Deutschland gegen Irland Gefährlicher Robbie, verrückter Roy

Zwei Siege aus zwei Qualifikationsspielen: Irland geht selbstbewusst in die Partie gegen Deutschland. Für die Überraschung gegen den Weltmeister soll der doppelte Keane sorgen.

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Aus Gelsenkirchen berichtet


Dem irischen Nationaltrainer Martin O'Neill wird ein Faible für Aufsehen erregende Kriminalfälle nachgesagt. O'Neill hat Jura studiert und besucht in seiner Freizeit gern Gerichtsprozesse, wo er sich als Beobachter den Abgründen menschlichen Tuns widmet. Nur so ist es wohl zu erklären, dass der Coach des nächsten deutschen EM-Qualifikationsgegners (20.45 Uhr Liveticker SPIEGEL ONLINE; TV: RTL) sich zum Amtsantritt im Vorjahr Roy Keane als Assistenten erwählt hat.

Keane, für den das Wort Enfant Terrible ein Ausdruck der Harmlosigkeit ist, hat denn auch vor dem Deutschlandspiel für die ihm angemessene Aufregung gesorgt. Mit dem Erscheinen seiner Autobiografie, in der er genüsslich alle Schlägereien und Beleidigungen aufführt, die er sich in seinem langen Fußballleben erlaubt hat, hat der frühere Kapitän von Manchester United wieder einmal sämtliche öffentliche Aufmerksamkeit in Irland absorbiert.

Dass das Team von O'Neill seine ersten zwei Qualifikationsspiele gewonnen hat und mit dem Maximal-Polster von sechs Zählern nach Gelsenkirchen anreist, wurde auf der Insel eher beiläufig zur Kenntnis genommen. Mit einem Erfolg über Weltmeister Deutschland wäre das allerdings schlagartig vorbei. Auch wenn die Erinnerungen der irischen Fußballfans an Gelsenkirchen eher getrübt sein dürften.

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DFB-Gegner Irland: Die doppelten Keanes
Bei der Europameisterschaft 1988 in Deutschland trumpften die Iren groß auf, träumten schon vom Halbfinale. Ein Unentschieden gegen die Niederlande in Gelsenkirchen hätte für die Elf von Jack Charlton zum Weiterkommen gereicht. Das Abseitstor von Oranje-Stürmer Wim Kieft kurz vor dem Abpfiff, vom Schiedsrichter trotzdem anerkannt, beendete den irischen Traum. Die Niederlande wurden anschließend Europameister.

"Die Iren kommen mit viel Selbstvertrauen und werden versuchen, es genauso zu spielen wie die Polen", sagt Bundestrainer Joachim Löw vor der Partie. Man werde über das Spiel der Iren "eine Schablone der polnischen Taktik legen können". Heißt: defensiv stehen, auf Konter warten. Und davon möglichst den ersten nutzen.

Dafür verantwortlich soll auch der zweite der beiden großen Keanes des irischen Fußballs sein. Stürmer Robbie ist mittlerweile im besten Miroslav-Klose-Alter. Mit dem deutschen Rekordtorjäger hat er aber nicht nur die Reife gemeinsam. Keane steht nach seinen drei Treffern gegen Gibraltar vom Samstag mittlerweile bei 65 Länderspieltoren. Das ist nicht nur Landesrekord. Nach Kloses Rücktritt gibt es unter den noch aktiven Profis international niemanden, der so viele Tore für sein Land erzielt hat.

Der Angreifer ist bei 136 Länderspieleinsätzen seit 1998 angelangt, er war wie Klose schon bei der WM 2002 dabei und erzielte in der Gruppenphase gegen Deutschland ein Tor beim 1:1-Unentschieden - den einzigen Gegentreffer für die Deutschen bis zum Finale. Er hat über 200 Premier-League-Partien für Tottenham absolviert, seit fast zehn Jahren ist er der Kapitän der Boys in Green. Keane lässt seine Karriere heute in den USA austrudeln, die Jahre sind nicht spurlos an ihm vorbeigegangen. Aber für so ein Highlight wie die Partie gegen den Weltmeister wird er noch einmal alles hineinwerfen, was er hat.

O'Neill will nicht nur kämpfen und verteidigen lassen

Eine Eigenschaft, die den Iren von jeher nachgesagt wird: Kämpfen, das können sie. Spielerisch ist das alles sehr übersichtlich, was die Iren in den vergangenen Jahren gespielt haben. In der WM-Qualifikation wurden sie von Deutschland zweimal vernichtend geschlagen. Das 1:6 von Dublin von 2012 war eine Lehrstunde, die das Löw-Team den Gastgebern erteilte.

O'Neill hat versucht, das zu ändern: die Iren nicht nur immer kämpfen und laufen zu lassen, sondern an ihrer Spielanlage zu feilen. Das hat der Coach, der übrigens Nordire ist, schon in seinen fünf erfolgreichen Jahren beim FC Celtic probiert. Auch Aston Villa in der Premier League hat er geprägt, zuletzt jedoch war er beim FC Sunderland gescheitert.

Seit einem Jahr ist O'Neill nun für die Iren verantwortlich, hat nach der glücklosen Ära von Giovanni Trapattoni einiges im Verband und im Team verändert. Die Personalie Roy Keane war ein klares Signal, dass O'Neill auch unbequeme Geister um sich erträgt und Wert darauf legt, kritische Meinungen zu hören. Einen Roy Keane kann man nicht einfangen, im Zweifelsfall wird man sonst umgegrätscht.

Es wird dem Assistenten gefallen haben, was sein Chef vor der Partie gegen die Deutschen von sich gab. Man werde "nicht das tun, was alle von uns erwarten". Er habe genug offensive Optionen, Deutschland auch in der Abwehr zu fordern. Die Iren haben sich noch nicht in die erwartete Niederlage ergeben.

Für Robbie und Roy, die doppelten Keanes, nicht verwandt und nicht verschwägert, kann es auf ihre alten Tage noch einmal ein echtes Fest werden. Es wäre Stoff für ein neues Kapitel in Roy Keanes wüsten Erinnerungen.

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