Deutschland gegen Frankreich 1982 Grandioses Spiel, hässliche Erinnerung

Deutschland gegen Frankreich - da gehen die Erinnerungen zurück an das dramatische WM-Halbfinale von 1982. Als Torwart Schumacher dem Franzosen Battiston die Zähne ausschlug und sein Verhalten zum Symbol für den hässlichen Deutschen wurde.

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Aus Rio de Janeiro berichtet


SPIEGEL ONLINE Fußball
Der Sommer von 1982 war mein Sommer der Pubertät. Ich war 15 und auf einer einwöchigen Klassenfahrt aus dem Westfälischen nach Berlin. West-Berlin. Tagsüber stürmten die Jungs klopfenden Herzens die Peepshows am Bahnhof Zoo, abends sahen wir am Fernseher deutschen Fußballern zu, die zwar deutlich älter waren, sich aber genau so benahmen wie wir: Sie rauchten, sie tranken, sie zockten, sie flegelten, sie spielten Tischtennis in Badelatschen. Und sie scherten sich einen Dreck um das, was die Öffentlichkeit von einem deutschen Nationalspieler erwartete.

Der Sommer von 1982 ist im Jahr 2014 bei der WM unvermittelt ein großes Thema geworden. Eigentlich war es damals in Spanien ein Turnier, das der DFB am liebsten vergessen hätte. Und offenbar ist der deutsche Fußball genau deswegen verdammt, vieles von damals zu wiederholen. Jetzt, 32 Jahre später in Brasilien.

Erst die Diskussion über eine mögliche Absprache zwischen Deutschland und den USA wie einst in Gijón zwischen dem DFB-Team und Österreich, dann der Achtelfinalgegner Algerien, der unter dieser Absprache damals zu leiden hatte - und jetzt am Freitag (18 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE; TV: ARD) ein Viertelfinalspiel gegen Frankreich. Damit sind natürlich Erinnerungen an die Vorschlussrunde von Sevilla 1982 verbunden. Und an die Attacke von Torwart Harald Schumacher gegen Patrick Battiston.

Neuer sagt heute noch: "Eine extrem brutale Szene"

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Wir saßen in Berlin im Hotel an diesem Abend, es war die Pension eines katholischen Ordens, wie es sich für eine Reisegruppe aus Paderborn gehört. Unsere Helden Paul Breitner, Schumacher, Felix Magath und die anderen führten sich schon während des gesamten Turniers so wenig katholisch auf, wie es eben ging. Das unerträgliche Ballgeschiebe gegen die Österreicher konnte man ja noch unter der Überschrift der Taktik nachvollziehen.

Aber was Schumacher sich in der zweiten Halbzeit gegen den gerade eingewechselten Battiston erlaubte, wie er dem Franzosen mit voller Wucht ins Gesicht sprang und ihn schwer verletzte, war so unfassbar, dass Nationaltorwart Manuel Neuer heute noch sagt: "Das war schon eine extrem brutale Szene."

Das Bild vom ungerührt am Torpfosten stehenden Schumacher, sein Kaugummi im Mund hin und her schiebend, während Battiston mit ausgeschlagenen Zähnen vom Platz getragen wurde, ist im Ausland das Muster für den hässlichen Deutschen gewesen. Wir haben das damals in der katholischen Pension gar nicht so empfunden. Live-Reporter Rolf Kramer moderierte die Szene routiniert ab: "Kann im Eifer des Gefechts mal passieren", sagte er. Dann ging das Spiel weiter, und es war so aufregend, dass am Ende keiner von uns mehr an Battiston dachte.

Stattdessen nur noch an Klaus Fischer, wie er waagerecht in der Luft per Fallrückzieher den 3:3-Ausgleich in der Verlängerung machte; an Uli Stielike, der im Elfmeterschießen an Torwart Jean-Luc Ettori scheiterte und im Boden versank; an Schumacher, ausgerechnet an Schumacher, der im Elfmeterschießen zum deutschen Helden wurde. Während der verzweifelte Fehlschütze Maxime Bossis in die Knie ging.

Wer schubst wen zuerst in den Pool?

Seit jenem Abend in der Pension in Berlin-Lichterfelde habe ich sehr viele Fußballspiele gesehen, es müssen Tausende sein. Ein so aufregendes Duell wie Deutschland gegen Frankreich habe ich nicht mehr erlebt.

Anschließend, einen oder zwei Tage später, führte ZDF-Legende Harry Valérien ein Interview mit Breitner, es war eine Sternstunde des Fernsehens. Beide saßen am Swimmingpool, umringt von fröhlichen Badegästen, und beharkten sich dermaßen, dass man nur darauf wartete, wer von den beiden den anderen als erstes ins Wasser schubsen würde. Breitner keilte aus, von "hinterfotzig" war da die Rede, Valérien gab gleichberechtigt zurück, ließ sein "r" rollen wie vielleicht nie wieder zuvor und danach. Der Schlagabtausch zwischen Per Mertesacker und Boris Büchler nach dem Algerien-Spiel war ein Witz dagegen.

Es war der Augenblick, an dem ich überlegte, dass Sportjournalist vielleicht gar kein so schlechter Beruf ist.

Deutschland kam ins Finale und verlor völlig verdient gegen Italien. Der greise italienische Staatspräsident Sandro Pertini tanzte auf der Tribüne, und ich war insgeheim heilfroh, dass diese deutsche Mannschaft nicht Weltmeister geworden war.

Ein paar Wochen später wurde Helmut Kohl Bundeskanzler, und meine Pubertät war vorbei.

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donadoni 04.07.2014
1. Eine sehr zebrechliche deutsch-französische Freundschaft
Zitat von sysopGetty ImagesDeutschland gegen Frankreich - da gehen die Erinnerungen zurück an das WM-Halbfinale von 1982. Als Torwart Harald Schumacher dem Franzosen Patrick Battiston die Zähne ausschlug und sein Verhalten zum Symbol für den hässlichen Deutschen wurde. http://www.spiegel.de/sport/fussball/deutschland-gegen-frankreich-erinnerung-an-toni-schumacher-1982-a-979113.html
Im Sommer 1982, knapp 20 Jahre nach dem deutsch-französischen Freundschaftsvertrag, wurde diese auf eine sehr harte Probe gestellt. Schumacher hat heute Einiges relativiert, als er 1982 dieses hässliche Foul und noch viel schlimmer, sein Verhalten anschließend und seine Aussagen zu dem Zahnersatz Battistons von sich gab. Es war und blieb beschämend, was sich ein deutscher Sportler gegenüber einem anderen erlaubte. Wenn man durch Frankreich fährt, sind die Leute dort im Allgemeinen sehr freundlich gegenüber Deutschen, aber es kommt eben doch Vieles wieder hoch: Sei es die deutsche Besatzungszeit mit all den deutschen Schandtaten, der sprichwörtliche "Boche" eben, wie man den Deutschen in solchen Schumacher-Situationen immer wieder bezeichnet oder die Prügelei deutscher Hooligans 1998 in Lens mit jenem Polizisten, der noch heute schwerbehindert ist. Schumacher wollte, wie er heute einräumt, 1982 unbedingt Weltmeister werden, koste es was es wolle. Die Folge war sein unangemessenes Einsteigen gegen Battiston. Man sollte sich auch noch erinnern, dass der damalige DFB-Präsident Neuberger vom "Fall Battiston" sprach. Das setzte der Dreistigkeit noch die Krone auf. Von Einsicht war auch bei den DFB-Funktionären nicht die Rede, die es eigentlich wissen sollten, wenn es schon der einfache Spieler nicht weiß. Ja, ich habe mich damals geschämt für die deutsche Nationalmannschaft, mehr noch als die Absprache in Sachen 1:0 gegen Österreich. Diese WMs sind auch heute noch ein Focus, bei dem Deutsche immer wieder von ihrer (z. T. schändlichen) Vergangenheit eingeholt werden. Das ist die Lehre für das heutige Spiel, das normalerweise nur 90 Minuten dauert. Aber in diesen 90 Minuten kann so viel kaputt machen, dass es Deutschen auch noch nach 32 Jahren vorgehalten würde. Das ist die Lehre aus dem "Fall Schumacher". Hoffentlich sind die deutschen Spieler, Funktionäre und Sportler heute klüger als 1982.
Hank Hill 04.07.2014
2. Schumacher
war einfach ein Asi aus Dueren. Dem war ja sein Fehlverhalten noch nicht mal bewusst, als er nach dem Spiel sagte: "dann bezahl ich dem Battiston halt seine Jacket Kronen". Heute pinkelt ein Großkreuz in die Hotelhalle, und es gibt auch viele Menschen die das nicht so schlimm finden. Der Fußball ist heute in allen Gesellschaftsschichten angekommen, er ist einer der großen gemeinsamen Nenner des ganzen Volkes. Und gegen das rustikale Benehmen vieler Spieler aus der englischen Premier League vor und nach den Spielen sind unsere Jungs der reinste Kindergarten.
gnarze 04.07.2014
3. Medial
mag dieses schlimme Foul ja noch interessant sein, die Spieler (die ja fast alle damals noch gar nicht auf der Welt waren) wird das weniger tangieren. Aber es wird ja auch immer noch über das Wembleytor geredet.
Erda 04.07.2014
4. Was soll das?
Zitat von sysopGetty ImagesDeutschland gegen Frankreich - da gehen die Erinnerungen zurück an das WM-Halbfinale von 1982. Als Torwart Harald Schumacher dem Franzosen Patrick Battiston die Zähne ausschlug und sein Verhalten zum Symbol für den hässlichen Deutschen wurde. http://www.spiegel.de/sport/fussball/deutschland-gegen-frankreich-erinnerung-an-toni-schumacher-1982-a-979113.html
Wollen Sie die Erbfeindschaft wiederbeleben? Solche olle Kamellen gehören auf den Müllplatz der Geschichte. Harald Schumacher genannt "Toni" hat sich für seinen "Kesselflickereinsatz" entschuldigt und Battiston hat die Entschuldigung angenommen. Punktum. 1982 war keiner der heute auf dem Platz stehenden Fußballer der NM geboren, na ja vielleicht der "Wurschti", er lag in den Windelen (habe keine Lust nach Mertes Alter zu googeln). Sie sollten positiv denken und nicht rückwärtsgewandt! Vive La France, es lebe die deutsch-französische Freundschaft und wenn wir rausfliegen, dann war wir eben nicht gut genug für das Halbfinale.
hors-ansgar 04.07.2014
5. Richtige Einordnung
Natürlich war Schumachers Foul extrem brutal und sein Verhalten danach unter aller Kanone. Es war aber ein Fußballspiel. Manchmal hat man den Eindruck als wären Deutschland und Frankreich damals fast wieder in den Krieg gezogen. Das ist übertrieben und Schumacher hat sich auch sehr geändert seitdem. Interessant allerdings: Deutschland wurde 82 Vize-WM und diese WM ist extrem schlecht in der Bewertung: "Schlucksee", "Schand von Gijon", Schumacher-Foul. Man stelle sich lieber nicht vor, Deutschland wäre auch noch WM geworden... Wie positiv werden dagegen die 3. Plätze 1979, 2006 und 2010 beurteilt. Es kommt eben doch auch sehr auf das wie an! 2002 fand ich z.B. auch eher mäßig. Glückliche Auslosung + Ballack + Kahn könnte man sagen. Donadoni sprach Hermann Neuberger an: Eine ganz üble Figur. Man denke nur an sein Verhalten bei der WM 1978 als er die Junta-Mörder hofierte und auch noch einen Nazi-Loser-General ins Quartier einlud.
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