DFB-Remis gegen Spanien Die Müller-Monate beginnen

Tempo, Technik, schöne Tore: Deutschland und Spanien haben im Testspiel gezeigt, dass sie um den WM-Titel mitspielen werden. Im Team von Bundestrainer Joachim Löw heißt ein Grund dafür: Thomas Müller.

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Aus Düsseldorf berichtet


Eigentlich war der Moment nicht perfekt für einen Fernschuss. Der Ball lag nah am Mann, es gab kaum Gelegenheit für einen Anlauf. Aber Thomas Müller zog aus 20 Metern einfach ab und legte in seinen Abschluss die perfekte Mischung aus Gefühl, Kraft und Präzision. Am Ende seiner Einzelaktion lag der Ball im Netz. Müller jubelte über das Kunststück, indem er einen Lassowurf imitierte. Die knapp 50.000 Zuschauer in Düsseldorf rissen die Arme hoch und schrien seinen Namen.

Thomas Müllers Tor gegen Spanien
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Thomas Müllers Tor gegen Spanien

Es war einer dieser berühmten Müller-Momente, die man lange nicht gesehen hat.

Der Angreifer selbst hatte nach dem Abpfiff eine eigenwillige Erklärung für seinen sehenswerten Treffer in der 35. Minute zum 1:1-Endstand im Testspiel gegen Spanien. Der 28-Jährige sagte, er habe genau so einen Schuss vor der Partie beim Aufwärmen einstudiert: "Schön, dass es dann im Spiel so gut geklappt hat." Das klingt natürlich ganz einfach, und wer, wenn nicht Müller steht besser für diese schwer zu erlangende Leichtigkeit im Fußball? Dieser Müller, bei dem man oft nicht so genau weiß, was er vorhat und dessen Aktionen am Ende irgendwie doch glücken. Der Stürmer, der eigentlich in kein System passt, aber so wichtig sein kann.

Wahrscheinlich gehört aber schon etwas mehr dazu als ein paar Übungen vor dem Spiel, um den Ball so traumhaft ins Tor zu schießen: eine Portion Glück, eine gute Technik. Und: Die angesprochene Leichtigkeit, die für Müller und dessen Spiel so wichtig ist, macht mittlerweile eben auch wieder einen Teil der Wahrheit aus. Der Bayern-Profi scheint seine große Stärke wiedergefunden zu haben.

Die Rückkehr von Heynckes hilft auch Löw

Das Tor gegen Spanien war Müllers erstes seit fast einem Jahr im DFB-Trikot. Damals hatte er in einem Qualifikationsspiel gegen Aserbaidschan getroffen. Es war sein einziger Treffer im DFB-Jahr 2017. Auch im Verein lief es im vergangenen Jahr nicht besonders gut, sechs Bundesligatore gelangen Müller in diesem Zeitraum. Ende August war er so verzweifelt und verärgert über seine Rolle beim FC Bayern, dass er den damaligen Trainer Carlo Ancelotti kritisierte und sagte, er wisse nicht mehr, ob seine Qualitäten noch hundertprozentig gefragt seien.

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DFB-Elf in der Einzelkritik: Müller macht's

Wenige Wochen später kehrte Jupp Heynckes zum FC Bayern zurück. Und seither spielt Müller immer besser. Die ansteigende Form hat er nun im deutschen Team bestätigt. Um einen Stammplatz im Team von Bundestrainer Joachim Löw muss sich Müller eigentlich nicht sorgen, trotzdem fällt das Tor aus seiner Sicht zu einem günstigen Zeitpunkt, denn in drei Monaten ist wieder seine Zeit: Fußballweltmeisterschaft. 2010 und beim Titelgewinn 2014 hatte der Bayern-Stürmer je fünf Treffer bei der WM erzielt, im kommenden Sommer sollen es in Russland ähnlich viele werden.

Ab Juni geht es aber nicht mehr nur um Müller, sondern um die Titelverteidigung. Löw sprach zuletzt von einer Aufgabe, die seiner Mannschaft "Unmenschliches" abverlangen werde. Wie anspruchsvoll das Turnier werden könnte, wurde in der Partie gegen Spanien bereits deutlich. Ja, es war ein Testspiel ohne Wettbewerbshärte. Und ja, es wird noch reichlich experimentiert, auch am kommenden Dienstag gegen Brasilien (20.45 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE). Müller wird dann genauso wie Mesut Özil nicht auf dem Platz stehen, beide bekommen eine Pause und sind bereits abgereist.

Aber: Es war sowohl für Deutschland als auch für Spanien ein gelungener Start ins WM-Jahr. Die Titelträger der beiden vergangenen Turniere boten sich ein Duell mit technisch anspruchsvollem Fußball und viel Tempo. Die Fans im Stadion dankten den Akteuren mit La-Ola-Wellen.

Die Problemzone bleibt die linke Abwehrseite

Auch die spanische Auswahl erhielt vom Düsseldorfer Publikum Szenenapplaus. Besonders die Anfangsphase der Spanier war beeindruckend, als die Mannschaft um Superstar Andrés Iniesta (der fantastisch spielte) die DFB-Defensive früh unter Druck setzte und sie so in Verlegenheit brachte. Die Folge dieses Pressings war das schnelle 0:1 durch Rodrigo Moreno in der sechsten Minute. Iniesta hatte den Treffer mit einem Traumpass eingeleitet.

Der 33-Jährige hat das spanische Spiel verinnerlicht wie kein anderer. Und wenn seine Teamkollegen mitziehen, ist La Furia Roja (deutsch: Die rote Furie) in Russland ein Titelkandidat. Auch Deutschland spielte phasenweise stark, Bundestrainer Löw sah ein "hochklassiges Duell", das Lust auf die WM gemacht und ihm wichtige Erkenntnisse geliefert habe. Welche das gewesen sind, führte Löw nicht näher aus. Mit der Abwehr konnte der Nationalcoach an diesem Abend, beim 22. ungeschlagenen DFB-Spiel in Serie, aber nicht vollkommen zufrieden gewesen sein.

Joshua Kimmich leistete sich auf der rechten Seite ungewohnte Schwächen, ihm fehlte oft der Zug nach vorne. Noch schwächer in der Vorwärtsbewegung spielte Jonas Hector, der auch in der Defensive Probleme mit dem schnellen David Silva von Manchester City hatte. Die Seite von Hector ist die Schwachstelle im DFB-Team, das wurde im Duell zwischen dem Kölner und dem Profi vom englischen Tabellenführer deutlich. Das Problem: Schwächer werden die Gegenspieler ab einem WM-Halbfinale nicht - und da soll es für Deutschland mindestens hingehen.

Eine andere Erkenntnis musste der Bundestrainer nicht aussprechen. Jeder im Stadion hat gesehen, wie wichtig Thomas Müller und seine Tore für die deutsche Nationalmannschaft sind.

Deutschland - Spanien 1:1 (1:1)
0:1 Moreno (6.)
1:1 Müller (35.)
Deutschland: ter Stegen - Hector, Boateng, Hummels, Kimmich - Khedira (53. Gündogan), Kroos - Müller (80. Goretzka), Özil, Draxler (68. Sané) - Werner (84. Gomez)
Spanien: de Gea - Carvajal, Piqué (51. Nacho), Ramos, Alba - Koke, Thiago (82. Hernandez) - Isco (59. Asensio), Silva (71. Vázquez), Iniesta (46. Niguez) - Moreno (65. Costa)
Schiedsrichter: Collum
Gelbe Karten: - / -
Zuschauer: 50.653

insgesamt 27 Beiträge
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Seite 1
skeptikerjörg 24.03.2018
1. Anderes Spiel gesehen?
Gut, Hector ist sicherlich kein Weltklasseverteidiger, aber gestern lange nicht so schwach wie Kimmich, auf dessen Seite es ständig brannte. Dass er defensiv Schwächen hat und noch lange kein Philipp Lahm ist, ist bekannt, aber so gnadenlos offen gelegt, wie die Spanier gestern, wird es selten. Und offensiv hat kam er nie in den Rücken der Abwehr.
solltemanwissen 24.03.2018
2.
Zitat von skeptikerjörgGut, Hector ist sicherlich kein Weltklasseverteidiger, aber gestern lange nicht so schwach wie Kimmich, auf dessen Seite es ständig brannte. Dass er defensiv Schwächen hat und noch lange kein Philipp Lahm ist, ist bekannt, aber so gnadenlos offen gelegt, wie die Spanier gestern, wird es selten. Und offensiv hat kam er nie in den Rücken der Abwehr.
Das stimmt, Kimmich war gestern definitiv einer der Schwächsten. Da muss er sich zur internationalen Klasse wirklich noch sehr steigern! Aber er ist auch noch jung.
skeptikerjörg 24.03.2018
3.
Zitat von solltemanwissenDas stimmt, Kimmich war gestern definitiv einer der Schwächsten. Da muss er sich zur internationalen Klasse wirklich noch sehr steigern! Aber er ist auch noch jung.
Klar, wird er auch. Und er hat auch schon bessere Spiele gemacht. Es ging mir nur darum, darauf hinzuweisen, dass nicht rechts alles Gold und links alles Blech ist. Diesen Eindruck vermittelt der Autor.
sibbi78 24.03.2018
4. Die Leistung der "Mannschaft"
entspricht im Wesentlichem dem Bundesligastandard: Zweit- oder gar drittklassige Mannschaften werden locker bezwungen, für die erstklassigen reicht es nicht ganz. Die erste Halbzeit zeigte dies deutlich auf - erst als die Spanier einen Gang zurück schalteten, konnten die Unsrigen mithalten. Da muss mehr Konzentration und Robustheit ins Spiel, sonst wird das nichts in Russland.
rolforolfo 24.03.2018
5. Auf welcher Seite haben die Spanier angegriffen?
Die Spanier haben hauptsächlich auf Kimmichs Seite angegriffen, deswegen sah es auf der anderen Seite nicht so übel aus. Beinschüsse, Kombinationen auf engstem Raum - wie im Training.
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