Museum in Dortmund Der deutsche Fußball von seiner fröhlichen Seite

In Dortmund wird am Sonntag das Deutsche Fußballmuseum eröffnet. DFB-Präsident Wolfgang Niersbach beschreibt die Ausstellung bei der Präsentation als "Jahrhundertprojekt". Kritische Themen werden weitgehend ausgeblendet.

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DFM/ Triad

Dort, wo der Mittelpunkt der Dauerausstellung des Deutschen Fußballmuseums sein soll, wo die großen Gefühle pulsieren und Mario Götze noch einmal in Superzeitlzupe sein WM-Finaltor schießt, sagt Joachim Löw einen schönen Satz. Gerade hat man als Besucher der Ausstellung eine bewegende Videoshow vom Werdegang und der Krönung der Weltmeister von 2014 vorgeführt bekommen, da sagt die Stimme des Bundestrainers: "Das Unberechenbare ist der Ball." Worte, die an diesem Tag von ganz besonderer Symbolkraft sind.

Denn in diesem Raum, der der "goldenen Generation" um Philipp Lahm, Bastian Schweinsteiger, Lukas Podolski und all den anderen gewidmet ist, steht Wolfgang Niersbach. Der DFB-Präsident muss fürchten, dass der Fußball derart unberechenbar ist, dass die Geschichte, die in dieser wohl wichtigsten Abteilung des Museums erzählt wird, umgeschrieben werden muss. Das Sommermärchen von 2006 ist so etwas wie der Gründungsmythos der amtierenden Weltmeister.

Getrübte Freude bei DFB-Präsident Niersbach

Kein Wunder, dass Niersbach angestrengt wirkt, freudlos. Es ist sein erster öffentlicher Auftritt seit in der aktuellen Ausgabe des SPIEGEL der Verdacht genährt wurde, dass die WM 2006 nur in Deutschland stattgefunden hat, weil die erforderlichen Stimmen mit dubiosen Geldern gekauft worden seien. Und zumindest von diesen dubiosen Geldern soll Niersbach gewusst haben, nun droht seine Funktionärskarriere abrupt zu Ende zu gehen. Und diese Sorge ist ihm deutlich anzusehen bei diesem Termin, der eigentlich wie gemacht ist für den Anekdotenfreund. Er hätte so schön plaudern und erzählen können, aber das ist nun nicht mehr möglich. "Meine Freude wäre noch größer, wenn es diese unberechtigten Vorwürfe nicht gäbe", sagt er nun.

Dass er sich ausgerechnet hier öffentlich zeigen muss, ist eine weitere dieser Gemeinheiten, die Löw wohl meint, wenn er von der Unberechenbarkeit des Fußballs spricht. Wenige Tage vor der offiziellen Eröffnung des Museums am 25. Oktober ist unklar, was von den Wahrheiten zu halten ist, die in Dortmund zur Schau gestellt werden.

Ist der DFB wirklich jener gute Verband, der von Funktionären geleitet wird, die sich aufrichtig für Dinge wie Gleichberechtigung und Korruptionsbekämpfung einsetzen? Ist Franz Beckenbauer tatsächlich die strahlende Lichtgestalt, als die er in einer geschickt konstruierten Vitrine voller Erinnerungsstücke dargestellt wird? Oder sind die DFB-Präsidenten, die von der Schautafel mit dem Titel "Die Köpfe des DFB" herunterlächeln, auch nicht besser als all die zwielichtigen Figuren, die seit Jahren im Weltfußball zu Gange sind?

Im Deutschen Fußballmuseum bekommt man vorerst keine Antworten auf diese Fragen, hier geht es vor allem um die fröhliche Seite des Spiels. Niersbach feiert das Museum als "Jahrhundertprojekt (…), wir haben hier etwas zu bieten, was die Welt noch nicht gesehen hat", ruft er. Und vermutlich hat er in diesem Punkt Recht. Denn anders als in früheren Fußballausstellungen und in den meisten Vereinsmuseen wird hier keine ausufernde Devotionaliensammlung präsentiert. "Alle Exponate sollen eine Geschichte erzählen", sagt Museumschef Manuel Neukirchner, und das gelingt trotz der Masse von rund 1600 Ausstellungsstücken erstaunlich gut.

"Der neue Wallfahrtsort für Deutschland"

Die 20 Kuratoren haben eine Mischung aus Anknüpfungspunkten für die Erinnerung, aus Retro-Ästhetik und Informationsvermittlung geschaffen, die einen großen Reiz hat. Wobei es eindeutig eher um das Erlebnis geht als um den Erwerb von Kenntnissen. Die Ausstellungsstücke wurden "mit Texten, mit Medien, mit Sound, mit Design, mit Licht, mit Klängen, mit Raumbildern kombiniert", sagt Neukirchner, "herausgekommen ist der neue Wallfahrtsort für Deutschland".

Wenn es auf einer Wallfahrt darum geht, vor allen Dingen unterhalten zu werden, hat der Geschäftsführer des Museums zweifellos Recht. Das Museum ist schlau konzipiert, sehr abwechslungsreich und technisch auf High-End-Niveau. Auf zahllosen Bildschirmen werden über 600 Filmschnipsel mit einer Gesamtlaufzeit von knapp 25 Stunden gezeigt, überall kann man draufdrücken, Dinge zum Leuchten bringen, Videos abrufen oder doch kontemplativ in textlastigen Ausstellungsbereichen versinken. Es ist eine gigantische Spielwiese für Fußballfans. Wer sich nicht gerade mit den Problemen Niersbachs herumplagen muss, kann eine Menge Spaß haben in dem schicken Museumsbau direkt am Dortmunder Hauptbahnhof.

Wer von solch einer Ausstellung allerdings auch einen ausführlichen Blick auf die dunklen Seiten des Spiels erwartet, wird enttäuscht. Themen wie Fangewalt, Doping, Rechtsradikalismus, Wettskandale oder die totale Kommerzialisierung des Fußballs tauchen zwar an der einen oder anderen Stelle auf, aber man muss schon sehr genau hinschauen, um sie zu finden. Das Museum ist gemacht für Leute, wie die Funktionäre sie sich in den Stadien wünschen: Familien, Touristen, fröhliche Fahnenschwenker, kurz: Konsumenten, die am besten auch noch empfänglich sind für die überall im Museum präsenten Werbebotschaften der DFB-Sponsoren Mercedes-Benz und Adidas.

Den Anspruch, das Phänomen Fußball in all seinen Facetten zu durchdringen, wird das Museum aber nur erfüllen, wenn kluge Sonderausstellungen, Lesungen und Diskussionsveranstaltungen die Dauerausstellung ergänzen.



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karend 20.10.2015
1. .
"Kritische Themen werden weitgehend ausgeblendet." Das können etliche hervorragend. Die Größe, den Augenblick zu ergreifen und sich unangenehmen Situationen zu stellen, wird vermisst. Dieses wird so lange verschoben, bis es dann nur noch unglaubwürdig wirkt. Aus der Politik ist das hinlänglich bekannt.
Markus Grentner 20.10.2015
2. Museum???
Dazu muss man jedoch wissen, dass dieses so genannte "Museum" genau so wenig ein solches ist wie dass der so genannte "Museumsdirektor" Manuel Neukirchner jemals ein solches Haus von Innen betreten hätte. Das Fußballmuseum ist ein weiteres Marketingtool des DFB und auch als ein solches zu betrachten. Schon betrieblich wird dieses "Museum" nicht als eine sammelnde Institution geführt ist, warum? Natürlich geht es auch hier um Geld, wie zumeist beim DFB. Hätte man tatsächlich ein Museum gewollt, dass sich mit den gesamten, genannten Themen kritisch auseinandersetzt und damit auch die Fußballkultur als Gesamtheit repräsentiert, wie überall behauptet wird, dann hätte man auch keine Werbeagentur für die szenographische und inhaltliche Ausarbeitung angeheuert, sondern sich ausgewiesenen Museumsfachleuten anvertraut. So nett und flauschig dieser Ort auch sein mag erfüllt er eben die essentiellen Eigenschaften eines Museums nicht, vielmehr werden die traditionellen Aufgaben eines Museums hier strukturell wie inhaltlich geradezu parodiert. Und dies geht letztlich auf Kosten derjenigen Menschen im Ruhrgebiet, die seit Jahren seriöse Museumsarbeit machen.
stefan.p1 20.10.2015
3. wichtig ist auf`m Platz
trotz des Beigeschmack UM den Fußball wird es keinen Menschen davon abhalten weiter ins Stadion zu gehen oder sich die Spiele im TV anzuschauen. Denn es geht um das Spiel und nicht um die Funktionäre. Auch wenn der Spiegel da versucht eine riesen Storry draus zu stricken, als wenn wir keine anderen Probleme hätten! Das wirklich Spannende an der Geschichte ist für mich die Frage , wie gründlich der Spiegel recherchiert hat!
sikasuu 20.10.2015
4. Der neue Wallfahrtsort für Deutschland? Was noch zu beweisen wäre
Nicht nur Probleme = die dunkele Seite des Sports werden ausgeblendet. Auch die Risiken des Betriebes auf die "Gastgebermannschaft" verlagert! . Die einmaligen Fixkosten = Bau. Leasing usw. trug der DFB. Die Betriebskosten, Personal, Unterhalt usw. die aus den Eintrittsgeldern abgedeckt werden sollen, die Stadt aus ihrem Kultur- usw. Etat. Als Startfinanziereung für dieses Jahr haben die "Stadtwerke" großzügig eine "Spende" geleistet, die an anderer Stelle im Kulturetat jetzt fehlt! . Angedacht, geplant sind an 300 Öffnungstagen jeweils 1.000 Besucher pro Tag, mit jeweiles 10€ Eintritt. Jahraus, jahrein!!!! Ob sich das auf Dauer wohl bewahrheiten wird? . Die Einheimischen sehen schon den "Kulturetat" ihrer Stadt in diesem "Museum" verschwinden :-((
trader_07 20.10.2015
5. Unverständlich...
Das ist mir unverständlich, weshalb der DFB sein "Museum" in Dortmund errichtet. So ein Ding überlebt doch nur, wenn zahlreiche Touristen/Städtereisende angezogen werden. Nur, wer will nach Dortmund? In diese marode, heruntergekommene Stadt mit den Ghetto-Vierteln im Norden. Da will man nicht hin, da will man weg. Wenn der DFB das Ding in der Fussballhauptstadt München errichtet hätte, hätte ich das nachvollziehen können.
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