Bundestrainer Löw Schönspieler außer Dienst

Joachim Löw präsentiert sich bei der WM angespannt und konzentriert wie selten zuvor. Für den Bundestrainer steht in Brasilien alles auf dem Spiel, er will endlich den Makel der Titellosigkeit tilgen. Dafür opfert er seine Philosophie.

Löw in Porto Alegre: Hauptsache, gewonnen
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Löw in Porto Alegre: Hauptsache, gewonnen

Aus Rio de Janeiro berichten und


Wer den Bundestrainer in diesen Wochen im Quartier der Nationalmannschaft zu Gesicht bekommen will, muss sehr früh aufstehen. Der DFB lässt die Pressekonferenzen am Tag nach einem Deutschlandspiel bisher komplett ausfallen, an anderen Tagen schickt Joachim Löw lieber seinen Assistenten Hans-Dieter Flick oder Torwarttrainer Andreas Köpke vor die Presse. Lediglich früh morgens beim Joggen am Strand lässt er sich mal blicken.

Ansonsten sind Medien- oder andere öffentliche Termine für Löw in diesen Tagen Zeitverschwendung, nichts als Ablenkung vom großen Ziel. Der Bundestrainer ist angespannt. Man kann es auch fokussiert nennen. Er weiß, dass er die Chance hat, mit dem DFB-Team endlich einen Titel zu holen. Und dass es wohl seine letzte Chance ist.

Die lange dominierenden Spanier sind schon nach der Vorrunde nach Hause geflogen, für den ewigen Angstgegner Italien gilt dasselbe, Brasilien hat Probleme mit dem Druck des großen WM-Favoriten. Argentinien quält sich durchs Turnier. Deutschland ist unter den besten Acht und wartet jetzt auf Frankreich. Das Team hat im Turnierverlauf gewackelt und selten brilliert. Aber es ist noch im Rennen.

Löw wird zum Verfechter des Ergebnisfußballs

Und dennoch: Von der Euphorie, die vor vier Jahren das ganze Land erfasste und vom Team im fernen Südafrika aufgegriffen wurde, ist diesmal wenig zu spüren. Die Mannschaft spielt und siegt rational, die Begeisterung bleibt draußen, und das hat viel mit ihrem Trainer zu tun.

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Deutschlands Startelf: Löws Zwang
Löw gibt in Brasilien den Verfechter des Ergebnisfußballs, und es wirkt so, als ob all das, was der Bundestrainer in den Jahren zuvor gelehrt und propagiert hat, bei dieser WM geopfert wird. Löw lässt mit vier gelernten Innenverteidigern spielen, als ob es den offensiv mitspielenden Abwehrspieler nie gegeben hätte. Er lässt den Liebling der Massen, Miroslav Klose, bisher weitgehend auf der Bank sitzen. Er sagt Sätze wie: "Es geht nicht darum, fantastischen Fußball zu spielen. Es geht ums Gewinnen."

Die Nation ist irritiert. Während der schwachen ersten Halbzeit gegen Algerien tauchte in den sozialen Netzwerken ein Wort auf, das seit Jahren beim DFB als ausgestorben galt: Rumpelfußball. Löw registriert das.

Und es ist ihm egal.

Der Bundestrainer weiß, dass ihm der Makel der Titellosigkeit anhängt. Es ist sein mittlerweile fünftes Turnier in verantwortlicher Position beim DFB, er hat bisher dreimal das Halbfinale und einmal das Endspiel erreicht. Kein Bundestrainer kann eine solche Erfolgsbilanz vorweisen, aber es fehlt die Vollendung. Kulminierend in dem Schockerlebnis von 2012, als sich alle im Team reif für den EM-Titel wähnten und die Italiener diesen Traum brutal beendeten. Danach fing das Umdenken an. Auch weil aus der Mannschaft selbst Signale kamen, dass es so nicht weitergehen könne.

Der Trainerstab glaubt, die Ursache darin gefunden zu haben, dass man der Defensive zu wenig Aufmerksamkeit gewidmet habe, dass man das Toreschießen vor das Toreverhindern setzte. Es ist all das, was der Nationalmannschaft so viele Sympathien eingebracht hat. Mittlerweile kursiert beim DFB, bei Spielern und Trainer, ein merkwürdiger Zusammenhang zwischen schönem Fußball und vorzeitigem Ausscheiden.

Dem öffentlichen Druck wird nicht nachgegeben

Löw wird nachgesagt, er sei stur, er verlasse einen einmal eingeschlagenen Weg niemals. In Brasilien tut er genau das Gegenteil. Er praktiziert Vernunftfußball, wo er doch vom schönen Spiel träumt. Löw hat sich von diesem Grundsatz verabschiedet. Dem Titel zuliebe.

Dem öffentlichen Druck nachgeben, das kann und will der Bundestrainer als Allerletztes. Wenn ganz Deutschland ruft, er solle die Abwehr umstellen, er solle Philipp Lahm in dessen angestammte Rolle als Außenverteidiger versetzen, er solle dem Dortmunder Kevin Großkreutz endlich eine Chance geben, er solle Mesut Özil eine kreative Pause verschaffen - dann macht Löw das erst recht nicht. Da ist er sich treu geblieben.

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Löw und Klinsmann: Wiedersehen zweier Freunde
Das Team hat das Viertelfinale erreicht, es ist in der Zwischenzone angekommen, in der das Abschneiden bei einem Turnier keine glatte Enttäuschung mehr ist, aber auch noch kein Erfolg. Wenn die Mannschaft die Partie gegen Frankreich verlieren sollte, dann wird nicht nur intensiv über Löws Job diskutiert werden, dann steht sein Rücktritt im Raum.

Löw weiß das, er wird am Freitag wieder die Vernunft walten lassen, zur Not überlässt er den Franzosen das schöne Spiel, Hauptsache am Ende hat man ein Tor mehr geschossen als der Gegner. Mit dieser Einstellung ist die Nationalmannschaft 2002 weit gekommen. Bis ins Endspiel. Den Titel hat sie damit aber auch nicht geholt.

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RuoTi 03.07.2014
1. Was er auch macht,...
... er macht es, zumindest für einen Teil der so genannten "Experten", falsch. Spielt die Nationalmannschaft schön, schnell und offensiv, meckern die einen, er solle lieber auf die Defensive achten. Tut er das, nörgeln die anderen, sie wollen schnellen, nach vorn ausgerichteten "Hurra"-Fußball sehen - also was denn nun? Schön oder erfolgreich - wie soll die Mannschaft spielen? Wenn es nach mir geht, sollen sie sich eben durchkämpfen. Wenn Deutschland den Titel holt singen auch alle "Experten" das Loblied auf unseren Bundestrainer. Und noch eines: er trägt die Verantwortung, nicht die selbst ernannten "besseren Bundestrainer". Im Sessel sitzen und alles besser wissen ist wohlfeil und ziemlich einfach!
Liechtenstein 03.07.2014
2. Stur
Der Auto widerspricht sich doch selber. Zitat: "Löw wird nachgesagt, er sei stur, er verlasse einen einmal eingeschlagenen Weg niemals. In Brasilien tut er genau das Gegenteil." und "Löw wird nachgesagt, er sei stur, er verlasse einen einmal eingeschlagenen Weg niemals. In Brasilien tut er genau das Gegenteil." Löw ist eben doch stur. Wenn er es nicht wäre würde er Lahm endlich als Verteidiger spielen lassen und Müller auf der Position links um nur zwei Spieler zu nennen. Die deutsche NM spielt wieder Rumpelfußball. Richtig. Aber nicht weil Löw das so will, sondern weil er es taktisch nicht besser hin bekommt. Mir persönlich ist ein "dreckiges" 1:0 lieber als schön zu spielen und zu verlieren.
coppsi 03.07.2014
3. Was Löw scheitern lässt,
selbst wenn ers einen Titel gäbe, er wäre wertlos, denn er wäre ohne die Würze "Begeisterung". Und wer erinnert sich schon später an gerne an Rumpelfussball. Auch sein Zögling Özil hat nichts von Duereinsatz. Nicht umsonst hat ihn Madrid rechtzeitig abgeschoben. Und wer vergisst, statt dessen die wahren Publikumslieblinge einzusetzen, der hat am Schluss eh nur Spott und Hohn zu ertragen.
kloppskalli 03.07.2014
4. egal ob schoen oder nicht
der Ball soll ins Tor - einmal mehr ins gegnerische als ins eigene, und sei's im 11m-schiessen - besser waere natuerlich wenn die Paesse ankommen und der Ball waehrend der ersten 45min gleich ein bis zwei mal im Netz landet, danach kann man dann auch gerne "haesslich" verteidigen. Unschoen = erfolgreich und umgekehrt is alles nur phrasendrescherei...
dioco 03.07.2014
5. Toll!
O.K.... dann spielen sie jetzt also alle so schlecht, weil Löw das so will! Ein toller Plan - und eine perfekte Interpretation von SPon. Löw hat weiterhin das Kommando.
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