Deutsch-holländische Rivalität Nur Völler spielt nicht mit

Die deutsche Fußball-Nationalelf startet heute Abend gegen die Niederlande in die EM. Begriffe wie Hass und Feindschaft begleiten das Duell - viel mehr als Rudi Völler lieb ist. Der Teamchef, als Spieler einst Opfer einer holländischen Spuckattacke, erwehrt sich des öffentlichen Drucks mit Gelassenheit und Humor.

Von Till Schwertfeger


WM-Achtelfinale 1990: Der Niederländer Rijkaard (r.) bespuckt Völler
DPA

WM-Achtelfinale 1990: Der Niederländer Rijkaard (r.) bespuckt Völler

Porto - "Im Fußball geht es nicht um Leben oder Tod - es geht um mehr", erklärte einst Bill Shankley, der legendäre Manager des FC Liverpool. Wer in diesen Tagen im Internet surft, Zeitung liest und Fernsehen schaut, muss den Glauben gewinnen, dass heute ab 20.45 Uhr (MESZ, Liveticker SPIEGEL ONLINE) in Portos Drachenstadion zwischen Deutschland und den Niederlanden der Krieg auf dem Rasen ausbricht.

Im Werbespot eines Anbieters von Fußballwetten tragen Autofahrer der beiden Nachbarländer lebensgefährliche Zweikämpfe auf der Landstraße aus, im World Wide Web bietet ein Niederländer allen, die darin Genugtuung verspüren, die Gelegenheit, deutschen Fußballern virtuell mit dem Hammer eins überzubraten, und selbst die des Krawallmachens unverdächtige "Weltwoche" aus der Schweiz hat als Titelthema "Der dreißigjährige Krieg, 1974 bis 2004" auf dem Cover. Der differenzierte Report des in Holland aufgewachsenen englischen Journalisten Simon Kuper über das gespannte Verhältnis der Fußballnationen Deutschland und Holland, das in der überraschenden 1:2-Niederlage der "Oranjes" im WM-Finale 1974 seinen Ursprung hatte, trägt die Überschrift "90 Minuten Hass".

Philipp Lahm, Deutschlands Linksverteidiger heute Abend gegen die Niederlande, war noch keine sieben Jahre alt, als Rudi Völler im WM-Achtelfinale 1990 von seinem Gegenspieler Frank Rijkaard bespuckt und des Feldes verwiesen wurde, doch er hat den Rückblick auf die Weltmeisterschaft in Italien unzählige Male auf Video gesehen. Angesprochen auf die deutsch-holländische Rivalität sagte er im DFB-Mannschaftsquartier an der Algarve: "Jeder weiß, was damals passiert ist. Jetzt können wir zeigen, was wir drauf haben." Auch Arne Friedrich, 24, erinnert sich an die "Spuckattacken" gegen seinen Teamchef, kündigt nun ein "aggressives Spiel mit viel Feuer" sowie den Einsatz "deutscher Tugenden" an, die dem "Land helfen" können.

Das sind zwar größtenteils Floskeln, die Fußballprofis vor fast jedem halbwegs wichtigen Spiel bemühen. Doch weil es so schön zu Schlagzeilen wie "Schießt den Holländern die Löcher aus dem Käse!" passt, wird auch die Ankündigung von Völlers Taktikassistent Michael Skibbe in der vom deutschen Einheitsfernsehen aus Portugal täglich live übertragenen Pressekonferenz, "den Holländern den Schneid abzukaufen", als eine Art Kriegserklärung interpretiert.

Nur einer spielt das Spiel mit alten Geschichten und Vorurteilen nicht mit: Rudi Völler. Dabei hat der DFB-Teamchef unmittelbar miterlebt, wie sich 1988 nach der EM-Halbfinalniederlage gegen die Niederländer im Hamburger Volksparkstadion Ronald Koeman, Abwehrchef der "Oranjes", schadenfroh das Trikot Olaf Thons griff und so tat, als wische er sich damit den Hintern sauber. Der Journalist Kuper recherchierte, dass es am Abend des 2:1 in den Niederlanden zur größten Massenkundgebung seit der Befreiung von der NS-Besatzung kam. Der Auflauf der Menschen in den Straßen zwischen Groningen und Rotterdam resultierte aber in erster Linie aus der Genugtuung über die sportliche Revanche für das verlorene WM-Finale von 1974. Wenige Tage später durften die Holländer in München den Gewinn der Europameistermeisterschaft feiern.

Dass Rijkaard zwei Jahre später Völler in die Locken spuckte, war kein hasserfüllter Angriff auf den Deutschen, sondern Ausdruck der Krise in Rijkaards Privatleben und der allgemeinen Unstimmigkeiten in der niederländischen "Elftal", die trotz erstklassiger Spieler eine miserable Weltmeisterschaft spielte und gegen die deutsche Mannschaft verdient mit 1:2 ausschied. Rijkaard hat sich für seine Entgleisung längst bei Völler entschuldigt, für den das immer noch gern zitierte "Drama Lama" nicht mehr als eine 14 Jahre alte Geschichte ist. "Wir dürfen nicht vergessen, dass es nur um ein Fußballspiel geht", sagt der 44-Jährige vor dem EM-Auftakt seines Teams gegen die Holländer - und ist mit dieser Aussage ganz weit weg von Shankley.

Deutschland als Voodoo-Puppe: Ausdruck von Hass und Feindschaft
REUTERS

Deutschland als Voodoo-Puppe: Ausdruck von Hass und Feindschaft

Seit 1990 hat es etliche Ländervergleiche zwischen Deutschland und den Niederlanden gegeben - ohne auch nur irgendeine hässliche Szene. Im Unterschied zu früher sind die "Oranjes" meistens als Gewinner vom Platz gegangen. Der letzte Sieg einer DFB-Auswahl datiert aus dem Jahr 1996. Zwar echauffierte sich Bondscoach Dick Advocaat im holländischen Camp in Albufeira über die von den Deutschen gewählte Außenseiterrolle, ansonsten jedoch haben die professionellen Beobachter der seriösen Medien dort - allen aufgeregten Schlagzeilen zum Trotz - eine große Gelassenheit vor dem "kleinen Derby" (Völler) registriert.

Rudi Völler hält den Ball nicht nur flach, sondern hat auf den obligatorischen DFB-Pressekonferenzen in Almancil durch seine Lockerheit sogar einen holländischen Freund gewonnen. Im Dialog mit dem Reporter eines niederländischen Fernsehsenders ("Hallo, Herr Völler, was macht Ihr Magenfiebern?") offenbarte Deutschlands Teamchef ungeahnte Entertainerqualitäten, die den TV-Journalisten so sehr beeindruckten, dass er dem deutschen Team gegen Holland "viel Glück und viel Erfolg" wünschte.

Deutschland - Niederlande 20.45 Uhr in Porto
(die voraussichtlichen Mannschaftsaufstellungen)
Deutschland: 1 Kahn (Bayern München/34 Jahre/69 Länderspiele) - 3 Friedrich (Hertha BSC/24/19), 4 Wörns (Borussia Dortmund/32/56), 5 Nowotny (Bayer Leverkusen/30/43), 21 Lahm (VfB Stuttgart/20/6) - 8 Hamann (FC Liverpool/30/55), 6 Baumann (Werder Bremen/28/24) - 19 Schneider (Bayer Leverkusen/30/37), 13 Ballack (Bayern München/27/41), 22 Frings (Borussia Dortmund/27/29) - 10 Kuranyi (VfB Stuttgart/22/12)
Niederlande: 1 van der Sar (FC Fulham/33/84) - 18 Heitinga (Ajax Amsterdam/20/6), 4 Bouma (PSV Eindhoven/26/12), 3 Stam (Lazio Rom/31/62), 5 van Bronckhorst (FC Barcelona/29/36) - 14 Sneijder (Ajax Amsterdam/20/9), 6 Cocu (FC Barcelona/33/79), 8 Davids (FC Barcelona/31/63) - 7 van der Meyde (Inter Mailand/24/13), 10 van Nistelrooy (Manchester United/27/33), 11 van der Vaart (Ajax Amsterdam/21/18)
Schiedsrichter: Frisk (Schweden)

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