Flugzeugunglück 1987 Der Tag, an dem die Fußballzukunft Perus zerstört wurde

Im Dezember 1987 stürzte eine Maschine mit der gesamten Mannschaft von Alianza Lima ins Meer, kein Spieler überlebte. Dieser Tag hat Peru schwer erschüttert - auch den Fußball.

Die Mannschaft von Alianza Lima
imago/ ZUMA Press

Die Mannschaft von Alianza Lima

Aus Sinsheim berichtet


Viele Länder haben dieses eine spezielle Datum im Fußball. Einen Tag, ein Ereignis, an das sich jeder erinnert, auch wenn er nicht dabei gewesen ist. In Deutschland ist das wahrscheinlich der 4. Juli 1954, als Fritz Walter und Helmut Rahn im WM-Finale zu den Helden von Bern wurden.

Für Peru, Gegner der deutschen Nationalmannschaft am Sonntag in Sinsheim, ist es der 8. Dezember 1987. Ein Schicksalstag des peruanischen Fußballs. Es war der Tag, an dem die gesamte Mannschaft von Alianza Lima bei einem Flugzeugunglück zu Tode kam.

Alianza Lima ist in Peru ein Verein, den man mit Schalke 04 in Deutschland, mit Manchester United in England, mit Inter Mailand in Italien vergleichen kann. Eine Herzensangelegenheit, ein Klub mit großer Tradition, gegründet in den Anfangsjahren des vergangenen Jahrhunderts, dann Serienmeister in den Dreißigerjahren. Fast alle Großen des Landes haben dort gespielt, vom legendären Teófilo Cubillas bis zu Jefferson Farfán, Paolo Guerrero und Claudio Pizarro.

Die Ponys galoppierten Richtung Meisterschaft

Die große Ära des Vereins war 1987 vorbei, Cubillas hatte Alianza in den Siebzigerjahren noch einmal zu Meisterehren geschossen, seitdem hatte das Team regelmäßig gegen die Erzrivalen Sporting Cristal und Universitario das Nachsehen gehabt.

Aber in diesem Jahr 1987, da sollte alles anders werden. Der Klub hatte Trainer Marcos Calderón engagiert, einen Erfolgscoach, der mit der Nationalmannschaft 1975 die Copa América gewonnen und in der Liga bereits zehn Meistertitel gesammelt hatte. Calderón hatte eine junge Mannschaft aufgebaut um den 18-jährigen hochtalentierten Luis Escobar, den Fans und Öffentlichkeit schon zum Nachfolger des einzigartigen Cubillas auserkoren hatte.

Alfredo Tomassini
imago/ ZUMA Press

Alfredo Tomassini

Die Mannschaft wurde Los Portillos, die Ponys, genannt. Und unter Calderón waren sie in vollem Galopp an die Tabellenspitze gestürmt, der Meistertitel schien zum Greifen nah. Auch die Auswärtshürde bei Deportivo Pucallpa wurde 1:0 genommen. Das war am 7. Dezember 1987. Am nächsten Tag trat die Mannschaft bester Stimmung den Rückflug an. Den niemand überlebte.

Mit einer altersschwachen Fokker, einer Leihgabe des peruanischen Militärs, waren Team und Betreuer Richtung Lima losgeflogen. Der Pilot hatte sich zunächst geweigert, den Flug anzutreten, da ihm die Maschine nicht geheuer war. Er ließ sich allerdings überreden. Eine folgenschwere Entscheidung, die 44 Menschen das Leben kostete. Die Maschine stürzte bei Landeanflug in den Ozean, alle Spieler starben ebenso wie der Trainer und die Betreuer.

Es gab in der Geschichte des Fußballs einige fürchterliche Flugzeugunglücke: die "Busby Babes" von Manchester United, die 1958 verunglückten, oder die Mannschaft von Chapecoense aus Brasilien 2016. Aber der Absturz von Alianza Lima war wohl der schrecklichste.

Die Saison irgendwie zu Ende gespielt

Nach dem tiefen Schock hat der Verein irgendwie versucht, die Saison zu Ende zu spielen. Ex-Profis wurden reaktiviert - an der Spitze der damals 39-jährige Cubillas, der seine Laufbahn längst beendet hatte. Das chilenische Team von Colo-Colo lieh dem Klub seine Spieler aus, seitdem gibt es eine tiefe Fanfreundschaft zwischen beiden Vereinen - aber es nützte nichts. Der Vorsprung ging verloren, der Klub war vollständig paralysiert, der Titel ging an Universitario. Es dauerte elf Jahre, bis Alianza wieder die Meisterschaft errang.

Die genaue Ursache des Absturzes ist nie wirklich ergründet worden, das Militär verweigerte nach dem Unglück jede Auskunft, eine offizielle Untersuchung wurde untersagt, das Land stand damals am Beginn eines jahrzehntelangen Bürgerkriegs, der "Leuchtende Pfad" hatte seine Untergrundtätigkeit aufgenommen, Attentate erschütterten das Land. Eine öffentliche Debatte darüber, dass im Grunde die Marine Schuld an diesem tragischen Unfall hatte, sollte in jedem Fall vermieden werden.

Journalisten, die den Fall recherchierten, wurden eingeschüchtert. Erst 19 Jahre nach dem Absturz behandelte eine aufwendig recherchierte Fernsehdokumentation den Fall. Der peruanische Fußball hat viele Jahre gebraucht, sich von diesem Schock zu erholen. Die talentiertesten, vielversprechendsten Spieler des Landes waren unter den Todesopfern. Die Qualifikation zur Fußball-WM in diesem Sommer in Russland war die allererste Perus seit jenem Ereignis.



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smsderfflinger 09.09.2018
1.
Ja, ein schrecklicher Tag insbesondere für die Angehörigen der Opfer. Aber inwieweit die Zukunft des peruanischen Fussballs dabei zerstört wurde, ist mir nicht eingängig. Schliesslich spielen wir heute gegen eine pruanische NM... D
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