DFB-Defensive Löws Lahm-Dilemma

Das umkämpfte Achtelfinale gegen Algerien hat die Debatte um die deutsche Aufstellung befeuert. Experten fordern die Rückkehr von Philipp Lahm in die Abwehr. Bundestrainer Löw ist womöglich gar nicht abgeneigt - aber das Risiko ist zu groß.

Aus Porto Seguro berichtet


SPIEGEL ONLINE Fußball
Teamkollege Jérôme Boateng sagt, Philipp Lahm sei "der beste Außenverteidiger der Welt". Starcoach José Mourinho hat gar seine "Liebe zu Philipp Lahm als Außenverteidiger" gestanden. Und für seinen früheren Bayern-Trainer Jupp Heynckes ist Lahm "der beste Außenverteidiger in der Historie des deutschen Fußballs".

Bei der WM in Brasilien spielt Philipp Lahm im Mittelfeld.

Auf seiner alten Position rechts in der Abwehr agierte im Achtelfinale gegen Algerien der DFB-Neuling Shkodran Mustafi. Der junge Italien-Profi war mit seiner Aufgabe heillos überfordert. Erst als Mustafi sich spät in der zweiten Halbzeit einen Muskelbündelriss zuzog, musste Bundestrainer Joachim Löw reagieren. Lahm wechselte auf seine angestammte Position in die Abwehr, danach war es mit den algerischen Angriffen über Deutschlands rechte Seite vorbei.

"Die Diskussionen um die Position vom Philipp gibt es ja schon seit längerer Vergangenheit", sagt Bundestrainer Joachim Löw. Nach dem Spiel gegen Algerien sind sie so gegenwärtig wie selten. Zahlreiche Experten von Berti Vogts bis Christoph Daum fordern, dass Löw sein Abwehr-Experiment mit vier gelernten Innenverteidigern vor dem Viertelfinale gegen Frankreich (Freitag, 18 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE; TV: ARD) beendet und Lahm in die Abwehr zurückkehren soll. Ex-Nationalspieler Dietmar Hamann twitterte noch während des Achtelfinales: "Lahm soll Außenverteidiger spielen oder gar nicht. Wir haben zwei Innenverteidiger auf den außen. Unglaublich."

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DFB-Kapitän

Auf welcher Position soll Philipp Lahm spielen?

Der Kapitän also zurück in die Abwehr? Der Bundestrainer würde das nach seiner inneren Überzeugung wahrscheinlich lieber früher als später tun. Aber er steckt bei der Causa Lahm im Dilemma.

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Deutschlands Startelf: Löws Zwang
Löw hat nie einen Hehl daraus gemacht, dass er die wahre Stärke Lahms auf der Außenbahn sieht. Auch als Bayern-Trainer Josep Guardiola seinen Kapitän im Verein längst auf die defensive Mittelfeldposition gezogen hatte, blieb der Bundestrainer bei seiner Meinung. Die Verletzungsmisere auf der Sechserposition, der Schlüsselstelle im Mittelfeld, hat ihn zwar nicht umdenken, aber anders handeln lassen.

Den Dortmunder Ilkay Gündogan, den der Bundestrainer ursprünglich im Mittelfeld als gesetzt ansah, musste er schon Wochen vor Turnierstart abschreiben. Auch wenn über den Langzeitverletzten derzeit kaum noch jemand redet - nach vier Turnierspielen wird klar, wie sehr ein Gündogan mit seinen klugen Zuspielen, mit seinem Auge für die Lauf- und Passwege des Gegners vermisst wird.

Lahm als Lückenfüller im Mittelfeld

Bastian Schweinsteiger und Sami Khedira, die Doppelsechser der vergangenen Turniere, konnten sich bisher aufgrund ihrer Verletztengeschichte nur gegenseitig ablösen. Gegen Algerien standen sie in der zweiten Hälfte erstmals gemeinsam auf dem Platz. Schweinsteiger quälte sich da schon mit der fehlenden Kraft, musste in der Verlängerung mit Krämpfen vom Platz. Khedira lief viel, aber ließ dabei wiederholt Löcher zwischen Abwehr und Mittelfeld reißen. Der 27-Jährige ist noch nicht wieder in seiner alten Verfassung. Verwunderlich ist das knapp acht Monate nach einem Kreuzbandriss nicht.

So muss Lahm bisher die Lücken füllen, er muss Löcher schließen, er muss Bälle ablaufen, er muss die Mitte abdichten. All das kann er, all das macht er auch, aber die Qualitäten, die Alleinstellungsmerkmale, die Philipp Lahm ausmachen, treten dabei fast vollständig in den Hintergrund. Lahm muss, um einen uralten Fußballausdruck aufzufrischen, im Mittelfeld den Ausputzer spielen. Fehlt er dort, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass der Gegner durch schnelle Pässe und Tempogegenstöße durch die Mitte durchbricht. Die Algerier haben das in der Endphase des Achtelfinals bereits einige Male vorgemacht.

Löw fehlen auf der Sechs, wo Deutschland an sich ein Überangebot an Top-Leuten hat, bei diesem Turnier die Alternativen. Der junge Gladbacher Christoph Kramer ist noch zu unerfahren, um ihn in einem WM-Viertelfinale gegen die Franzosen ins Spiel zu bringen und dadurch möglicherweise zu verbrennen. Toni Kroos ist defensiv nicht diszipliniert genug, um die Sechser-Rolle auszufüllen, Löw hat das mehrfach ausprobiert.

Der Bundestrainer könnte sicherlich das Risiko eingehen, Schweinsteiger und Khedira gegen die Franzosen von Beginn an zu bringen. Er würde dann nur einkalkulieren müssen, zwei seiner drei Auswechseloptionen schon fest zu verplanen. In der Hitze von Rio de Janeiro mit einer möglichen Verlängerung ist das an sich unverantwortlich. Wer zudem Löws geringe Bereitschaft kennt, von Wegen, die er einmal eingeschlagen hat, kurzfristig wieder abzuweichen, der darf davon ausgehen: Es wird sich auch gegen Frankreich nichts ändern.

Lahm hinten rechts (oder links), Boateng auf der anderen Abwehrseite, dazwischen die bewährte Innenverteidiger-Achse Per Mertesacker und der zuletzt erkrankte Mats Hummels - diese Kombination bleibt ein Theoriemodell. Es würde die DFB-Elf erheblich stärken. Es würde der Mannschaft über die Flügel ganz neue Möglichkeiten eröffnen. Aber es wird wohl beim "würde" bleiben.

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bugs bunny 02.07.2014
1. Mein Reden
Obwohl hier im Forum dafür diffamiert, stehe ich dazu: Lahm gehört auf die rechte Verteidigerposition; da ist er Weltklasse. Löw hat keine Ahnung. Deshalb hier meine Aufstellung gegen Frankreich: Neuer Lahm Mertesacker Hummels/Boateng Großkreuz Kroos Schweinsteiger Ötzi Müller Klose Poldi auf der Bank Robben Dann schlagen wir Frankreich
jakm 02.07.2014
2. gibt auch andere Varianten
Man kann auch mit 3 Innenverteidigern spielen, wobei einer etwas vorgezogen für den Spielaufbau zuständig wär - ähnlich wie Lahm derzeit. Und würde die Aussenverteidiger mit Leuten mit CL Erfahrung besetzen: Dann ergebe sich rechts Großkreutz - links Lahm - Zentral Mertesacker und Boateng - davor Hummels. Weiter vorn beginnt Schweinsteiger und kann durch Khedira ausgewechselt werden. Noch weiter vorn Kroos und Götze zentral und im Sturm dann Schuerle links, rechts Özil, zentral Müller - später dann auch gern Klose für Özil.
Xangod 02.07.2014
3. Was ich nicht kapiere...
Klar sind Durm und Kramer nicht eingespielt und unerfahren (Durm hat immerhin CL gespielt!). Aber warum hat Löw nicht rechtzeitig versucht die beiden aufzubauen, als sichtbar geworden ist, daß Bedarf da ist. Oder wenn er seiner 4-IV-Philosophie so vertraut, warum hat er das nicht schon früher ausprobieren und spielen lassen. Er hätte ja zumindest Höwedes schon schön in der Qualifikation LV spielen lassen können - seine Entdeckung mit Mustafi hatte er da ja wohl noch nicht gemacht. Es bleibt dabei, daß ganze Konstrukt von Löw stimmt hinten und vorne nicht.
Ignorant00 02.07.2014
4. Querverweise auf die eigenen Artikel
Lustig finde ich den Querverweis auf den eigenen Artikel (Toni Kroos ist defensiv nicht diszipliniert genug) "Kroos als Spielmacher"... wo das verkorkste Italienspiel als Begründung genommen wird. Nee stimmt Manndecker war kein gute Idee ;-) Da hätte man lieber einen IV umfunktioniert, klappt ja momentan auch so gut ;-) Taktische Fehler Löws werde hier als Begründung genommen weiter taktische Fehler zu machen? Wenn jeder Spieler (Lahm, Özil, Götze, Mustafi, Höwedes etc.) auf einer Position spielt, die nicht seine stärkste ist, dann wird es auch schwierig die stärkste Mannschaft auf den Platz zu schicken. Wie Veh schon treffend vor der WM gesagt hat: "Wir sind die einzige Mannschaft bei der WM, die nur einen Mittelstürmer mitnimmt." Da wusste er aber noch nicht, dass wir auch die einzige Mannschaft sind, die eigentlich auch keine Außenverteidiger nutzt.... Nichts dagegen, dass ein guter Trainer in Spielern verborgenen Potentiale erkennt und diese auf anderen Positionen einsetzt und/oder umschult. Aber hier spielen gleich ein halbes dutzend Spieler auf "fremden" Positionen und kein einziger zeigt dabei auch nur annähernd die Leistungen, die er aus seiner Stammposition bringt!
ohmistigan 02.07.2014
5. Alternativlos ..
... wären wir nicht! Ich glaube nicht, dass Jovi Schweinsteiger UND Khedira gemeinsam bringen kann - jedenfalls nicht über die gesamte Spielzeit und dann müsste er theoretisch beide auswechseln. M.E. ein No-Go! Allerdings hat die Nationalmannschaft eigentlich das Glück, dass ein Spieler in Brasilien dabei ist, der nahezu die gesamte Saison inkl. Champions League einen äußerst soliden Rechtsverteidiger gespielt hat: Kevin Großkreutz! Klar ist der im Moment unten durch, weil er seine Blase nicht im Zaum halten konnte. Aber irgendwie ist es schon schwer nachvollziehbar, dass ständig der unerfahrene und zudem bereits ausgemusterte Shkodran M. kommt, während jahrelanges Spiel auf hohem Niveau in den Top-Wettbewerben der Welt nix zählt. Aber da diese Option in der Vorrunde nie getestet wurde, wird es wohl nichts werden. Ich empfehle die Lektüre des heutigen 11-Freunde-täglich, wenn man wie ich nicht mehr viel versteht.
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