WM-Schwarzmarkt in Rio "Bezahlt einfach mit Kreditkarte"

Einen Ort wie diesen sollte es gar nicht geben: Vor den Augen der Fifa und der Polizei werden in Rio WM-Tickets auf dem Schwarzmarkt gehandelt. Gleichzeitig versucht der Staat, im Kampf gegen illegalen Handel Härte zu zeigen.

Vor dem Fifa-Büro in Botafogo werden WM-Tickets getauscht und gekauft
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Vor dem Fifa-Büro in Botafogo werden WM-Tickets getauscht und gekauft

Aus Rio de Janeiro berichtet


Vor dem Fußballklub Botafogo in Rio de Janeiro hat sich am Donnerstagnachmittag eine Menschentraube gebildet, hier soll es angeblich WM-Tickets geben. Tatsächlich ist hier eine Abholstelle der Fifa. Wer über die Internetseite der Organisation Tickets bestellt hat, kann sie sich hier ausdrucken lassen. Ob es noch Karten zu kaufen gibt? "Nein, gibt es nicht", sagt der Security-Mann. "Bitte treten Sie zurück."

Direkt vor dem Eingangstor ist der Schwarzmarkt, hier stehen Dutzende Menschen, einer hält ein Pappschild hoch: 'need tickets - suche Karten'.

Das Weiterverkaufen von Tickets ist in Brasilien verboten. Täglich gibt es Berichte über Festnahmen von Händlern, die in der Nähe der Stadien oder in Touristenhotels ihre Ware angeboten haben. Gerade wurden elf Mitglieder einer Bande verhaftet, die Tausende Karten im Wert von mehreren Millionen Dollar auf den Schwarzmarkt geschleust haben soll. Schlüsselfigur ist laut Polizei ein Fifa-Mitglied. Mindestens sieben weitere Verdächtige sollen nun festgenommen werden, darunter offenbar auch der Fifa-Funktionär.

300, 500, 700, 900, 1000 - die Preise sind astronomisch

Ein Streifenwagen parkt direkt neben der Menschentraube, einer der Polizisten steigt aus. Die Hände stemmt er in die Hüften. Man kann seine Augen nicht sehen, er trägt eine schwarze Sonnenbrille und beobachtet das Treiben.

"Hast du Karten?", werde ich gefragt. Nein, habe ich nicht. Mir geht es wie den meisten hier. "Man muss wirklich aufpassen. Wer verkauft, macht sich strafbar und kann ins Gefängnis kommen", sagt ein Wuschelkopf, ein Deutscher. Er sucht Karten für das Viertelfinalspiel gegen Frankreich, das an diesem Freitag um 13 Uhr Ortszeit im Maracanã angepfiffen wird.

Eine junge Japanerin kommt aus dem Fifa-Büro, sie hat gerade zwei Tickets für das Viertelfinale Niederlande gegen Costa Rica in Salvador abgeholt und will diese jetzt verkaufen. Tickets für das Deutschlandspiel in Rio hat sie auch, aber: "Da gehe ich natürlich selbst hin."

Screenshot der Fifa-Seite

Screenshot der Fifa-Seite

Zwei junge Männer aus Süddeutschland sitzen auf ihren Koffern, sie sind eben erst in Rio angekommen und haben sich direkt zum Schwarzmarkt bringen lassen. "Die Preise sind astronomisch. Im Moment können wir nicht kaufen." Maximal 500 Euro oder 1500 Reais wollen sie pro Ticket der Kategorie 2 bezahlen. "Gerade verlangen die Verkäufer 2000 Reais oder 900 Dollar. Das geht nicht."

Just in diesem Moment hat der junge Mann mit dem Pappschild sein Glück gefunden: Er kauft zwei Tickets, Kategorie 2, zum Schnäppchenpreis von jeweils 300 Euro.

"Ich hab ein Kartenlesegerät", sagt der Mann

Ein braungebrannter Deutscher spricht die beiden Süddeutschen an. "Was sucht ihr?" - "Hast du Frankreich-Deutschland?" - "Ja." Sein Preis ist zu hoch: 700 Euro. Schließlich treffen sie sich bei 580 Euro, 1700 Reais pro Ticket. Doch so viel Bargeld haben die beiden nicht, und am Geldautomaten kann man nicht so viel abheben. Wie also bezahlen? Der Verkäufer sagt: "Bezahlt einfach mit Kreditkarte. Ich habe selbst ein Kartenlesegerät, ich bin Profi." Damit steht der Deal.

Wie professionell manche Schwarzhändler arbeiten, wird erst langsam bekannt. Bestes Beispiel ist die besagte Schieberbande: Laut Polizeichef Fábio Barucke nahm die Gruppe umgerechnet bis zu 665.000 Euro pro WM-Spiel ein. Mindestens tausend Euro pro Ticket verlangten die Kriminellen. Man habe die Stimme des Mannes auf Band aufgezeichnet, der für den Verkauf der Karten verantwortlich sei, sagte Barucke. Von rund 50.000 abgehörten Telefonaten seien gut die Hälfte ausgewertet. Allein in Brasilien habe die Bande 30 Mitglieder, weltweit noch mehr.

Als Zeugen sollen nun auch ehemalige Fußballstars wie Dunga, Jairzinho und Carlos Alberto Torres verhört werden - ihre Namen tauchten im Zusammenhang mit den Ermittlungen auf. Auch der Vater von Superstar Neymar sowie der Bruder von Ex-Weltfußballer Ronaldinho, Roberto Assis, stehen offenbar auf der Polizeiliste derer, die zur Aufklärung beitragen sollen.

Dass in den organisierten Schwarzhandel auch ein Mitglied der Fifa verwickelt sein soll, nehmen viele Fans mit Achselzucken hin. "Das ist doch überall auf der Welt gleich", sagen drei junge Franzosen. "Die Leute wollen Geld machen. Warum sollten die Leute der Fifa besser sein?"

Welche Erfahrungen haben Fußballfans mit dem Tickethandel in Brasilien gemacht? Vier Einblicke:

"Das Licht blieb einfach rot"

Rainer Judjohn, Lidia Navarrete: "So einfach ist das"
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Rainer Judjohn, Lidia Navarrete: "So einfach ist das"

Rainer Judjohn steht mit Lidia Navarrete vor der Tür des Fifa-Ticketbüros. Er hat eine Karte, erworben über die Fifa-Seite, nun sucht er eine für seine mexikanische Freundin. "Wir waren schon bei vier Spielen", erzählt der Schwabe. Bisher habe es immer geklappt, ein zusätzliches Ticket zu bekommen. Nur beim Spiel in Porto Alegre hatten sie Pech. Sie haben für umgerechnet 170 Euro ein Ticket gekauft, das an der elektronischen Zugangskontrolle abgewiesen wurde.

"Das Licht blieb einfach rot. Und man kann überhaupt nichts tun. Man kann sich nirgendwo beschweren oder sein Geld zurückverlangen. Wenn der Name auf dem Ticket nicht mit dem Pass übereinstimmt, kommt man nicht rein. So einfach ist das", sagt Judjohn. Ein Verkäufer nähert sich und bietet ein Ticket für 1000 Dollar an. "Nie im Leben würde ich so viel Geld für ein Fußballspiel ausgeben. Schon gar nicht nach unseren letzten Erfahrungen", sagt Navarrete. Sie wird das Spiel also am TV verfolgen, während ihr Freund im Stadion sitzt.

"Wir suchen seit Tagen nach Tickets"

Thiago Delboni (r.), Freunde: "Wundert mich nicht"
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Thiago Delboni (r.), Freunde: "Wundert mich nicht"


Thiago Delboni lebt in New York, stammt aber aus dem brasilianischen Bundesstaat Espírito Santo. Jetzt besucht er mit zwei US-Freunden den Zuckerhut. "Wir suchen seit Tagen nach Tickets. Auf der Fifa-Seite gibt es keine. Und die auf dem Schwarzmarkt sind viel zu teuer. Dass auch ein Fifa-Mitglied versucht, an der WM zu verdienen, wundert mich nicht. Wir leben in einem korrupten Land. Was soll man da machen? Man muss sich damit abfinden."

"Wir haben aufgegeben"

Alvarez, Cuevas, Umaña: Drei Männer, ein Ticket
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Alvarez, Cuevas, Umaña: Drei Männer, ein Ticket

Walter Umaña, Camilo Alvarez und Jairo Cuevas stammen aus drei verschiedenen lateinamerikanischen Ländern, sie leben alle in New York. Zur WM nach Brasilien sind sie gekommen, obwohl nur einer von ihnen ein Ticket bei der Fifa kaufen konnte. Das Trio hätte Tickets für das Spiel in Fortaleza bekommen können, doch alle Flüge sind ausgebucht. "Und der Bus braucht 44 Stunden, deswegen haben wir aufgegeben."

"Das ist total ernüchternd"

Michel: "Total ernüchternd"
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Michel: "Total ernüchternd"

Luiz Michel, 25, verkauft am Zuckerhut Souvenirs. "Ich wusste gar nicht, dass es Gratistickets für bestimmte Organisationen gibt. Und die werden jetzt von Fifa-Leuten verkauft. Das ist total ernüchternd. Hier kriegen nur die Tickets, die auch Geld haben. Früher war eine WM immer was Tolles, aber ich habe die Lust daran verloren."

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insgesamt 14 Beiträge
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Seite 1
un-Diplomat 04.07.2014
1. Schwarz...
Zitat von sysopSPIEGEL ONLINEEinen Ort wie diesen sollte es gar nicht geben: Vor den Augen der Fifa und der Polizei werden in Rio WM-Tickets auf dem Schwarzmarkt gehandelt. Gleichzeitig versucht der Staat, im Kampf gegen illegale Händler Härte zu demonstrieren. http://www.spiegel.de/sport/fussball/deutschland-gegen-frankreich-tickets-auf-schwarzmarkt-in-rio-a-979126.html
Der unkontrollierte (schwarz?) Handel mit Fußballtickets ist allemal fairer als das Feilschen um einen Listenplatz in den Parteien bei den Wahlen (?) für die Pfründe in einem politischen Amt. Für die Nahles würde doch niemand einen Euro investieren. Fernsehen, da weiß man, was man hat - die Reporter, Moderatoren, Experten und andere Wichtigtuer muss man halt so weit als möglich ausblenden.
thkarlau 04.07.2014
2. Kriminelle Ticketverkäufer?
Ich weiß nicht, ob diese Bezeichnung auch nur im Ansatz richtig ist. Da werden also Tickets zu überhöhten Preisen verkauft, die offenbar reißenden Absatz finden. Niemand zwingt die Käufer dazu, sich betrügen zu lassen. Sie könnten einfach weitergehen und keine Tickets kaufen. Hier sehe ich keine besondere Kriminalität, denn der Käufer geht ja bereitwillig auf den Deal ein, fühlt sich also nicht betrogen und ist es auch nicht. Wenn dies kriminell ist, was ist dann mit Auktionen, wo der meistzahlende das Objekt seiner Begierde erhält? Wenn die Ticketverkäufer jetzt noch ihre Steuern abführen würden, gäbe es überhaupt keinen Grund mehr, sie kriminell zu nennen.
raubritter91 04.07.2014
3. 'ich bin profi'
.. ich habe ein Lesegeraet dabei. Und nun auch den PIN sowie die die Kreditkarteninfos. Ein Schelm, wer böses denkt!
hape72 04.07.2014
4.
Zitat von sysopSPIEGEL ONLINEEinen Ort wie diesen sollte es gar nicht geben: Vor den Augen der Fifa und der Polizei werden in Rio WM-Tickets auf dem Schwarzmarkt gehandelt. Gleichzeitig versucht der Staat, im Kampf gegen illegale Händler Härte zu demonstrieren. http://www.spiegel.de/sport/fussball/deutschland-gegen-frankreich-tickets-auf-schwarzmarkt-in-rio-a-979126.html
Woher haben die Schwarzhaendler denn die Tickets ueberhaupt her? Sind das vielleicht Tickets, die von der FIFA vorher grosszuegig an ihre "Partner" verschenkt wurden? Auf der anderen Seite hoert man von halbleeren Stadien.
erkelenzer 04.07.2014
5. Tickets personalisiert oder nicht?
Sind die Tickets denn nun personalisiert oder nicht? Oder sowohl als auch? Oder wie?
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