Brasilianische Nationalmannschaft Der ungeduldige Patient

Fast vier Jahre liegt das 1:7 der Brasilianer zurück - was ist seitdem aus der Fußballgroßmacht geworden? Beim Wiedersehen mit Deutschland fehlt erneut Superstar Neymar.

Von , Mexiko-Stadt


Es gibt kein Thema, das Brasilien in den vergangenen Wochen so sehr beschäftigt hat wie die "Neymardependencia", die Abhängigkeit vom Superstar.

Nicht mal die Frage, ob der linke Ex-Präsident Lula da Silva im Oktober zur Präsidentenwahl antreten darf oder doch in den Knast muss, bewegt Herzen und Köpfe der Menschen im Land mehr als die Frage: Wie sehr hängt die Seleçao an den Künsten ihres besten Spielers Neymar?

Seit Nationaltrainer Tite, gesprochen "Tschitschi", die Auswahl im Juni 2016 übernommen und vom Betonfußball des Ex-Stuttgarters Dunga befreit hat, ist der brasilianische Fußball wieder ein Quell von Spaß, Spielkultur und Stolz. Und vor allem Erfolg. All das war der Seleçao ja beim 1:7-Horror im WM-Halbfinale gegen Deutschland 2014 und noch eine ganze Zeit danach abhanden gekommen. Nach anfänglichen Problemen spielte Brasilien eine ausgesprochen souveräne WM-Qualifikation mit nur einer Niederlage und zehn Punkten Vorsprung auf den Zweiten Uruguay. Deutschland ist vor dem Testspiel in Berlin gewarnt (20.45 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE, TV: ZDF): "Das 7:1 ist Vergangenheit, Brasilien hat sich unter Tite stark verbessert", sagte Bundestrainer Joachim Löw auf einer Pressekonferenz vor dem Spiel.

Tatsächlich hat Tite ein gut organisiertes Kollektiv geformt, in dem jeder Defensivaufgaben übernimmt. Und das Angriffsspiel kreist um den Fixstern Neymar, der nicht nur die Tore schießt, sondern sie auch seinen Mitspielern auflegt. Der Anführer der Brasilianer ist nach Gabriel Jesus von Manchester City mit sieben Treffern der beste Torschütze der "Tschitschi"-Ära. Und so ist aus der Schießbude von 2014 vier Jahre später wieder ein ernsthafter Titelkandidat für Russland geworden.

Also "tudo beleza", alles super?

Nicht ganz, denn da ist ja noch dieser Haarriss in Neymars rechtem Mittelfuß, der Brasilien noch viel mehr beschäftigt als Deutschland der gebrochene linke Mittelfuß von Torhüter Manuel Neuer.

Neymar verletzte sich Ende Februar
REUTERS

Neymar verletzte sich Ende Februar

Bei beiden ist der Zeitpunkt der Rückkehr ungewiss. In seiner Multifunktion als Vorbereiter und Stürmer sei der teuerste Spieler der Welt kaum zu ersetzen, sagen Experten. Auch in der WM-Qualifikation hat sich gezeigt, dass Brasilien ohne Neymar zwar gut, aber nur mit ihm wirklich überragend war. Dementsprechend nimmt ein Großteil der 200 Millionen Brasilianer gespannt Anteil am Genesungsprozess des Stürmers von Paris St. Germain.

Seit seiner Verletzung Ende Februar, der anschließenden OP in der Heimat und der nun dreimonatigen Heilungspause ist der 26-Jährige der berühmteste Patient des Landes. Die Ankunft in Rio im Rollstuhl, die Einlieferung ins Krankenhaus in Belo Horizonte, das Verlassen des Hospitals - es waren Anfang des Monats mediale Großereignisse mit Live-Berichten und Fotos auf den Titelseiten der Tageszeitungen.

"All in" - Neymar mit Freunden beim Pokern

FT do torneio dos Toiss! ✌����

Ein Beitrag geteilt von Nj ���� �� neymarjr (@neymarjr) am

Die erste Genesungsphase absolviert Neymar daheim in seinem Anwesen in Mangaratiba, 85 Kilometer westlich von Rio de Janeiro. Die Luxusvilla mit spektakulärem Atlantikblick wurde in ein Rehazentrum umgebaut, vier Wochen darf der Kicker den rechten Fuß nicht belasten. Also sitzt er im Rollstuhl und bekämpft die Langweile. Fotos zeigen ihn beim Pokern mit Freunden, bei nächtlichen Computerspielen und mit neuen Frisuren.

Zudem klärt er gerade die Beziehung zu seiner Freundin Bruna Marquezine, einer Telenovela-Schönheit - die Zeichen stehen auf Heirat - und heizt die Gerüchte eines Wechsels zu Real Madrid an. Derweil gehen die Promis bei ihm ein und aus. Bekannte Fernsehmoderatoren, befreundete Sänger und Nasser Al-Khelaifi, Präsident von Paris St. Germain, machten schon Krankenbesuche. Der Katarer besuchte auch gemeinsam mit Neymars Vater eine von Neymar junior ins Leben gerufene soziale Einrichtung.

Neymars Vater Santos und PSG-Besitzer Nasser Al-Khelaifi
AFP

Neymars Vater Santos und PSG-Besitzer Nasser Al-Khelaifi

Kurz vor der Länderspielreise der Nationalmannschaft war auch Tite noch mal beim Spieler, um sich nach dem Fortgang der Genesung zu erkundigen. Zunehmend allerdings seien die Menschen genervt, sagt Breiller Pires, Seleçao-Experte beim Sportsender ESPN: "Als Fußballer ist Neymar unumstritten, aber als Mensch gehen die Meinungen über ihn mehr und mehr auseinander." Sein egozentrisches Verhalten in Paris habe nicht allen Brasilianern gefallen. "Aber auch diejenigen, die ihn nicht mögen, hoffen auf seine Genesung. Denn jeder weiß, dass er der beste Spieler Brasiliens ist, einer, der im entscheidenden Moment den Unterschied macht", sagt Pires.

Neymars neue Frisur - knapp fünf Millionen gefällt das

✌����

Ein Beitrag geteilt von Nj ���� �� neymarjr (@neymarjr) am

Vor dem Spiel gegen Russland am Freitag hatte auch Trainer Tite klargemacht: "Neymar ist unersetzlich." Ohne ihn sei das Auftreten als Team fundamental. "Wir müssen das mit einer größeren Mannschaftsleistung ausgleichen. Wir müssen die Stärke haben, Widrigkeiten wie diese zu überwinden." Gegen den WM-Gastgeber hat die grüngelbe Auswahl gezeigt, dass sie das ganz gut hinbekommt und auch ohne den teuersten Dribbler der Welt souverän spielen kann. Neymars Position auf dem Feld übernahm der frühere Münchner Douglas Costa.

"Brasilien hat die Ordnung gehalten, das Spiel jederzeit kontrolliert und hinten nicht gelitten", analysierte Juninho Pernambucano, Ex-Nationalspieler und heutiger TV-Experte. Und mit breitem Grinsen fügte er hinzu: "Brasilien ist 2018 viel besser als 2014 darauf vorbereitet, ohne Neymar zu spielen."

Fotostrecke

7  Bilder
Sorgen um Neymar: Die Krücken der Nation

Auch den Fans war die Erleichterung anzumerken. Ein Anhänger jubilierte im Kurznachrichtendienst Twitter. "Die Seleçao ist nicht mehr von Neymar abhängig." Ein anderer schwelgte schon in Allmachtsfantasien: "Niemand stoppt diese Seleçao, höchstens Deutschland."

Die Brasilianer hegen bei diesem letzten Vorbereitungsspiel vor der WM-Kader-Nominierung jedenfalls keinen Revanche-Gedanken, sondern betrachten das Spiel in Berlin nüchtern als eine Vorbereitung auf höchstem Niveau. "Wir haben gar keine andere Wahl, als unseren besten Fußball zu zeigen", sagt Coach Tite.

Der ungeduldige Patient muss derweil auch dieses Spiel daheim verfolgen. Beim nächsten Spiel gegen Deutschland will er dann endlich auch mal dabei sein. Die Schmach von Belo Horizonte hat Neymar 2014 ja verletzungsbedingt ebenfalls verpasst. Aber in Russland soll es dann endlich so weit sein, möglichst im Finale. Dort erst können Deutschland und Brasilien aufeinandertreffen, sollten sie ihre jeweiligen Gruppen gewinnen.

insgesamt 11 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
tomaraya 27.03.2018
1.
Ohne Frage ist Neymar ein begnadeter Spieler. Aber spätestens nach dem 1:7 gegen Deutschland sollten die Brasilianer gelernt haben, dass nicht einer alleine ein Spiel oder die WM gewinnt, sondern eine Mannschaft. Nach eigenen Bekunden haben sie dass ja anscheinend auch. Ich bezweifle aber, dass sie in Russland weiter als bis ins Viertel-Finale kommen werden. Sie sind trotz allem zu sehr auf Neymar fixiert...
Papazaca 27.03.2018
2. Wir hoffen auf ein gutes Spiel, 7:1 war ein....
Betriebsunfall, Brasilien ist normalerweise viel besser. Wie gut, werden wir heute Abend sehen ...
jujo 27.03.2018
3. ...
Spielt Neymar braucht es einen "Aufpasser" wie Schweinsteiger oder einen rustikalen Typen wie Mertesacker. Der Neymar neutralisieren könnte, wenn das überhaupt möglich ist.
drago69 27.03.2018
4. Neymar war gar nicht dabei
Zitat von tomarayaOhne Frage ist Neymar ein begnadeter Spieler. Aber spätestens nach dem 1:7 gegen Deutschland sollten die Brasilianer gelernt haben, dass nicht einer alleine ein Spiel oder die WM gewinnt, sondern eine Mannschaft. Nach eigenen Bekunden haben sie dass ja anscheinend auch. Ich bezweifle aber, dass sie in Russland weiter als bis ins Viertel-Finale kommen werden. Sie sind trotz allem zu sehr auf Neymar fixiert...
Wahrscheinlich haben sie recht, bloß dieses Spiel dient kaum als Beweis, da Neymar gar nicht mitgespielt hat. Er war im Spiel zuvor übel verletzt worden
marialeidenberg 27.03.2018
5. Für die Brasilianer widerlegt das 1:7 vor vier Jahren
Zitat von tomarayaOhne Frage ist Neymar ein begnadeter Spieler. Aber spätestens nach dem 1:7 gegen Deutschland sollten die Brasilianer gelernt haben, dass nicht einer alleine ein Spiel oder die WM gewinnt, sondern eine Mannschaft. Nach eigenen Bekunden haben sie dass ja anscheinend auch. Ich bezweifle aber, dass sie in Russland weiter als bis ins Viertel-Finale kommen werden. Sie sind trotz allem zu sehr auf Neymar fixiert...
Ihre These von der MANNSCHAFT, die das Spiel gewinnt. Das Glaubensbekenntnis lautet unverändert "Mit Neymar wäre das nicht passiert. Nur weil ER fehlte konnte es geschehen".
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.