Ärger um BVB-Spieler Großkreutz gibt den reuigen Sünder

Berichte über den randalierenden Kevin Großkreutz haben den Südtiroler Frieden bei der WM-Vorbereitung der Nationalelf gestört. Der Dortmunder gibt sich als reuiger Sünder, der DFB sieht von Konsequenzen ab. Denn Großkreutz wird sportlich gebraucht.

REUTERS

Aus Sankt Leonhard/Südtirol berichtet


SPIEGEL ONLINE Fußball
Den Medientag des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) bei der WM-Vorbereitung in Südtirol darf man sich wie eine Art Speeddating vorstellen. Die Spieler sitzen an Tischen mit vier, fünf Stühlen drumherum für die Journalisten, und alle fünf Minuten wechseln die Berichterstatter zum nächsten Nationalspieler. Eine der wenigen Gelegenheiten vor dem Turnier, bei der Journalisten und Spieler mal Auge in Auge reden können, wenn auch nur für ein paar Minuten.

Eine entspannte Angelegenheit für alle Beteiligten ist das, nur an einem Tisch herrschte reichlich Hektik. Beim Dortmunder Kevin Großkreutz musste ständig ein Mitglied der DFB-Presseabteilung dabei sein und den Aufpasser spielen, die Medienvertreter regelmäßig ermahnend: "Nur eine Frage zu dem Vorfall!"

Der Vorfall. Er hat die ohnehin durch die Verletzungssorgen getrübte Südtiroler Idylle heftig gestört. Großkreutz hatte nach dem unglücklich verlorenen Pokalendspiel gegen den FC Bayern vor einer Woche das getan, was auch Tausende Dortmunder Fans in jener Nacht gemacht hatten: seinen Frust über die Niederlage in Alkohol aufgelöst. Danach war er allerdings - und das unterscheidet ihn von der Mehrheit der BVB-Fans - ausfällig geworden, hatte in einer Berliner Hotellobby randaliert und dabei, wie es hieß, an eine Säule im Hotel uriniert.

Erst vor wenigen Wochen auffällig geworden

Großkreutz also wieder, der erst vor Wochen Schlagzeilen gemacht hatte, als er in Köln in eine Auseinandersetzung mit einem Fan geraten war, in deren Folge ein Döner durch die Gegend flog. "Was in Berlin passiert ist, tut mir sehr leid. Es wird auch nicht wieder vorkommen", sagte ein extrem kleinlauter Großkreutz am Sonntag. Genau dasselbe hatte er allerdings auch schon nach dem Döner-Wurf verlauten lassen.

Nun ist Großkreutz aufgrund seiner großen Flexibilität bei der Nationalelf durchaus geschätzt. Bis auf Mittelstürmer hat der Dortmunder wahrscheinlich schon jede Position auf dem Spielfeld gespielt, inklusive der des Torwarts. Nur Pressesprecher wäre wahrscheinlich der einzige Job, dem man ihm im Verein nie im Leben anbieten würde. Der 25-Jährige wirkte am Sonntag mit der Situation reichlich überfordert, zog immer wieder nervös an seiner Wasserflasche. Und wollte außer der leise gemurmelten Entschuldigung auch nichts mehr dazu sagen.

Das mussten dann seine Vereinskollegen erledigen. Torwart Roman Weidenfeller, beim BVB ohnehin so etwas wie ein Herbergsvater, räumte zwar ein, dass "man als Profi auch Vorbild sein muss", ärgerte sich aber vor allem darüber, dass "jetzt in der Öffentlichkeit so ein Bild von Kevin entsteht. Das hat er sportlich nicht verdient."

Sportlich ist Großkreutz im Kader unverzichtbar

Es ist wohl auch sein sportlicher Wert, der ihm das WM-Ticket auch trotz dieser neuerlichen Eskapade bewahren dürfte, die bei Twitter schon als "Watergate" verspottet wird. Bundestrainer Joachim Löw und Nationalmannschaftsmanager Oliver Bierhoff haben zwar offiziell strenge Worte gesprochen - "Wir haben ein ernstes Gespräch mit ihm geführt und ihn an seine Vorbildrolle erinnert" - aber weitere Konsequenzen wird es für den 25-Jährigen kaum geben. Großkreutz ist zu wichtig als jemand, der in der Defensive auf so vielen Positionen einsetzbar ist. Wenn man so will: Großkreutz ist eine Säule in Löws Personalkonzept.

Ähnlich war der Bundestrainer vor zwei Jahren kurz vor der Europameisterschaft mit dem Münchner Jérome Boateng verfahren, der sich in der Nacht vor der Abreise ins EM-Quartier mit dem TV-Sternchen Gina-Lisa Lohfink aufs Hotelzimmer verzogen haben soll. Löw reagierte verärgert über die Disziplinlosigkeit des Bayern-Profis, aber Boateng stand dennoch in der Startelf beim EM-Auftakt gegen Portugal - und machte ein starkes Spiel.

Dass der DFB in ähnlichen Situationen nicht immer gleich verfährt, musste der Gladbacher Max Kruse erfahren. Auch er soll sich einen Verstoß gegen die Benimmregeln bei der Nationalmannschaft geleistet haben, wie unter anderem die "Bild"-Zeitung kürzlich berichtet hat. Der DFB hat das offiziell nie bestätigt, aber es soll mit ein Grund dafür gewesen sein, dass Kruse überraschend nicht für den WM-Kader nominiert wurde - trotz davor deutlich aufsteigender Form.

Nun ist Kruse allerdings auch ein waschechter Stürmer. Und denen misst Löw ohnehin nicht mehr die große Bedeutung im modernen Fußball zu.

insgesamt 133 Beiträge
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Seite 1
PeterLublewski 25.05.2014
1. Ablage P
"Großkreutz gibt den reuigen Sünder" Prima, dann kann diese Bagatelle ja in Ablage P verschwinden.
matthäuspassion 25.05.2014
2. Ein Säulenheiliger
kann KG nun nicht mehr werden ...
MarkusW77 25.05.2014
3.
Was grosskreutz getan hat ist sicherlich seitens der Verantwortlichen nicht kommentarlos hin zu nehmen. Aber alle basher hier im Forum sind nichts weiter als scheinheilige Blockwarte. Am schlimmsten die aus der süddeutschen Ecke, die jetzt das Privatleben zum sportlichen ko Kriterium machen wollen, vor kurzem aber ganz klar eine Trennung von Kapitalverbrechen und Vereinstätigkeit gefordert haben. Und bitte akzeptiert das es verschiedene Menschen gibt aus unterschiedlichen Schichten. Einige schlafen mit Goethe und Beethoven ein, andere werden in einfachen Verhältnissen groß, und freuen sich über einen gelungenen Saufabend mit den Kumpels. Wichtig ist mMn nur, das keine kriminelle oder böse Energie dahinter steckt. Dann darf eigentlich jeder so leben wie er mag. ( dazu gehört nicht in Hotel Lobbys zu pinkeln) Und wenn jemand es einfach nicht gelernt hat, sich in interview s rhetorisch geschickt auszudrücken, dann muss man ihn nicht als hohl o.ä. bezeichnen, dann hat diese Person als Mensch vielleicht einfach woanders stärken.
beutedeutsche 25.05.2014
4. Depardieu reloaded
Der arme Kevin wollte offensichtlich den grossen Schauspieler imitieren... Die Aussagen von DFB-Funktionaren sind einfach erbärmlich, aus der Sorte: "Der wollte doch nur spielen"...
sebastian_f 25.05.2014
5.
Heißt es nun die Säule oder das Säule? :)
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