Jugendtrainer von Harnik und Kruse: "Um 3 Uhr nachts geht's los, kicken!"

Harnik und Kruse: Ab in den Süden Fotos
DPA

Die beiden sind Freunde seit ihrer Zeit in Hamburg: Wenn am Abend Stuttgart und Freiburg um den Einzug ins Pokalfinale kämpfen, kommt es auch auf Martin Harnik und Max Kruse an. Ihr Jugendtrainer erinnert sich im Interview an zwei rastlose Talente - und einen Kapitän, der keinem Konflikt aus dem Weg ging.

"Die Freundschaft bleibt - bis auf Mittwoch." Das sagt Max Kruse, SC Freiburg, über sich und Martin Harnik, VfB Stuttgart, vor dem Duell ihrer Clubs im DFB-Pokal. Die beiden sind dicke Kumpel, mehr als sieben Jahre spielten sie in ihrer Jugend unter Trainer Thorsten Beyer für den SC Vier- und Marschlande im Südosten Hamburgs. Anfang 2006 wechselten sie zusammen zu Werder Bremen, 2009 trennten sich ihre Wege. Harnik ging über Fortuna Düsseldorf 2010 nach Stuttgart. Kruse spielte drei Jahre für den FC St. Pauli, ehe er 2012 in Freiburg unterschrieb. Im Pokal-Halbfinale treffen sie am Abend (20.30 Uhr ARD, Liveticker SPIEGEL ONLINE) in Stuttgart aufeinander.

SPIEGEL ONLINE: Herr Beyer, wie ist das, wenn Sie diese Jungs, die Sie viele Jahre als Jugendliche trainiert haben, heute in ihren Bundesliga-Teams sehen?

Beyer: Ich freue mich sehr, dass sie es geschafft haben. Und es ist auch ein gewisser Stolz dabei, als Trainer nicht alles verkehrt gemacht zu haben.

SPIEGEL ONLINE: Wo werden Sie sich das Spiel anschauen?

Beyer: Ich bin live im Stadion dabei.

SPIEGEL ONLINE: Stuttgart oder Freiburg, Martin oder Max - wem drücken Sie die Daumen?

Beyer: Ich habe ja zwei Daumen, von daher: jedem einen. Aber mit Blick auf die kommende Saison ist es ja so, dass Martin von dem Finaleinzug und der damit bedeutenden Europapokal-Qualifikation mehr profitieren würde, weil Max ja nach Gladbach wechselt. Von daher: 60 zu 40 für Stuttgart.

SPIEGEL ONLINE: Mehr als sieben Jahre ist es jetzt her, dass die beiden Anfang 2006 den SC Vier- und Marschlande verließen und zur zweiten Mannschaft von Werder Bremen gingen. Haben Sie noch Kontakt zu beiden?

Beyer: Ja, zu Martin ist das sogar relativ eng. Er hat auch die Karten für das Pokalspiel besorgt. Zur Familie Kruse habe ich vor allem über den Vater von Max Kontakt.

SPIEGEL ONLINE: Hatten Sie erwartet, dass es beide bis in die Bundesliga schaffen würden?

Beyer: Ich hatte beiden eine ganze Menge zugetraut. Nur: Bundesliga? Das konnte ich damals nicht voraussehen. Es war klar, dass Sie Talent und eine Chance haben. Aber manchmal entscheiden ja nur Kleinigkeiten darüber, ob der Sprung in die Bundesliga gelingt.

SPIEGEL ONLINE: Welche Qualitäten haben Martin und Max als Jugendspieler ausgezeichnet?

Beyer: Ihre größte Qualität war und ist es noch heute, dass sie Vollblutfußballer sind. Das unterscheidet sie von vielen anderen Talenten. Man hätte Martin und Max nachts wecken und sagen können: "Um 3 Uhr geht's los, kicken!" Die hätten dann gefragt: "Warum nicht schon um halb drei?" Sie sind unglaublich heiß auf Fußball.

SPIEGEL ONLINE: Und was unterscheidet sie voneinander?

Beyer: Max hat eine gute Technik und überragende Spielübersicht. Er kann vorausschauend denken und erkennt schnell Situationen, aus denen sich Chancen ergeben könnten.

SPIEGEL ONLINE: Was sind Martins Vorzüge?

Beyer: Den zeichnen seine Schnelligkeit und sein Wille aus. Dazu die Fähigkeit, eine Mannschaft mitzureißen. Er war bei uns lange Zeit Kapitän. Der beste, den ich in meiner Trainerlaufbahn bislang hatte.

SPIEGEL ONLINE: Wer war denn einfacher zu trainieren?

Beyer: Mit Martin hat es immer den einen oder anderen Konflikt über die Art der Teamführung gegeben. Das war aber eine sehr konstruktive Auseinandersetzung. Die Zusammenarbeit mit Max hat meist reibungslos geklappt. In der Führung war daher Martin schwieriger, aber das half der Mannschaft.

SPIEGEL ONLINE: Eine Führungspersönlichkeit?

Beyer: Ja, absolut. Es gab mal eine Situation in Stuttgart, vor zwei Jahren, Martins erster Saison dort, als der VfB im Abstiegskampf war und in Frankfurt spielte. Zur Halbzeit blieb Kapitän Cacau in der Kabine, es stand 0:0, Stuttgart war nur noch zu zehnt und niemand wollte die Binde haben. Martin hat sie dann einfach genommen, und ich dachte mir damals: Das war genau das richtige Zeichen, um zu demonstrieren: 'Ich übernehme Verantwortung, ich bin dafür der richtige Spieler.' Der VfB hat dann mit einem Mann weniger 2:0 gewonnen, das erste Tor hat Martin geschossen.

SPIEGEL ONLINE: Er war ja auch schon bei Ihnen Torjäger. Und viele seiner Treffer wurden von Max vorbereitet, der jetzt selbst häufig trifft.

Beyer: Ja, die beiden haben sich ideal ergänzt. Was der eine auflegte, hat der andere vollendet. Ich kann mir gut vorstellen, dass die beiden irgendwann noch einmal gemeinsam in einer Mannschaft spielen.

SPIEGEL ONLINE: Dafür müsste Martin Harnik nach Gladbach wechseln, wozu es aktuell kaum kommen wird.

Beyer: Völlig richtig. Ich hatte mir auch eher vor dieser Saison gewünscht, dass Max beim VfB Stuttgart untergekommen wäre. Ich glaube, das hätte allen gutgetan, Martin, Max und auch dem VfB. Stuttgart hat da eine große Chance verpasst.

Das Interview führte Birger Hamann

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insgesamt 3 Beiträge
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1. Hamburger Fußballtalente und der HSV
drake2tausend 17.04.2013
Die beiden sind wieder mal ein glorreiches Beispiel für den Hamburger SV und seine weitsichtige Talentförderung (Achtung IRONIE). Statt auf seine eigene Jugend und die des Hamburger Umlands zu schauen wird lieber auf solche Identifikationskicker vom Gurkenformat à la Chelsea und co. gesetzt.
2. Lesenswert!
walu 17.04.2013
Ein sehr gutes Interview, das trotz seiner kürze mehr Tiefgang hat als das Gros der Fußballberichte an dieser Stelle. Leider bekommt es naturgemäß nur wenige 'Klicks' und wird so bald wieder vergessen sein. Quote macht man mit Sylvie van der Vaart... @drake2tausend Sie haben recht. Aber was soll man zu Werder sagen? Sie HATTEN die beiden in den eigenen Reihen und haben nichts daraus gemacht. Wie so oft - viel zu oft - in den letzten Jahren. Werder und der HSV liefern sich zur Zeit ein Kopf-an-Kopf Rennen in Sachen perspektivischer Unfähigkeit, Ausgang offen.
3. Hamburger Talente und Pauli
Florentinio 17.04.2013
Zitat von waluWerder und der HSV liefern sich zur Zeit ein Kopf-an-Kopf Rennen in Sachen perspektivischer Unfähigkeit, Ausgang offen.
Kruse kommt ja eigentlich aus Schlewig-Holstein und Harnik ist Österreicher, aber egal, sie gehen trotzdem als hamburger Talente durch. Ich freue mich, dass bei Pauli jungen Spielern aus Norddeutschland eine reale Chance gegeben wird. Es kamen schon einige Spieler von der zweiten Mannschaft von Werder oder dem HSV, die bei Pauli Stammspieler geworden sind. Vielleicht ist manchmal der Sprung von der Regionalliga zur Bundesliga zu groß und ein zwei Jahre Erfahrung in Liga 2 für den einen oder anderen genau richtig.
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Karrierestationen von Martin Harnik
Zeitraum Verein Spiele Tore
2006-2009 Werder Bremen II 54 13
2007-2009 Werder Bremen 17 1
2009-2010 Fortuna Düsseldorf 30 13
seit 2010 VfB Stuttgart 90 31

Karrierestationen von Max Kruse
Zeitraum Verein Spiele Tore
2006-2009 Werder Bremen II 68 7
2007-2009 Werder Bremen 1 0
2009-2012 FC St. Pauli 96 22
seit 2012 SC Freiburg 29 10
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