Deutschlands Remis gegen Spanien Ein gut gemachter Imagefilm

Testspiele sind meist zäh. Nicht so das Duell zwischen Deutschland und Spanien: Phasenweise boten die Teams hochklassigen Fußball, mit der harten WM-Realität hatte das aber wenig zu tun.

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Moment des Spiels: Es lief die 26. Minute, als das von den kargen Zweitligajahren ausgehungerte Publikum in Düsseldorf feines Gespür bewies. Spaniens Fußballer hatten gerade mit bemerkenswerter Leichtigkeit auf unverschämt wenig Raum kombiniert - und bekamen dafür Szenenapplaus! Keine Pfiffe, sondern offene Anerkennung für einen richtig starken Gegner. In einem Testspiel, das alle Erwartungen übertreffen sollte.

Das Ergebnis: 1:1 (1:1). Hier geht es zum Spielbericht.

Die Aufstellung: Keine Experimente! Bundestrainer Joachim Löw wollte sein Stammpersonal noch einmal im Zusammenspiel sehen, zu Spielbeginn standen gleich sieben Weltmeister von 2014 auf dem Feld. Julian Draxler bekam den Vorzug gegenüber Leroy Sané, Timo Werner freute sich über den Platz im Sturm, Marc-André ter Stegen stand wie angekündigt im Tor.

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Deutschland gegen Spanien: Schwere Entscheidungen

Die erste Hälfte: Begann mit einem Geniestreich eines Weltmeisters, allerdings eines Weltmeisters von 2010. Andrés Iniesta spielte einen perfekten Pass auf Rodrigo Moreno - und der Angreifer aus Valencia traf nach nicht einmal sechs Minuten zur Führung für Spanien. Mats Hummels hatte für einen kurzen Moment den Kontakt zu seinem Gegenspieler verloren. Musste man ihm einen Vorwurf machen? Kaum. Das Timing dieses Angriffs war atemraubend gut.

Rodrigo Moreno trifft zum 1:0
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Rodrigo Moreno trifft zum 1:0

Spaniens beste Zeit ist vorbei? Unsinn. Die Anfangsphase der Partie war eine beeindruckende Demonstration spanischer Fußballkunst. Enge Ballführung, präzises Passspiel, vorgetragen mit ungeheurem Selbstvertrauen. Alle deutschen Pressingbemühungen wurden freundlich, aber sehr bestimmt, weggelächelt. Die Angriffe der DFB-Elf wirkten dagegen etwas grober, aber keineswegs untauglich.

Nummer 38: Werner hatte in der 23. Minute schon gezeigt, wie man hinter die spanische Kette kommen kann. Thomas Müller bewies dann, dass das überhaupt nicht notwendig ist. 20 Meter, zentral vor dem spanischen Tor, den Ball perfekt getroffen - für Müller war es der 38. Treffer im 90. Länderspiel, damit ließ er Oliver Bierhoff hinter sich. Die nächsten Goalgetter im Visier des Münchners: Michael Ballack (42 Tore) und Uwe Seeler (43).

Grünzeug: Wenn man ein neues Produkt auf den Markt bringt, muss man es der potenziellen Kundschaft natürlich auch zeigen. Also spielte die DFB-Auswahl am Freitagabend im flaschengrünen Ausweichtrikot gegen die Spanier, die deutlich traditioneller unterwegs waren. Rote Trikots, dunkelblaue Hosen und Stutzen. Ausweichtrikot trifft es also nicht wirklich.

Die zweite Hälfte: Wenn das mit den Distanzschüssen so gut klappt... Julian Draxler, der es überraschenderweise nicht in den 23er-WM-Kader von SPIEGEL ONLINE geschafft hat, zwang Manchester Uniteds Schlussmann David de Gea zu einer starken Parade. Dann ging es hin und her: Jordi Alba (55.) und Isco (56.) vergaben für Spanien, der eingewechselte Ilkay Gündogan (57.), Werner (63.) und Hummels (65.) für die Gastgeber. Mit jedem weiteren Wechsel verlor das Spiel minimal an Schwung, ein dritter Treffer fiel vielleicht auch deshalb nicht mehr.

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DFB-Elf in der Einzelkritik: Müller macht's

#bestneverrest: "Die Mannschaft" hat jetzt ein offizielles WM-Motto. "Best NeVer Rest" (Die Besten machen keine Pause). Mit großem V, für den angestrebten fünften Titel. Ernsthaft: Wer auch immer sich so etwas ausdenkt, benötigt dringend eine Pause, gehört allerdings auch nicht zu den Besten.

Gewinner des Spiels: Sebastian Rudy. Der Mittelfeldspieler von Bayern München stand zwar im Kader für die beiden Testspiele gegen Spanien und Brasilien (Dienstag, 20.45 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE), entschied sich aber dafür, lieber bei seiner hochschwangeren Ehefrau Elena zu bleiben. Während der zweiten Spielhälfte postete er ein Familienupdate.

Erkenntnis des Abends: Es war ein Testspiel - und es hat trotzdem Spaß gemacht. Zwei Teams, die Lust auf Fußball hatten. Spieler, die im Wissen um die wenigen Kader- und Startelfplätze in Russland noch einmal ein paar Prozent mehr gaben. "Ein sehr, sehr guter Test", sagte auch Bundestrainer Löw. Aber: Bei allem Tempo fehlte in diesem Duell jegliche Härte, kein Spieler wurde am Freitag verwarnt. Ein WM-Spiel zwischen diesen beiden Teams sähe definitiv anders aus, Szenenapplaus für den Gegner gäbe es wohl auch nicht. Es war so eher ein 90-minütiger, gut gemachter Imagefilm eines Fußballspiels - als ein echtes Fußballspiel.



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ich-geb-auf 24.03.2018
1. Tolles Spiel zweier Top Mannschaften!
Das war wirklich mal ein ansehnliches Freundschaftsspiel zweier Top Mannschaften. Tolle Spielzüge, klasse Chancen.. Das Pressing der deutschen Mannschaft hat mir sehr gut gefallen. Was wäre Hector nur für ein toller und noch nützlicherer Spieler wenn zumindest mal 1 oder 2 seiner Flanken oder Pässe in den Strafraum mal gut und sinnvoll wären und ankommen würden? Das ist echt schade, so gute Spielsituationen gehabt über außen und dann solch klägliche Flanken und Pässen in den Raum wo keiner steht oder den Gegner angeschossen und das mehrmals.. (auch die Riesenchance der Spanier war so ein Beispiel) Da muss dringend dran gearbeitet werden, auch wenn das Problem beim ihm schon lange bekannt ist. Hat man sich einige gute Torchancen dadurch kaputt gemacht. Ter Stegen war top, nur muss er an seinen Abspielen ins vordere Mittelfeld arbeiten, da kam fast nichts an. Auf jeden Fall braucht man um das deutsche Spiel bei der WM keine Angst haben, das war schon sehr sehr gut anzusehen. Weiter so.. ich freu mich auf die WM!
carinanavis 24.03.2018
2. das "traumtor"
der Spanier war eben doch ganz knapp abseits und somit irregulär. Da kann man nichts machen. Die permanenten Pfiffe des Schiedsrichter gegen Deutschland hielten Spanien im Spiel, doch nach taktische Fouls und Dauerschwalben wären 2 rote Karten gegen Spanien hochverdient gewesen.
briancornway 24.03.2018
3. 65 Min Klasse
Erst waren die Spanier etwas besser, dann die Deutschen, und in der zweiten Hälfte zunächst beide im Wechsel im Stil von "Okay, euer Angriff war nicht übel, aber jetzt schaut euch mal das hier an ...". Aber sobald eine Mannschaft mit dem 4. Wechsel das Bonuskontingent anbricht, ist das restliche Spiel nicht mehr so ganz ernstzunehmen. Für's Auge hätte ich mir noch ein 2:2 gewünscht, aber dafür stand dann doch für beide zuviel Prestige auf dem Spiel. Ein 2:2 gegen Brasilien wäre sicher auch attraktiv, und es wäre eine gute Gasse ohne Salz auf alte Wunden und ohne Vergeltungsklatsche.
ozoli 24.03.2018
4. Tolles Spiel ...
... schreckliches Outfit! Die gruenen Trikots erinnern mich an die WM '94 in den USA, das waren wohl die haesslichsten Trikots die jemals von der Nationalmannschaft getragen wurden.
markniss 24.03.2018
5. Die 6? Ungelöst.
Ich habe mir nochmal die Videos von 2014 angesehen. Was man heute kaum glauben kann, ist wie gut Sami Khedira damals war. Damals rannte er das Feld rauf und runter, war torgefährlich und gleichzeitig defensiv gut. Nun ja, das Endspiel haben wir auch ohne ihn gewonnen. Aber auch das nur wegen einer quasi übermenschlichen Leistung von Bastian Schweinsteiger, dem anderen überragenden 6er. Nach dem heutigen Spiel, und nicht nur deshalb, habe ich die Sorge, dass wir im Moment kein solches 6er-Paar haben. Kroos ist bei Real inzwischen fast ein 6er geworden, und ein hervorragender dazu. Aber Sami ist zu langsam inzwischen, sorry. Ich liebe Ilkay Gündoghan, und auch Toni Kroos, weil sie beide überragende Fußballer sind. Aber die beiden auf der 6/8 -- geht das? Ernsthafte Frage. Ich als Amateur-Trainer habe mich deshalb wahnsinnig geärgert, dass Jogi sie nicht hat zusammen spielen lassen, außer in diesen Chaos-Minuten nach all den Wechseln... PS: Wo ist die Lobby für Leroy Sane?? Der spielt in einer ganz anderen Liga als Draxler -- in jedem Sinne! Das heißt er spielt in anderen Liga und das heißt wiederum, er spielt in einer echten Liga und nicht in einer Gurkenliga in Frankreich. Alle Engländer, die ich kenne, sagen dass Sane der beste Außenstürmer der gesamten Premier League ist. Wäre schön, wenn sich deutsche Sportjournalisten auch mal internationale Spiele anschauen würden! PPS: Durch Googlen "lraoy sane best" kam als 5. Treffer das hier, von vor drei Wochen: http://www.dailymail.co.uk/sport/football/article-5452373/Leroy-Sane-par-Ryan-Giggs-best-Jamie-Carragher.html -- so gut wie Ryan Giggs. Nuff said.
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