Deutsche Meisterschaften Der ultimative Kick

Die Tipp-Kick-Gemeinde hat am Wochenende ihren Deutschen Meister ausgespielt. Die Titelkämpfe sind dabei so etwas wie lockere Familientreffen - auch wenn alle Teilnehmer überzeugt davon sind, dass hier ein echter Sport betrieben wird.

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Über Tipp-Kick wurde lange nicht mehr so viel berichtet wie in diesem Jahr. Schuld daran ist eine Frau. Lange dunkle Haare, um die Hüften ein bisschen pummelig und sieben Zentimeter groß. Die erste weibliche Tipp-Kickfigur in der 85-jährigen Geschichte des Spiels hat es zu Jahresbeginn sogar bis in die Hände von Bundeskanzlerin Angela Merkel geschafft, die ein Exemplar überreicht bekam. So viel Wirbel hält Yvi Laing für übertrieben. "Tipp-Kick ist doch längst keine Männersache mehr", sagt sie, und sie muss es wissen - als eine der Teilnehmerinnen an der 24. Deutschen Meisterschaft, die am Wochenende in Berlin ausgetragen wurde.

Seit vier Jahren gehört Laing zur aktiven Tippkick-Gemeinde. Ihr Ex-Freund spielte im Verein und hat sie drauf gebracht. Der Freund ist mittlerweile Vergangenheit, die Liebe zum Spiel blieb. Der Verein, in dem sie spielt, nennt sich "Flinke Finger Bruck". Gut 70 Vereine gibt es deutschlandweit, der große Boom im "professionellen" Tipp-Kick ist allerdings schon seit längerem vorbei. Vor 25 Jahren meldete der Deutsche Tipp-Kick-Verband etwa 2500 Mitglieder, heute sind es noch 580. Meisterschaften wie in Berlin werden so mehr oder weniger zu Familientreffen. Man kennt sich, man klönt.

Stefan Peuckert ist so etwas wie der Stammvater der Familie. Das Turnier in Berlin ist seine 21. Meisterschaftsteilnahme. Der Bochumer kam schon 1980 als 14-Jähriger zum Tischfußball der kleinen Männchen mit dem Knopf auf dem Kopf. Mittlerweile hat der Bochumer schon sechs oder sieben Vereine durchlaufen. Wenn einer weiß, worauf es bei dem Spiel ankommt, dann er. "Konzentration ist das Allerwichtigste", sagt er und zieht Parallelen zu einem anderen Spiel. "Irgendwie ist Tipp-Kick so eine Kopfsache wie Schach", findet Peuckert: "Und wenn Schach als Sport gilt, dann ist Tipp-Kick das auch."

Fast alle als Jugendliche angefangen

Überhaupt: Keiner der Teilnehmer hat Zweifel daran, dass es sich hier um einen echten Sport handelt. Es gibt eine Erste Bundesliga, in der neun Teams den Mannschaftstitel ausspielen. Es gibt den klassischen Unterbau über die Regional- bis hin zur Verbandsliga, es wird jedes Jahr der Deutsche Pokal ausgelobt. Alles wie bei den Großen.

So gehen die Teilnehmer der Meisterschaften die Sache auch an. Fast alle sind im Verein aktiv, fast alle trainieren jede Woche. Erik Overesch zum Beispiel, der sich der SG 94 Hannover angeschlossen hat. Auch eine typische Tipp-Kick-Biografie: Als 12-Jähriger bei einer Jugendferienfreizeit lernte er das Spiel kennen. Zusammen mit zwei Kumpel von damals ist er am Ball geblieben. Fast alle, die am Wochenende um Titelehren spielten, sind irgendwie in ihrer Kindheit mit dem zwölfeckigen Spielgerät in Berührung gekommen. Ihre Figuren von damals hüten sie wie Schätze in ihren mitgebrachten Holzkistchen. Sie sind mit ihnen durchs Leben gegangen.

Tränchen nach dem Endspielsieg

Obwohl Abwechslung durchaus auch der Weg zum Erfolg sein kann. Alexander Beck ist sich sogar sicher, dass ihn das zum Meister gemacht hat. Der Frankfurter schlug im Endspiel Fabio de Nicolo vom Verein TKF Wicking Leck und vergoss danach sogar ein paar Tränchen. "Ich habe mir zu Saisonbeginn drei neue Spieler besorgt, das hat mich so stark werden lassen", sagt er. Ein Rezept, das sich Bayern-Trainer Louis van Gaal bei Beck einmal hätte abschauen sollen.

Beck und de Nicolo - beide waren schon einmal Deutsche Meister. Was belegt, dass Erfolg im Tipp-Kick nicht unbedingt etwas mit Zufall zu tun hat. Eher mit Fingerspitzengefühl, mit gutem Timing, mit Nervenstärke. Die "Zeit" hat das Spiel mal eine Mischung aus Billard, Tischtennis und Blitzschach genannt.

Außenstehenden mag es ein wenig wunderlich erscheinen, dass sich erwachsene Menschen stundenlang und täglich über das kleine 1,06 Meter lange und 70 Zentimeter breite Spielfeld beugen und mit heiligem Ernst auf die Knöpfe ihrer kleinen Spielfiguren zu drücken. Aber den Aktiven ist das egal. "Aus meiner Sicht ist es die perfekte Ablenkung für den Beruf", sagt Overesch. Im Job kümmert er sich um die Logistik eines Hannoveraner Unternehmens. Nach Feierabend packt er die Figuren aus: "Damit hole ich mir den Spaß in den Alltag. Den hat man im Beruf ja nicht immer und automatisch."

Gespielt wurde am Wochenende übrigens nur mit den Männer-Figuren.



insgesamt 5 Beiträge
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Seite 1
ykarsunke 18.10.2010
1. was soll die haeme?
Zitat von sysopDie Tipp-Kick-Gemeinde hat am Wochenende ihren Deutschen*Meister ausgespielt. Die Titelkämpfe sind dabei so etwas wie lockere Familientreffen - auch wenn alle Teilnehmer überzeugt davon sind, dass hier ein echter Sport betrieben wird. http://www.spiegel.de/sport/fussball/0,1518,723645,00.html
gerade gestern hat zum grossen vergnuegen des publikums (und gewiss nicht zum finanziellen nachteil der veranstalter) ein boxer seinen hoffnungslos unterlegenen gegner volle zwoelf runden lang krankenhausreif gepruegelt - also wenn das "sportlicher" ist...
hansmaus 18.10.2010
2. Titel:
Zitat von ykarsunkegerade gestern hat zum grossen vergnuegen des publikums (und gewiss nicht zum finanziellen nachteil der veranstalter) ein boxer seinen hoffnungslos unterlegenen gegner volle zwoelf runden lang krankenhausreif gepruegelt - also wenn das "sportlicher" ist...
Ach sie meinen die ausnahmsweise mal nicht staatlich subventionierte Gewaltorgie (ARD) ? Erbärmlich dann lieber eine gepflegte Runde Tippkick mit dem Sohnemann
burgundy 18.10.2010
3. Wenn ich da noch an meine Kindheit denke...
da kam Tipp-Kick erst so richtig auf. Ich habe mir schon oft gedacht, ob ich's wieder probieren soll, vielleicht, wenn mein Sohn etwas älter ist. Was mich damals gestört hat, war, dass man nur mit einem Spieler spielen konnte. Ich hätte es gerne mit zweien versucht, die einander zupassen. Aber dann hätte es wohl ein Chaos gegeben... Allen Tipp-Kickern viel Freude!
alexpa 19.10.2010
4. Kickern offizieller Sport
Es gibt keinen Grund, sich über's Kickern lustig zu machen! Tischfußball gilt mittlerweile als offizieller Sport, so hat zumindest ein hessisches Finanzgericht geurteilt: http://blog.decido.de/tischfusball-jawoll-kickern-ist-ein-sport-6462/
Haio Forler 19.10.2010
5. .
Zitat von burgundyda kam Tipp-Kick erst so richtig auf. Ich habe mir schon oft gedacht, ob ich's wieder probieren soll, vielleicht, wenn mein Sohn etwas älter ist. Was mich damals gestört hat, war, dass man nur mit einem Spieler spielen konnte. Ich hätte es gerne mit zweien versucht, die einander zupassen. Aber dann hätte es wohl ein Chaos gegeben... Allen Tipp-Kickern viel Freude!
[QUOTE=burgundy;6459682]da kam Tipp-Kick erst so richtig auf. Ich habe mir schon oft gedacht, ob ich's wieder probieren soll, vielleicht, wenn mein Sohn etwas älter ist. Was mich damals gestört hat, war, dass man nur mit einem Spieler spielen konnte. Ich hätte es gerne mit zweien versucht, die einander zupassen. Aber dann hätte es wohl ein Chaos gegeben... QUOTE]Deine Variante qäre gar nicht so schlecht. Geht doch auch. Und warm TK nicht mit 2 Abwehrspieler? Ist doch auch realistischer, wenn ein Siel 1:0 ausgeht als 7:2.
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