Spielmanipulation "Markenzeichen des italienischen Fußballs"

Die Polizei ist weg, die Aufregung bleibt groß: Der Wettskandal im italienischen Fußball überschattet die EM-Vorbereitung der Mannschaft, auch während des Turniers droht Besuch von Ermittlern. Ministerpräsident Monti bringt eine Aussetzung der Meisterschaft ins Spiel.

Von und , Mailand


Giovanni Trapattoni, der ehrenhafte große alte Mann des italienischen Fußballs, reagierte bedrückt: "Das sind verheerende Nachrichten. Im Ausland nehmen sie uns Italiener zunehmend nur noch als Mafiosi wahr." Trapattoni, der derzeit die irische Nationalmannschaft auf die Europameisterschaft in Polen und der Ukraine vorbereitet, wirkte angesichts der Vorfälle in seiner Heimat schockiert.

Die Vorgänge vom Pfingstmontag, bei denen neben einem ehemaligen Nationalspieler noch weitere 18 Personen verhaftet sowie zahlreiche Trainings- und Wohnräume anderer Sportler und Funktionäre durchsucht worden waren, sorgen selbst im skandalgestählten Italien für riesengroße Aufregung. Zu tief sind die Einschnitte in den liebsten Sport der Nation. Mittlerweile sind über 50 Spiele der ersten drei Ligen in den Fokus der Justiz gerückt. Drei italienische Staatsanwaltschaften versuchen die dunklen Geschäfte seit mehr als einem Jahr aufzudecken. Und je tiefer sie bohren, desto größer und einflussreicher werden die Namen der Verdächtigen.

Selbst Italiens Ministerpräsident Mario Monti sah sich genötigt zu reagieren und sprach sich für eine Pause der italienischen Meisterschaft aus. "Man muss sich fragen, ob eine zwei- bis dreijährige Aussetzung nicht vorteilhaft wäre", sagte Monti bei einem Treffen mit seinem polnischen Amtskollegen Donald Tusk in Rom. Das sei kein offizieller Vorschlag der Regierung, aber eine Frage, die sich zwangsläufig stellen würde. Die Situation im italienischen Fußball bezeichnete Monti als "schauderhaft".

"Das ist schlimmer als 2006"

Der neue Skandal besitzt eine Dynamik, die auch unter den Aktiven große Besorgnis auslöst. "Das ist schlimmer als 2006", sagt Mittelfeldspieler Daniele de Rossi mit Blick auf den Calciopoli-Skandal. "Damals standen Funktionäre im Zentrum des Skandals, aber heute sind es Leute, die du jeden Tag auf dem Feld siehst. Das schmerzt", sagte der Weltmeister von 2006. Resigniert bemerkte de Rossi: "Offensichtlich ist das ein Markenzeichen des italienischen Fußballs."

Doch mittlerweile scheint klar zu werden, dass dieser Skandal eine weitaus größere Reichweite besitzt. Die Hintermänner, ungarische und albanische Gruppen, geführt aus Hightech-Firmen in Asien, tauchen nicht nur in den italienischen Akten auf. Mittlerweile arbeiten fast ein dutzend europäischer Polizeien und Staatsanwaltschaften an der Bekämpfung des Matchfixings.

"Wir stoßen dabei immer wieder auf ähnliche Strukturen, ähnliche Namen, ähnliche Firmen. Wir nähern uns den Köpfen dieses Virus' an", sagte ein italienischer Ermittler SPIEGEL ONLINE. Behördenvertreter aus dem Land des vierfachen Weltmeisters besuchten nach Informationen von SPIEGEL ONLINE zuletzt auch die im Jahr 2011 in Deutschland verhafteten Wettbetrüger Ante Sapina und Marijo Cvrtak. "Für ins geht es darum, zu verstehen, wie der Geldfluss hinter der Manipulation genau funktioniert. Wenn wir das nachvollziehen können, sind harte Fakten geschaffen", sagt der Ermittler.

Geldflüsse über die Alpen bis nach Asien gesteuert

Der Deutschlandbesuch war für die Korruptionsjäger jedoch nicht wirklich ertragreich. Die Protagonisten des hiesigen Wettskandals, die der Bochumer Staatsanwalt Andreas Bachmann 2011 noch als "Champions League des Wettbetrugs" bezeichnete, sind vielmehr kleine Fische im Vergleich zu den Auftraggebern aus Osteuropa oder Asien.

Mehr Erkenntnisse könnten den Behörden die Aussagen der nun ebenfalls verhafteten fünf Ungarn liefern. Diese sollen, so ein Ermittler, die Geldflüsse der Gewinne über die Länder Österreich und Schweiz bis nach Asien gesteuert haben. Sie hatten dabei sowohl zu den sogenannten "Superagents" direkten Kontakt, also den einflussreichsten Wettagenten, die für die großen Wettanbieter arbeiten und umsatzstarke Zocker an Land ziehen sollen, als auch zu den Spielern in Italien.

"Das Ganze wird betrieben wie ein großes Business mit klaren Hierarchien und Aufgaben. Und es verläuft an internationalen Schnittstellen, was die Arbeit für die Polizeien und Staatsanwälte extrem erschwert", sagt ein ehemaliger Ermittler, der nunmehr als Berater für Wettanbieter fungiert und diesen aufzeigt, wie sie sich vor Wettbetrug schützen können.

Wenn die italienischen Behörden ihre Aufklärungsarbeit weiterhin in dieser Intensität fortführen, und nicht an Stellen aufgeben, an denen die deutsche Justiz kapitulierte, dann könnte noch einiges auf die Tifosi zurollen. Es ist sogar nicht ausgeschlossen, dass sich die Vernehmungen bis ins EM-Turnier ziehen werden.

Mit Leonardo Bonucci geriet ein Verteidiger von Juventus Turin in den Fokus der italienischen Justiz, der zum EM-Kader der Squadra Azzura gehört. Er bestreitet zwar den Vorwurf, die 2010 ausgetragene Begegnung zwischen Udinese Calcio und dem AS Bari (3:3) zum Zwecke einer "Über-Tor-Wette", also einer Zockerei bei der eine bestimmte, zumeist hohe Anzahl an Treffern benötigt wird, manipuliert zu haben. Doch sind weitere Vernehmungen des 25-Jährigen nicht ausgeschlossen. Zudem laufen nun auch die Verhöre der verhafteten Ungarn, für die Italien ein internationales Rechtshilfeersuchen beantragt hat. Es scheint nicht ausgeschlossen, so die Ermittler, dass die Osteuropäer weitere Spieler und Funktionäre belasten werden.



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insgesamt 6 Beiträge
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Seite 1
Jule25 29.05.2012
1. .
Man darf den Fußball nicht verbieten. Man stelle sich nur vor die ganze Gewalt sich auf der Straße entlädt. Wobei das im Stadion keinesfalls zu rechtfertigen ist. Besonders dann, wenn selbst die Polizei nicht eingreift. hier ein Beispiel: Link (http://kaotic.com/12302_Fights-Non-Whites-Should-Stay-Away-From-Euro-2012.html)
ja-sager 29.05.2012
2. tja ...Italia....
das hatten wir doch schon mal kurz vor der WM in Deutschland... da gibt es nur eins: Ausschluss von allen internationalen Wettbewerben. Was die Italiener dann in ihren eigenen Land tun, ist alleine ihre Sache.
van51 29.05.2012
3. optional
einfach ein exempel statuieren und strafen verhängen die weit über das vorgesehene maß hinausgehen...also nichts da mit 2 jahre auf bewährung sondern gleich 7 oder 10 gefängnis... das würde schon gehörig abschrecken...
christian.steinmetz 30.05.2012
4. Der italienische Fussball war immer schon foul,...
..., Sie haben ihre Spiele immer nur mit einer Menge Fouls oder Provokationen gewonnen. Sie waren immer die besten Spielverderber, spielerisch besonders gut waren sie nie. Einzelkämpfer, aber einig darin, den Gegner um seinen Sieg zu betrügen. Wie sagte Max Merkel schon über das Foulspiel der Italiener: 'Ein liegender Italiener ist gefährlicher als ein stehender',...
kabian 30.05.2012
5. Brot und Spiele
Zitat von Jule25Man darf den Fußball nicht verbieten. Man stelle sich nur vor die ganze Gewalt sich auf der Straße entlädt. Wobei das im Stadion keinesfalls zu rechtfertigen ist. Besonders dann, wenn selbst die Polizei nicht eingreift. hier ein Beispiel: Link (http://kaotic.com/12302_Fights-Non-Whites-Should-Stay-Away-From-Euro-2012.html)
Sind Fußballspiele für sie dann die modernen Gladiatorenwettkämpfe? Wir brauchen den Fußball wegen der Gewalt auf dem Platz und auf den Rängen? Und ich dachte immer, das wir das Weltbild des alten Roms längst hinter uns gelassen hatten.
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