Karriereende von Michael Ballack: Capitano a.D.

Von Jan Reschke

Michael Ballack beendet seine Karriere, mit dem 36-Jährigen tritt die herausragende deutsche Spielerpersönlichkeit des vergangenen Jahrzehnts ab. Was bleibt, ist die Erinnerung an einen nicht immer einfachen, aber großartigen Fußballer - dem der ganz große Erfolg nicht vergönnt war.

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Es ist diese vom absoluten Willen gezeichnete Grimasse, die in Erinnerung bleiben wird. Als Deutschland im dritten Gruppenspiel der EM 2008 gegen Gastgeber Österreich diesen einen wichtigen Treffer brauchte, war Michael Ballack zur Stelle. Sein mit einer unfassbaren Urgewalt abgegebener Schuss landete krachend im Winkel des Tors, sorgte für den Sieg und das Weiterkommen der Nationalmannschaft.

Michael Ballack der Führungsspieler, der Kapitän, der die Verantwortung übernimmt. Dieses Bild dürfte in Erinnerung bleiben von einer Fußballerkarriere, die am Dienstag ihren Schlusspunkt fand. Der englische und vierfache Deutsche Meister, DFB-Pokalsieger und ehemalige Kapitän der deutschen Nationalelf hat seine aktive Laufbahn im Alter von 36 Jahren beendet.

Was neben diesen Titeln und Trophäen bleibt, ist vor allem sein Image als absoluter Führungsspieler, der die 2000er Jahre des deutschen Fußballs wie kein Zweiter geprägt hat.

Ballack, vom ehemaligen Nationalcoach Jürgen Klinsmann einst respektvoll "Capitano" genannt, galt in einer Zeit, in der der deutsche Fußball am Boden lag, als Überfigur. Als Hoffnungsträger und fußballerische Identifikationsfigur einer ganzen Nation. Er war zeitweise der einzige Nationalspieler, den ein ausländischer Club, in diesem Fall der FC Chelsea, verpflichten wollte und dem deutschen Fußball somit einen Rest von Glanz verlieh.

Und das, obwohl seine Karriere so viele tragische Momente hatte: sein Eigentor im Jahr 2000 als Spieler bei Bayer Leverkusen gegen Unterhaching, gleichbedeutend mit der verspielten Meisterschaft; seine etlichen Vizemeisterschaften; sein Horrorjahr 2002, als er erst mit Leverkusen in der Bundesliga Zweiter wurde, das Champions-League- und DFB-Pokalfinale verlor und schließlich auch noch bei der WM 2002 mit der Nationalmannschaft nur auf Platz zwei landete. Nicht wenige behaupten noch heute, dass wenn sich Ballack damals im Halbfinale nicht auf Kosten einer Sperre geopfert hätte, um eine Chance des Gegners zu verhindern, das Finale gegen Brasilien gewonnen worden wäre.

Trotzdem war das Turnier gleichbedeutend mit Ballacks Durchbruch im Nationalteam. Schon in den Playoffs zur WM hatte er gegen die Ukraine dreimal getroffen. Sein Ansehen wurde mit jeder Partie im DFB-Trikot größer. Ballack wuchs in seine Rolle als Führungsfigur und später in die als Kapitän hinein - und ging schließlich in ihr auf.

Ein bisschen zu sehr vielleicht, denn Ballack galt auch stets als unbequemer Mitspieler, als einer, der nicht zimperlich war, wenn es galt, Probleme anzusprechen. Als einer, der seine Teamkollegen in seiner Funktion als Chef auf dem Platz zusammenstauchte, wenn es nötig war. Als einer, für den das Wort Respekt eine große Bedeutung hatte.

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Michael Ballack: Tore, Titel, Tränen

Was man umso mehr sehen konnte, wenn ihm eben jener Respekt nicht mehr gezollt wurde, wie 2009 im WM-Qualifikationsspiel gegen Wales: Lukas Podolski verpasste ihm - vom Bundestrainer Joachim Löw letztlich ungeahndet - vor den Augen der Öffentlichkeit auf dem Platz eine Ohrfeige. Eine Demütigung für einen Mann wie Ballack.

Er war mit seiner autoritären Art zuvor schon bei Löw angeeckt und bekam von diesem nicht den Stellenwert, den er für sich als gerecht empfand. Nach einem medial ausgetragenen Streit rund um die Nicht-Nominierung von Torsten Frings musste Ballack öffentlich Abbitte leisten. Auch das eine Schmach und der Anfang vom Ende seiner Karriere in der Nationalmannschaft.

Dort hatte Löw ohnehin andere Pläne: Langfristig wollte er ohne den dreifachen Fußballer des Jahres arbeiten. Doch war dessen Stellenwert in der deutschen Öffentlichkeit noch so hoch, dass sich die beiden arrangieren mussten.

Abgang des Leitwolfs

Vor der WM 2010 in Südafrika verletzte Kevin-Prince Boateng Ballack jedoch derart schwer, dass der nicht mit zum Turnier konnte. Statt dem "Capitano" glänzten Bastian Schweinsteiger und Sami Khedira. Als Ballack während der WM bei der Mannschaft, seiner Mannschaft, als Aufmunterung vorbeischaute, hatte die sich schon von ihm abgewendet und ignorierte ihn fast. Der Leitwolf von einst, er war nicht mehr.

Gekränkt legte er sich nach der offiziellen Ausbootung durch Löw mit dem Bundestrainer und dem DFB an, noch nicht einmal zu einem Abschiedsspiel kam es. So blieb es bei 98 Einsätzen für die Nationalelf.

Auch seine Rückkehr in die Bundesliga zur Saison 2010/2011 sollte Ballack kein Glück bringen. Bayer Leverkusen hatte ihn mit vielen Hoffnungen und noch mehr Geld geholt. Verletzungen und interne Grabenkämpfe mit dem überforderten Trainer Robin Dutt machten das letzte Kapitel in Ballacks aktiver Karriere zwar nicht zur Zerstörung eines Denkmals, waren aber doch das Signal, dass Ballacks Zeit vorbei war. Er wusste es zu deuten. Statt sich in Katar, China oder den USA noch das Gnadenbrot eines Profifußballers zu verdienen, macht er nun Schluss.

Was in Erinnerung bleiben wird, ist nicht nur die Grimasse bei seinem Freistoßtor, sondern der Gedanke an einen großen Spieler.

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insgesamt 29 Beiträge
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1. Danke, Michael Ballack
tobo5824 02.10.2012
Zitat von sysopMichael Ballack beendet seine Karriere, mit dem 36-Jährigen tritt die herausragende deutsche Spielerpersönlichkeit des vergangenen Jahrzehnts ab. Was bleibt, ist die Erinnerung an einen nicht immer einfachen, aber großartigen Fußballer - dem der ganz große Erfolg nicht vergönnt war. Der ehemalige Nationalspieler Michael Ballack beendet seine Karriere - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/sport/fussball/der-ehemalige-nationalspieler-michael-ballack-beendet-seine-karriere-a-859259.html)
Gewiss nicht ihm allein, aber ihm an vorderer Stelle haben wir es zu verdanken, dass die deutsche Mannschaft nach den desaströsen Zuständen nach der WM 1998 und der EM 2000 (ok, 2004 war auch nicht der Bringer) heutzutage wieder eine wichtige Rolle im Weltfußball spielt. Und bitte jetzt nicht wieder das Klagelied vom "Unvollendeten", weil er keinen internationalen Titel gewonnen hat. Michael Ballack ist einer der ganz Großen des deutschen Fußballs und darüber hinaus so schlau, sich diesen Ehrentitel nicht wie ein gewisser Loddar durch haarsträubende Nachkarriereeskapaden zu beflecken. Danke, Michael Ballack!
2. Und Tschüss!
albertdasschaf 02.10.2012
Armer Ballack. Selbst Dein Abgang hat nichts von einem Sieger. Aber tröste Dich mit Deinen Millionen die Deine Fans für Dich erarbeitet haben!
3. Er wusste wo man ein Abschiedsspiel spielt....
netroot 02.10.2012
Genau wie Marek Mintal suchte er sich dafür Nürnberg aus - das schaffen nur die ganz Grossen!!!
4.
alexausroßlau 02.10.2012
Ein großer Fußballer tritt ab. Danke, Michael, es hat Spaß gemacht, Dir zuzuschauen. Laß Dir nichts einreden, Du warst ein ganz Großer.
5.
britneyspierss 02.10.2012
Er beendet dennoch eine glanzvolle Karriere.Wir werden ihn sicher noch oft als Kommentator und herausragenden Fussballer noch erleben.Alles geht zu Ende aber mit erhobenen Hauptes.Aber einen wie Lothar Matthäus gibt es eben nicht nochmal.Daher meine Meinung als Fan:Es gibt nur einen deutschen Fussball-Gott und das ist Lothar Matthäus !!
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