Von Christian Paul
Der 20. Juni 2000 war ein grauenvoller Tag für den deutschen Fußball. In Rotterdam setzte es im letzten Gruppenspiel der Europameisterschaft gegen Portugal eine Niederlage historischen Ausmaßes. Durch das 0:3 (0:1) an jenem Sommerabend war Deutschland bereits nach der Vorrunde ausgeschieden. Vorgeführt von einer portugiesischen B-Elf mit neun Ersatzspielern, erlebte die DFB-Elf eine der bittersten Pleiten ihrer Geschichte.
Es war eine von insgesamt nur drei Niederlagen einer DFB-Elf gegen Portugal (16 Spiele, acht Siege, fünf Unentschieden), aber eine mit weitreichenden Konsequenzen. Heute gilt sie als Wendepunkt in der deutschen Nachwuchsförderung. Damals hagelte es Häme für eine deutsche Mannschaft, die vor allem in der Abwehr überfordert war. Das deutsche EM-Ergebnis: ein Punkt, 1:5 Tore, letzter Platz.
Die "Bild"-Zeitung titelte: "Ihr seid eine Schande und die Fußball-Deppen der Nation." Der damalige Innenminister Otto Schily sagte: "Leider gibt es noch kein Gesetz, das solche Spiele verbietet." Bundestrainer Erich Ribbeck trat einen Tag später, am 21. Juni 2000, zurück.
Der Mann, der dem deutschen Fußball all das einbrockte, hieß Sérgio Conceição. Der rechte Mittelfeldspieler der Portugiesen machte das Spiel seines Lebens und traf dreimal. Er selbst dürfte darüber am meisten überrascht gewesen sein.
Hrubesch mit Tränen in den Augen
Es wirkt noch heute surreal, wie leicht die deutsche Verteidigung um den damals 39-jährigen Lothar Matthäus, Jens Nowotny, Thomas Linke und Marko Rehmer es dem Gegner machte. Etwas mehr als Jogging-Tempo reichte an jenem Abend, um jeden deutschen Abwehrspieler abzuschütteln. Nach dem 1:0 in der 35. Minute erhöhte Conceição in der zweiten Hälfte, in dem er erst Dietmar Hamann ausspielte und dann Torwart Oliver Kahn mit einem harmlosen Weitschuss überwinden konnte (54.).
Das 3:0 (71.) von Conceição machte die Demütigung perfekt. Kurz zuvor hatte Nationaltrainer Ribbeck noch versucht, durch die Einwechslung von Stürmer Ulf Kirsten mehr Schwung im Spiel nach vorne zu bekommen. Er kam für Carsten Jancker. Nach dem Schlusspfiff saß Co-Trainer Horst Hrubesch mit Tränen in den Augen auf der Bank.
Wahrscheinlich hatte er sich ein wenig geschämt, vielleicht sehnte er sich aber auch einfach nur nach besseren Spielern. Doch die Özils, Götzes und Schürrles waren da noch im Kindesalter, weit davon entfernt, den deutschen Fußball zu bereichern. Doch es sollte sich etwas tun.
Nach der Pleite gegen Portugal verpflichtete der DFB alle 18 Erstligisten, zur Saison 2001/2002 ein Nachwuchsleistungszentrum einzuführen. Ab sofort mussten die Clubs im Zuge des Lizenzierungsverfahrens und der Zulassung zum Spielbetrieb hauptamtliche Jugendtrainer einstellen.
EM 2008: Bundestrainer Löw schaut aus der Loge zu
Keine fünf Jahre später bekam es Portugal mit einer wesentlich stärkeren deutschen Elf zu tun. Bei der WM 2006 siegte Deutschland im Spiel um Platz drei hochverdient 3:1. Doppelter Torschütze war Bastian Schweinsteiger. Von Portugals Superstar Cristiano Ronaldo, der 2003 in der A-Nationalmannschaft debütiert hatte, war wenig zu sehen. Es sollte nicht das einzige Mal bleiben, dass der Ausnahmekönner mit seinen Fähigkeiten geizte.
EM-Viertelfinale 2008: Deutschland hatte beim Turnier in Österreich und der Schweiz die Gruppenphase überstanden. Österreich und Polen wurden knapp besiegt, doch zu was die Elf wirklich in der Lage war, wusste niemand so genau. Portugal galt deshalb vor dem Match als leichter Favorit, der Respekt vor Ronaldo und Co. war groß.
Es entwickelte sich nicht nur eines der spannendsten Spiele des Turniers, sondern auch eines der besten in der Geschichte deutsch-portugiesischer Duelle. Deutschland führte früh 2:0 durch Tore von Schweinsteiger und Miroslav Klose. Bundestrainer Joachim Löw riss beim Jubeln die Arme in einer VIP-Loge in die Höhe. Er war im letzten Vorrundenspiel gegen Österreich auf die Tribüne geschickt und fürs Viertelfinale aus dem Innenraum verbannt worden.
Portugals Nuno Gomes verkürzte kurz vor der Pause auf 1:2, ehe Michael Ballack in der 61. Minute mit dem 3:1 alles klarmachte. Das 2:3 durch Helder Postiga (87.) kam zu spät. Portugal war ausgeschieden, Deutschland musste sich erst im Endspiel Spanien geschlagen geben.
Das mit dem Finaleinzug soll für die DFB-Elf auch in diesem Jahr wieder klappen. Eine Pleite zum EM-Auftakt darf sich der Turnierfavorit am Samstagabend (20.45 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) nicht erlauben. Bei der großen Erwartungshaltung dürfte eine Niederlage ein ähnliches Panikpotential entfalten wie jene aus dem Juni 2000.
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