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06. Oktober 2017, 11:25 Uhr

DFB-Erfolg in Nordirland

Jammern auf Welt(meister)-Niveau

Aus Belfast berichtet

Mit dem Sieg in Nordirland hat die deutsche Fußballnationalmannschaft die WM-Qualifikation locker geschafft. Der Bundestrainer gab dennoch den Mahner. Erreicht ist aus Sicht von Joachim Löw: noch nichts.

Manchmal überkommt Joachim Löw die Lust, etwas ganz anderes zu sagen, als alle erwarten. Nach dem souveränen 3:1-Erfolg seiner Mannschaft in Nordirland hätte er viel Anlass zum Loben gehabt. Er hätte herausstreichen können, wie dominant die DFB-Elf diese WM-Qualifikation bestritten hat mit ihren neun Siegen aus neun Partien, und der zehnte wird am Sonntag gegen Aserbaidschan dazukommen.

Stattdessen saß der Bundestrainer etwas sauertöpfisch vor der Presse und betonte, dass sich die deutsche Mannschaft bei der WM erheblich steigern müsse, "da kommen Gegner von anderem Kaliber". Überhaupt gebe es bis zur WM noch sehr viel zu verbessern, "Dinge, an denen wir arbeiten müssen". Zudem machte er noch Problempositionen in der Mannschaft aus: "Von den Außenverteidigern hat nur Joshua Kimmich aus meiner Sicht internationales Niveau", sagte Löw. Eine Aussage, die vor allem den in Belfast verletzt fehlenden Kölner Jonas Hector nicht unbedingt erfreuen dürfte.

Immerhin ließ sich Löw dann doch noch herab, zu würdigen, dass "mein Team in der ersten Halbzeit großteils so gespielt hat, wie ich mir das vorgestellt habe", und alles andere wäre auch ziemlich ungerecht gewesen. Die Elf beherrschte nach dem frühen Führungstor durch Sebastian Rudy (2. Minute) das Geschehen im Windsor Park zur Gänze, mochten die 20.000 nordirischen Fans sich auch noch so sehr die Kehle aus dem Leib singen.

Das Mittelfeld war reine DFB-Zone, vorne warf sich Sandro Wagner in jede Flanke, und kam sie noch so weit von ihm entfernt angesegelt, in der Deckung hatte das alte Ehepaar Mats Hummels und Jérôme Boateng, nach Monaten wieder vereint, keine Mühe, die wackeren Nordiren vom eigenen Tor fernzuhalten.

Die schon beängstigende Kontrolle, die das DFB-Team innehatte, hing auch mit Rudy zusammen. Jahrelang war der Mittelfeldspieler der 15. oder 16. Mann im Kader, manchmal auch der 24., wenn er vor Turnieren vom Bundestrainer aussortiert wurde. Aber da war er auch noch in Diensten von 1899 Hoffenheim. Jetzt ist Rudy Bayern-Spieler, seine Körpersprache auf dem Platz drückt das aus. Als ob der Vereinswechsel etwas mit ihm gemacht hätte. Jetzt sagt Rudy ganz selbstverständlich Sätze wie: "Wir wollen den Titel in Russland erfolgreich verteidigen." Als käme es gar nicht mehr infrage, den Sprung in den WM-Kader zu verpassen. Kommt es wahrscheinlich auch nicht.

Die deutsche Mannschaft ist durch diese WM-Qualifikation gegangen wie das warme Messer durch die Butter. Nur in Tschechien, als sich deutsche Fans in Prag unsäglich benommen hatten, hat das Team beim 2:1-Sieg kurzzeitig gewackelt und einen von zwei Gegentreffern in dieser Qualifikation kassiert. Ansonsten hat das Team alle Erwartungen erfüllt, es ist in den unterschiedlichsten Aufstellungen aufgetreten, weil Leistungsträger verletzt fehlten. Diese Ausfälle sind niemandem wirklich aufgefallen, die Mannschaft hat auch so dominiert und 29 Treffer erzielt. Der Gruppenzweite Nordirland kommt auf 14.

DFB legt schon Quartier für die Vorbereitung fest

Schon jetzt, acht Monate vor Turnierbeginn, scheinen sich beim DFB alle im WM-Modus zu befinden. Der Verband schickte bereits kurz nach Abpfiff eine Pressemitteilung herum, nachdem die Mannschaft ihre WM-Vorbereitung im kommenden Mai erneut in Südtirol abhalten wird. Gleichzeitig wurde der letzte Testspielgegner für dieses Jahr mit Frankreich benannt, ein Kräftemessen mit einem der Mitfavoriten bei der Weltmeisterschaft. Der Blick geht jetzt nur noch nach vorne, nichts wird dem Zufall überlassen, man wundert sich fast, dass am Sonntag in Kaiserslautern gegen Aserbaidschan (20.45 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE; TV: RTL) überhaupt noch gespielt wird. Die Qualifikation ist abgehakt, im Grunde war sie das schon vor dem Abend von Belfast.

Der nordirische Trainer Michael O'Neill saß nach dieser deutlichen Demonstration der Stärke auf dem Podium und seufzte: "Der Kader der Deutschen ist noch besser als bei der WM in Brasilien. Und da wurden sie Weltmeister." Ein Automatismus für 2018 ist das allerdings nicht. Daher wohl auch Löws Warnungen. Dennoch: Dass seine einzige echte Sorge die Problemposition Außenverteidiger ist, darum ist der deutsche Bundestrainer zu beneiden.

Nordirland - Deutschland 1:3 (0:2)
0:1 Rudy (2.)
0:2 Wagner (21.)
0:3 Kimmich (86.)
1:3 Magennis (90.+3)
Nordirland: McGovern - J. Evans, McAuley, Hodson (46. Hodson) - McLaughlin, Brunt - Davis - Norwood , C. Evans (80. Saville) - Magennis, Lafferty (69. Washington)
Deutschland: ter Stegen - Kimmich , Boateng, Hummels, Plattenhardt - Rudy , Kroos - Goretzka (66. Can), Draxler (72. Sané) - Müller (83. Stindl) - Wagner

Zuschauer: 20.000
Schiedsrichter: Danny Makkelie (Niederlande)
Gelbe Karten: -

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