein Schicksalsschlag sein. Es gibt aber auch Depressionen, die von einem ungelösten, frühkindlichen Konflikt herrühren, der bis ins Erwachsenenalter hineingetragen wird. Auch Medikamente können mitunter eine Depression auslösen: Sie wird als Nebenwirkung bei zahlreichen Arzneien genannt.

Eine endogene Depression entsteht, wenn Stoffwechselvorgänge im Gehirn gestört sind. Sie tritt oft plötzlich und scheinbar ohne Ursache auf; Mediziner vermuten auch eine erbliche Komponente. Eine neurotische oder Erschöpfungsdepression kann durch langfristige Belastungen entstehen, eine reaktive Depression wird oft durch ein aktuelles Ereignis wie etwa einen Trauerfall verursacht.

Seltener ist die bipolare Störung, die früher auch manisch-depressive Erkrankung genannt wurde. Hier wechseln sich extrem gehobene Stimmung und tiefe Niedergeschlagenheit ab. Die Betroffenen erleben mehr und kürzere depressive Phasen, die immer häufiger auftreten, je länger die Störung anhält. Zusätzlich gibt es noch mehrere Unterformen der Depression.
Symptome
Der Depressive erlebt eine anhaltend gedrückte und traurige Stimmung, wobei die Symptome am Morgen oft schlimmer sind als abends. Ein wichtiges Symptom sind Schlafstörungen. Die Patienten ziehen sich zurück und verlieren das Interesse an gesellschaftlichen Kontakten und an vielen anderen Dingen des Lebens. Oft kommen Angst und unbegründete Schuldgefühle hinzu sowie das Gefühl völliger Wertlosigkeit.
Therapie
Depressionen gelten allgemein als gut behandelbar. Oft hilft eine Kombination aus modernen Psychopharmaka und Psychotherapie. In manchen Fällen ist auch gezielter Schlafentzug oder eine Lichttherapie sinnvoll. Nach Abklingen der Symptome muss die Behandlung meist lange Monate fortgesetzt werden, da ein hohes Rückfallrisiko besteht.
Was können Betroffene tun?
Um aus einer Depression herauszufinden, ist das Wichtigste, sich Hilfe bei einem Arzt, Psychotherapeuten oder einer anderen Anlaufstelle zu suchen.

Vielen Patienten hilft es, ihren Tagesablauf zu strukturieren, sagt Angelika Schlarb vom Psychologischen Institut der Universität Tübingen. "Es ist wichtig, morgens überhaupt aufzustehen und sich körperlich beziehungsweise sportlich zu engagieren. 30 Minuten schneller Spaziergang helfen dabei so gut wie ein Antidepressivum."

Zudem sollte man sich Aufgaben suchen, die zu bewältigen sind und Negatives umgehen. Angehörige sollten negative Äußerungen des Depressiven ignorieren und versuchen, auf mögliche positive Tagesereignisse zu sprechen zu kommen.

Die Stiftung Deutsche Depressionshilfe bietet auf ihrer Internetseite weitere Informationen zur Krankheit. Um herauszufinden, ob man selbst depressiv ist, kann als erster Schritt der Selbsttest der Stiftung helfen.

Mit Material von dpa


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