DFB-Remis gegen Irland Es rumpelt wieder

In letzter Sekunde kassiert die deutsche Nationalelf den Ausgleich gegen die Iren. Der Bundestrainer sucht keine Ausreden und kritisiert die Nachlässigkeit seiner Elf. Im kommenden Jahr soll laut Löw alles wieder besser werden.

Aus Gelsenkirchen berichtet

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Als die deutsche Fußball-Nationalmannschaft vor drei Jahren zuletzt in Gelsenkirchen gastiert hatte, da tanzte sie. Es war mehr Ballett als Fußball, was die Zuschauer zu sehen bekamen. 6:2 stand am Ende gegen Österreich auf der Anzeigetafel. Es war eines der besten Spiele der deutschen Mannschaft in den vergangenen Jahren.

Danach ist die Mannschaft Weltmeister geworden. Und jetzt bei ihrer Rückkehr in die Schalker Arena, rumpelt sie sich zu einem 1:1 gegen Irland.

Ein unnötiges Ergebnis, da das Ausgleichstor durch John O'Shea erst in der Schlusssekunde gefallen war.
Ein ärgerliches Ergebnis, da die Ausgangsposition in der EM-Qualifikation nach der Niederlage in Polen sich nicht verbessert hat.
Vor allem aber ein fahrlässiges Ergebnis, weil Deutschland dieses Spiel nach der Führung durch Toni Kroos (71. Minute) nicht mehr aus der Hand hätte geben dürfen.

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Unentschieden gegen Irland: Überraschung in letzter Minute
"Wir haben uns das selbst zuzuschreiben", sagte der Bundestrainer, und es ehrt Joachim Löw, dass er keine Ausreden nach dieser erneuten Enttäuschung seiner Elf suchte. So verkniff er sich auch jeglichen Hinweis darauf, dass die Mannschaft deutlich ersatzgeschwächt in das Duell mit den Iren gegangen ist: Mit André Schürrle hatte sich noch ein weiterer Champion von Rio kurzfristig grippebedingt abgemeldet. Auf der Bank des DFB saßen nur noch sechs Spieler, darunter die beiden Reservetorhüter. Die irische Ersatzbank war mit zwölf Profis gefüllt. Trotzdem standen mit Manuel Neuer, Mats Hummels, Jérome Boateng, Thomas Müller oder Mario Götze noch genug Weltmeister auf dem Platz.

"Wir hatten das Spiel nicht mehr unter Kontrolle"

Löw hielt sich mit dem Thema Personalsituation nicht auf, sondern stieg stattdessen in die Fehleranalyse ein. In den Schlussminuten habe seine Mannschaft "das Spiel nicht mehr unter Kontrolle gehabt", dabei "Bälle leichtfertig verloren" und "Dinge zugelassen, die vermeidbar waren".

Löw hatte da besonders die Situation vor dem Ausgleichstor im Auge, als zunächst Erik Durm und Mario Götze den irischen Flankengeber nicht konsequent genug attackierten ("die Flanke hätte man verhindern können") und dann Antonio Rüdiger und Mats Hummels in der Abwehrzentrale zu spät dran waren. Vor allem für den Dortmunder Hummels, der bis dahin eine fast tadellose Partie in der Innenverteidigung abgeliefert hatte, eine dumme Situation. Er selbst ahnte schon: "Man wird mir wieder die Schuld geben, aber meiner Meinung nach kann ich auch nur noch versuchen, zu retten."

Und tatsächlich durfte sich Hummels einen Rüffel des Bundestrainers abholen: "Ein Mats Hummels in bester Verfassung wäre da sicher präsenter gewesen", sagte Löw und kartete noch nach: "Es gab schon während der WM Situationen, wo wir im Sechzehnmeterraum die richtige Zuordnung verloren haben."

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DFB-Team in der Einzelkritik: Hilflos vor der grünen Wand
Die Mannschaft brauchte die Kritik des Trainers eigentlich nicht, sie wusste selbst, dass sie gegen diese massiv defensiv agierenden Iren gewinnen musste: "Wir haben in den letzten fünf Minuten den Mut verloren, statt so weiterzuspielen wie in den 85 Minuten zuvor", sagte Manuel Neuer und erkannte, dass "wir in einigen Situationen nicht clever genug sind". Und Torschütze Toni Kroos regte sich nach Abpfiff ordentlich darüber auf, dass die Iren wiederholt die Chance bekamen, hoch in den deutschen Strafraum hineinzuflanken. Er vergaß dabei allerdings zu erwähnen, dass er selbst für mehrere leichtfertige Ballverluste nach der 1:0-Führung verantwortlich war.

Waren es gegen die Polen (0:2) noch die vergebenen Chancen, die man als Ursache für die Niederlage ausmachen konnte, war es diesmal eine spürbare Hilflosigkeit, die Abwehrmauer der Iren zu überwinden. Die deutschen Spieler waren fast dauernd am Ball, aber wahrscheinlich hat es seit den großen Zeiten von Tusem Essen nicht mehr solche Handball-artigen Szenen im Ruhrgebiet gegeben wie am Dienstag in Gelsenkirchen: Wie am Kreis im Hallenhandball wurde der Ball vor der gegnerischen Verteidigung hin und her gespielt auf der Suche nach der Lücke, die sich allerdings fast nie auftat. Das wirkte konzeptlos, ohne Idee, ohne kreatives Moment.

Löw hat gesagt, er habe diese Phase, die die Mannschaft derzeit durchlaufen muss, "auch ein bisschen so erwartet". Es fehle an Kraft, es fehle an Frische, aber all das sei nicht mehr als eine Momentaufnahme, genau wie der derzeitige vierte Platz in der Qualifikationsgruppe hinter Polen, Irland und Schottland. Löw setzt auf die Zeit, setzt darauf, dass Spieler wie Bastian Schweinsteiger, Sami Khedira, Marco Reus, Mesut Özil, vielleicht gar Ilkay Gündogan zurückkommen. Und dann sieht alles für ihn schon wieder sehr anders aus.

Am Ende des Abends sagte Löw: "Nächstes Jahr schlagen wir zurück." Das muss die Mannschaft langsam auch.

Deutschland - Irland 1:1 (0:0)
1:0 Kroos (71.)
1:1 O'Shea (90.+4)
Deutschland: Neuer - Rüdiger, Boateng, Hummels, Durm - Ginter (ab 46. Podolski), Kroos - Bellarabi (ab 87. Rudy), Götze, Draxler (ab 70. Kruse) - Müller
Irland: Forde - Meyler, O'Shea, Wilson, Ward - McGeady, Whelan (ab 54. Hendrick), Quinn (ab 76. Hoolahan), McClean - Walters - Keane (ab 63. Gibson)
Schiedsrichter: Skomina (Slowenien)
Zuschauer: 51.204
Gelbe Karten: Hummels - Whelan, Wilson
Torschüsse: 23:4
Ecken: 9:1
Ballbesitz in Prozent: 63:37

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insgesamt 119 Beiträge
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Seite 1
-volver- 15.10.2014
1. :-)
naja... mehr kann man dazu nicht sagen. der elf fehlt der Rhythmus... und viele wichtige Leute.
koma37 15.10.2014
2. Herr Löw
bekommt zu viel Gehalt und macht dann auch noch Werbung - aber nicht für Fußball. Es ist doch wohl nicht wichtig, daß der Torwart bis zur Mittellinie rausläuft. Der 16.ner ist sein Revier. Die Stürmer müssen im Training das Schießen auf das Tor üben, damit sie das Tor wenigstens treffen, manchmal geht dann auch einer rein, wenn der Ball 2m rüber oder 5m dabeben geht, besteht da keine Chance für ein Tor ( alte Fußballerweisheit). Das Quer- und Rückwärtsgeschiebe ödet den Zuschauer inzwischen an. Nicht Ballbesitz ist die Devise, sondern Überraschungsmomente, wie es die Polen und die Iren eindrucksvoll bewiesen haben. Übrigens ist Podolski kein Verstärkung für die Mannschaft.
WinstonSmith 15.10.2014
3. Fehler
Deutschland ist auf Platz 3 - nicht 4, da bei Punktgleichheit nicht die Tordifferenz, sondern der direkte Vergleich zählt.
ralphchen1965 15.10.2014
4. Ich sag doch....
...mit diesem Trainer werden wir nie Weltmeister!
denis111 15.10.2014
5. Tunnel-Blick...
Ich fokussiere mich nun kurzfristig darauf, mich darüber zu freuen, dass "wir" der amtierende Fußball-Weltmeister sind. Ich hoffe, dass Reus, Gündogan und Özil (evtl. noch Schweinsteiger) im Jahr 2015 die nötigen individuellen Impulse (Dribblings, Doppelpässe) geben werden, um gegen solche Bollwerke Siege einzufahren. Fertig.
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