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Deutsch-englische Fanfreundschaft: Leipziger Freitagsdemo

Von Martin Große, Leipzig

Die einen spalteten sich von einem Traditionsclub ab, weil sie den Investor verachten. Die anderen gründeten ihren berühmten ostdeutschen Verein neu. Heute Abend ist der FC United of Manchester beim 1. FC Lok Leipzig zu Gast. Es ist auch die Geschichte zweier Männer, die einen Traum hatten.

Wie es genau dazu gekommen ist, weiß Matthias Löffler, 23, heute nicht mehr. Der Student der Politikwissenschaften legte vor fast genau einem Jahr in einem irischen Pub in Leipzigs Schickeriameile, der Gottschedstraße, als Disc-Jockey auf. Ein Guinness zum Schluss sollte es sein, doch an der Bar saß dieser merkwürdige Engländer. Auch John Marley, 32, wollte eigentlich nur noch ein Bier trinken, ihm gefiel aber die Musik des DJs und so kam man ins Gespräch. Klischeebemühte könnten nun vermuten, dass zwei Männer nachts in einer Kneipe nur über eines sprechen können - Fußball. Und sie hätten Recht.



Der Engländer und der Deutsche sind Fußballfans und beide kannten an diesem Abend eine traurige Geschichte. Marley erzählte eine von der bösen Heuschrecke Malcolm Glazer, die Manchester United aufkaufte, aus Geldgier die Eintrittspreise erhöhte und mit Merchandising die Fankultur erschlug. Löffler sang das Lied von unfähigen Managern, Trainern und dem Niedergang des VfB Leipzig. Einen Kneipenwechsel und einige letzte Biere später stimmten sie das Ende vom Lied der jeweiligen Geschichte gemeinsam an. Dabei ging es um Fans, die ihren Verein wiedergründen oder gründen und eine Mannschaft aufstellen wollen.

Morgen Abend, an einem symbolträchtigen Datum, treffen in Leipzig Löfflers und Marleys Clubs aufeinander. Zwei Vereine, die ihre Geschichte neu geschrieben haben.

64 Spiele ungeschlagen

Der eine ist der 1. FC Lok Leipzig. So heißt der Nachfolgeverein, der von den Fans gegründet wurde, nachdem der VfB Leipzig 2004 Insolvenz hatte anmelden müssen. 1. FC Lok Leipzig, wie damals 1974, als dieser im Uefa-Pokal der Schrecken der englischen Vereine war. Auf dem Weg ins Halbfinale schaltete der Club unter anderem Ipswich Town und die Wolverhampton Wanderers aus. Der Start in der elften Liga war ein Volksfest, seit 64 Spielen ist der Club ungeschlagen und spielt inzwischen in Liga 6. Im Schnitt besuchen 1800 Zuschauer die Spiele. Der Rekord liegt bei 12.421 Besuchern für ein Spiel in der 3. Kreisklasse (gegen Eintracht Großdeuben) - der untersten möglichen Liga in Deutschland.

Jenseits des Ärmelkanals krempelten die englischen Fans selbige hoch, nachdem am 12. Mai 2005 feststand, dass der neue Besitzer von Manchester United Börsenspekulant Malcolm Glazer ist. Im Juni wurde der FC United of Manchester gegründet, über eine Zeitungsannonce Spieler gesucht und dann bei einem Casting aus über 2000 Bewerbern 18 Spieler herausgefiltert. Der Start auf der Insel in Liga 10 konnte in Angriff genommen werden. Knapp 3000 Besucher hat der Verein durchschnittlich bei seinen Spielen im Gigg Lane Stadion von Manchester, das von einem Viertligisten extra angemietet wurde. Der Aufstieg steht seit April fest.

Im Gegensatz zu vielen alkoholgeschwängerten Freundschaftsbekundungen hielten John Marley und Matthias Löffler Kontakt, denn sie hatten ihren gemeinsamen Traum - ein Freundschaftsspiel zwischen dem 1. FC Lok Leipzig und FC United of Manchester. E-Mails wurden getippt, Briefe geschrieben und der Gedanke an das Freundschaftsspiel geäußert. Im Februar schließlich klingelte das Löfflers Handy und Uniteds Vereinsvize Luc Zentar bekundete sein Interesse an einem Spiel. Am 18. März reiste der deutsche Student nach Manchester. Im Gepäck hatte er "Leipziger Lerchen" (Gebäck), zwei Flaschen Bier, ein Glas Leberwurst und einige Vereinsdevotionalien seines Lieblingsclubs. Ein netter "Kraut", fanden die Engländer, was auch an dessen Trinkfestigkeit lag, die Mannschaft und Chefetage selbstverständlich testete.

Das letzte Bier im Pub

Eine Woche später stieg Luc Zentar ins Flugzeug, um sich Leipzig und den 1. FC Lok anzuschauen. Spätestens dann war klar, dass die Idee zweier trinkfester Fußballfans Wirklichkeit werden würde. Der gewählte Tag für das Freundschaftsspiel kann symbolträchtiger kaum sein. Am 12. Mai 2005 kaufte Malcolm Glazer Manchester United, ein Jahr später hat der FC United of Manchester sein erstes Auswärtsspiel in Deutschland.

Und der Andrang aus England ist groß, erwartet werden zum Anpfiff um 20 Uhr im Bruno-Plache-Stadion bis zu 1000 Fans von der Insel. Wieviele Engländer sich hinter den bisher in Leipzig verkauften 4000 Karten verbergen, kann keiner abschätzen. Auch Matthias Löffler nicht, dessen Handy in diesen Tage nicht aufhört zu klingeln. Löffler organisiert noch die Aftershowparty, ein Fanzine, eine Liveübertragung über das Internet - und das alles neben dem Studium. Auch ist er am nächsten Tag dabei, wenn die Fans auf dem Rasen freundschaftlich gegeneinander antreten. Wirklich vorbei ist es für ihn, "wenn ich mit John wieder ein letztes Bier im Pub trinken gehen kann".

Für John Marley hat sich das Engagement auch beruflich gelohnt, denn er ist jetzt der Pressemann für Manchester. Das Rückspiel findet im September auf der Insel statt. Zum Spiel in Leipzig hat sich übrigens auch eine Gesandtschaft von Fans des SV Austria Salzburg angemeldet. Der Uefa-Cup-Finalist von 1994 wurde dieses Jahr von Red Bull aufgekauft.

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