Dänen-Torwart Schmeichel: "Mental waren wir im Urlaub"

EM statt Ferien: Dänemark fuhr 1992 überraschend zur Europameisterschaft nach Schweden - und gewann sensationell den Titel. Im Interview mit dem Magazin "11FREUNDE" spricht der damalige Keeper Peter Schmeichel über Burger während des Turniers, wichtige Partys und die beste Parade seiner Karriere.

Dänemarks Ex-Nationaltorhüter Schmeichel: "Wir waren genau einmal Fast Food essen" Zur Großansicht
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Dänemarks Ex-Nationaltorhüter Schmeichel: "Wir waren genau einmal Fast Food essen"

Frage: Herr Schmeichel, Sie standen beim sensationellen EM-Triumph Dänemarks 1992 ebenso im Tor wie im Champions-League-Finale 1999, als Manchester United Bayern München in den letzten zwei Minuten besiegte. Sind Sie ein Experte für Fußballwunder?

Schmeichel: Wenn Sie es so formulieren, klingt es ganz hervorragend. Ich muss Sie allerdings ein bisschen enttäuschen: Unser EM-Titel 1992 war kein Wunder.

Frage: Wie bitte? Ihre Mannschaft wurde wenige Tage vor dem Turnier nachnominiert, startete quasi ohne Vorbereitung und holte den Titel.

Schmeichel: Dennoch standen wir alle noch voll im Saft. Viele von uns hatten bis kurz vor dem Turnierstart noch in ihren Vereinsmannschaften gespielt. Außerdem hatten wir noch ein Freundschaftsspiel gegen die damalige Gemeinschaft Unabhängiger Staaten, die sich damit auf das Turnier vorbereitete. Am 30. Mai, beim Mittagessen vor der zweiten Trainingseinheit, erfuhren wir dann, dass wir wohl bei der EM für Jugoslawien starten werden.

Frage: Viele Mitspieler hatten da schon Ihren Urlaub gebucht.

Schmeichel: Lars Olsen hatte mir nur Stunden vorher von seinem Ferienhaus auf Mallorca vorgeschwärmt. Und dann das. Man muss das eben so sehen: Unsere Saison war vorbei, alle hatten die Maschinen schon runtergefahren. Mental waren wir bereits im Urlaub.

Frage: Die Mannschaft machte sich dennoch einen Spaß aus der Sache, trat locker auf, schlurfte in Badeschlappen über den Trainingsplatz.

Schmeichel: Stopp! Niemand hat sich einen Spaß aus dem Turnier gemacht. Unsere Teilnahme hatte tragische Umstände. Wir durften antreten, weil in Jugoslawien vielen unschuldigen Menschen unglaubliches Unrecht widerfahren ist. Wir waren uns dieser Verantwortung jederzeit bewusst. Es klingt immer so, als seien wir eine Freizeitmannschaft gewesen. Das ist unfair.

Frage: Im ersten Spiel ging es gegen England. Erinnern Sie sich noch an die Kabinenansprache Ihres Trainers Richard Möller Nielsen?

Schmeichel: Wir sagten uns immer wieder: "Wer weiß, wann wir jemals wieder an einem großen Turnier teilnehmen werden." Wir wollten bei allem Ehrgeiz jede Minute genießen. Möller Nielsen kam also in die Kabine und sagte trocken: "Jungs, geht raus und blamiert euch nicht. Macht euch stolz. Das reicht mir vollkommen."

Frage: Das Spiel endete 0:0.

Schmeichel: Und es war wohl unser wichtigstes Ergebnis im gesamten Turnier.

Frage: Warum?

Schmeichel: Man stelle sich vor, wir wären mit 0:5 vom Platz gegangen. Das war durchaus möglich. Wir wären die Lachnummer des Turniers gewesen, und alle hätten gesagt: "Das war doch klar, die nehmen das nicht ernst." Aber nach dem Spiel waren wir sogar enttäuscht, dass wir nicht gewonnen hatten. Für mich war das ein positives Signal.

Frage: Im dritten Gruppenspiel traf Dänemark auf den Turnier-Mitfavoriten Frankreich, siegte sensationell und stand plötzlich im Halbfinale. Gerade nach diesem Spiel hat der Big Mac doch sicher besonders gut geschmeckt.

Schmeichel: Da ist sie wieder, die alte Geschichte vom Big-Mac-Team. Soll ich Ihnen was erzählen: Wir waren genau einmal Fast Food essen.

Frage: Sie haben gerade einen Mythos zerstört.

Schmeichel: Vor dem Abschlusstraining für das Halbfinale gegen Holland fuhren wir in Göteborg mit dem Bus an einer Fast-Food-Filiale vorbei. Da haben wir ein bisschen gewitzelt: "Trainer, wir würden so gern ein paar Burger essen." Der Coach hat nichts gesagt, aber nach dem Training hielt der Bus tatsächlich vor der Filiale. Alles war extra für uns abgesperrt. Es war eine Überraschung des Trainers für die Mannschaft, mit der niemand gerechnet hatte.

Frage: Es hat gewirkt. Im Halbfinale besiegten Sie mit Holland einen weiteren Favoriten. Plötzlich stand der Underdog Dänemark im EM-Finale.

Schmeichel: Und wieder hat uns Möller Nielsen überrascht: Im Hotel durften wir ein paar Drinks an der Bar nehmen.

Frage: Also war "Danish Dynamite" doch eine Partytruppe?

Schmeichel: Wir hatten gerade Holland im Elfmeterschießen geschlagen, alle waren voller Adrenalin. Da mussten die Freude und der Druck einfach mal raus. Du kannst dich nicht in Ruhe auf ein Finale vorbereiten, wenn alle noch den sensationellen Halbfinalsieg verarbeiten müssen. Deswegen war die Party genau richtig, um einen Strich unter die Geschehnisse zu ziehen. Sie war nicht exzessiv, dazu waren wir alle viel zu fertig. Und am nächsten Tag ging die Vorbereitung auf das Finale gegen Deutschland los.

Frage: Legendär ist Ihre Parade gegen Jürgen Klinsmann beim Stand von 1:0. Für viele der Knackpunkt in diesem Finale.

Schmeichel: Es war vielleicht die beste Parade meiner Karriere. Ich sah Stefan Effenberg auf mein Tor zulaufen. Er passte den Ball auf Jürgen Klinsmann, und der schoss aus der Drehung. Ich tauchte in die Ecke und streckte mich mit allem, was ich hatte. Mein rechter Arm, meine Finger, alles stand kurz vor der Explosion. Dann spürte ich den Ball an meine Hand klatschen, ich blickte Richtung Tor. Alles passierte in Zeitlupe. Der Ball ging am Pfosten vorbei, und ich sah mich um. In Klinsmanns Gesicht war blankes Entsetzen zu erkennen. Da wusste ich: Jetzt können wir tatsächlich auch dieses großartige Team schlagen.

Frage: Bei diesem EM-Turnier startet Dänemark wieder als Underdog. Gibt es Hoffnung für ein Revival von "Danish Dynamite"?

Schmeichel: Wenn ich eines gelernt habe, dann, dass kein Gegner zu groß und keine Herausforderung unmöglich ist. Aber wenn ich ehrlich bin, führt für mich kein Weg an Deutschland vorbei. Diese Mannschaft ist perfekt. Eine tolle Mischung aus jungen, hungrigen Spielern, ein Wahnsinnstorwart. Bei Deutschland passt einfach alles.

Das Interview führte Benjamin Kuhlhoff

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1. ...
elbgeistDD 31.05.2012
Zitat von sysopEM statt Ferien: Dänemark fuhr 1992 überraschend zur Europameisterschaft nach Schweden - und gewann sensationell den Titel. Im Interview mit dem Magazin "11FREUNDE" spricht der damalige Keeper Peter Schmeichel über Burger während des Turniers, wichtige Partys und die beste Parade seiner Karriere. Der ehemalige dänische Nationaltorwart Peter Schmeichel im Interview - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/sport/fussball/0,1518,835835,00.html)
Ich kann mich daran erinnern daß einer der Dänen meinte sie hätten Kondition für 90 Minuten - für jedes (Vorrunden)Spiel 30 ;-) Das schöne war, daß sie einfach unbefangen Fußball gespielt haben wo andere Mannschaften krampfhaft erfolgreich sein wollten/mußten.
2. Tore wurden irregulär erzielt
Stefan Morgen 31.05.2012
Leider wird bei den Reminiszenzen an das Finale '92 stets vergessen, dass beide dänischen Tore irregulär erzielt wurden: dem einen ging eine Abseitsstellung, dem anderen ein Handspiel voraus. Man stelle sich einmal vor, Deutschland hätte auf diese Weise einen Titel gewonnen, bis heute würde sich alle Welt darüber mokieren.
3. Titel: Europameister
greenlantern 31.05.2012
Man muss auch daran denken, dass es 1992 noch kein Viertelfinale gab, also auch ein K.O.-Spiel weniger als z.B. dieses Jahr. Es wird immer schwieriger als Außenseiter zum Titel zu kommen. Für 2016 ist ja bereits die Aufstockung von 16 auf 24 Mannschaften geplant und damit gibt es noch ein Spiel mehr.
4. @Nr.2
corentin 31.05.2012
Dänemark war in dem Spiel besser. Punktum. Da braucht keiner heulen, die Tore wären irregulär. Deutschland war verkrampft. Und ich erinnere mich noch, dass z.B. der Häßler sehr arrogante Aussagen vor dem Finale von sich gegeben hat. Das macht zusätzlich unsympathisch (zum Geheule danach).
5. 92 waren die Dänen besser
Radtourist 31.05.2012
Ich muss leider sagen, obwohl ich mir den Deutschen EM-Titel damals sehr gewünscht hatte, dass DK die bessere Mannschaft war. Deutschland hatte den gegner unterschätzt und bis zum Schlußpfiff irgendwie nicht für voll genommen. DE spielte pomadig, teils überheblich udn vor allem zu wenig dynamisch und verkrampft. DK das genaue Gegenteil, hatte nichts zu verlieren und spielte locker, Ideenreich, sehr dynamisch und effizient. Das 2:0 war leider verdient, ich habe mich richtig geärgert - zumal ich tags darauf zu einem Dänischen Kunden musste...
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Zur Person
Peter Boleslaw Schmeichel wurde am 18. November 1963 in Gladsaxe geboren. Mit dem dänischen Club Bröndby IF gewann er viermal die Meisterschaft und einmal den Pokal. 1991 schloss er sich Manchester United an, wo er ebenfalls mehrfach Meister und Pokalsieger wurde. 1999 siegte Schmeichel im denkwürdigen Finale gegen Bayern München in der Champions League. Im Alter von 37 Jahren wurde Schmeichel mit Sporting Lissabon 2000 portugiesischer Meister. Später spielte er noch für Aston Villa und Manchester City. Sein wohl größter Erfolg war der Gewinn der Europameisterschaft 1992, als Dänemark im Finale Deutschland 2:0 bezwang. Schmeichel hütete in insgesamt 129 Länderspielen das Tor des dänischen Nationalteams.

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