DFB-Gruppengegner Mexiko Verschenkte Talente

Deutschlands WM-Auftaktgegner Mexiko stellt das zweitälteste Team des Turniers. Dabei hat das Land einen talentierten Nachwuchs. Doch Korruption und die Strukturen des mexikanischen Fußballs behindern ihre Entwicklung.

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Von , Mexiko-Stadt


In diesen Tagen läuft in Mexikos Kinosälen ein Film, der "Campeones" heißt und die verletzte Seele der mexikanischen Fußball-Fans streicheln soll. Er erzählt die Geschichte, wie Mexikos U17-Auswahl 2005 überraschend Weltmeister wurde und im Finale Brasilien bezwang. Es war vielleicht die erfolgreichste Fußballer-Generation des Landes. Aus der Mannschaft von damals spielen heute im A-Team in Russland noch Carlos Vela, Héctor Moreno und Giovani Dos Santos.

Kurz vor Beginn der Weltmeisterschaft soll der Film noch mal das Bewusstsein stärken, dass Mexikos Fußball doch erfolgreich sein kann.

Mexiko hungert nach Erfolgen auf hohem Niveau. Das Land wurde Olympiasieger in London 2012, und ein Jahr zuvor holte der U17-Nachwuchs im eigenen Land noch einmal den Titel. Damals gewannen die Mexikaner im Halbfinale gegen Deutschland. Aber bei der mit einer Europameisterschaft vergleichbaren Copa América oder Weltmeisterschaften steht kaum Erwähnenswertes zu Buche.

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DFB-Gruppengegner Mexiko: Oldies auf Augenhöhe?

In keinem anderen Land Lateinamerikas klaffen beim Fußball Anspruch und Wirklichkeit so weit auseinander wie in Mexiko. Das Land ist Dauergast bei Weltmeisterschaften, aber außer im eigenen Land 1970 und 1986 schaffte es Mexiko nie ins Viertelfinale. 25 Niederlagen hat die "Tri" bei 15 Teilnahmen einstecken müssen. Gegen den Weltmeister und Angstgegner Deutschland hat es nicht zu einem einzigen Sieg in einem Pflichtspiel gereicht. Das wollen Nationalcoach Juan Carlos Osorio und sein Team am Sonntag beim WM-Auftaktspiel ändern (17 Uhr, Liveticker: SPIEGEL ONLINE, TV: ZDF).

Schlechte Nachwuchsförderung und die seltsame Struktur des Fußballs hindern junge Talente daran aufzusteigen. Von den U17-Weltmeistern von 2011 befindet sich keiner annähernd im Dunstkreis der A-Nationalmannschaft. Die Nachwuchsstars von einst wie Julio Gómez, Jorge Espericueta oder Carlos Fierro kicken mit 23 Jahren in der zweiten mexikanischen Liga oder spielen in Erstligateams eine Randrolle. Aus der deutschen U17-Mannschaft, die 2011 WM-Dritter wurde, ist Emre Can (FC Liverpool) A-Nationalspieler geworden, Kaan Ayhan (Fortuna Düsseldorf) und vor allem Mitchell Weiser (Bayer Leverkusen), Rani Khedira (FC Augsburg) sowie Jeremy Toljan (Borussia Dortmund) sind gestandene Bundesligaprofis. Marvin Duksch wurde bei Holstein Kiel Zweitliga-Torschützenkönig.

In Mexikos Russland-Auswahl ist Linksaußen Hirving Lozano vom PSV Eindhoven mit 22 Jahren einer der jüngsten Spieler und gilt als das größte Talent des Landes. Danach ist erst mal große Leere. Die A-Auswahl dominieren Spieler im Alter von 28 bis 39 Jahren, die zumeist in der Bundesliga, in Spanien, Holland, den USA und vor allem Portugal ihr Geld verdienen. Mit dem Durchschnittsalter von 29,7 Jahren sind die Mexikaner schon fast eine Alt-Herren-Auswahl. Die deutsche Elf bringt es auf 27,1 Jahre.

Junge Spieler und Talente haben es schwer, in Mexikos Fußball hoch zu kommen. Es ist zum einen das leidige Thema Korruption, das auch den Lieblingssport der Mexikaner trifft. Viele Hochbegabte werden in den Vereinen nur dann gefördert, wenn ihr Aufstieg auch mit regelmäßigen Zahlungen an Klubs oder Trainer begleitet wird.

Das Hauptproblem der Nachwuchsförderung liegt aber in der Struktur des Sports und der Vereine begründet: Die Vereinsstruktur gleicht dem US-Sport und nicht europäischen Vorbildern. Fast alle 18 mexikanischen Erstligateams gehören Großunternehmen oder Milliardären und sollen vor allem Rendite abwerfen. Und da bleibt eben oft kein Platz für den behutsamen Aufbau junger Talente. Televisa zum Beispiel, der mächtigste Medienkonzern Lateinamerikas, besitzt den Hauptstadtklub América, der Konkurrenz von TV Azteca gehören gleich drei Erstligisten. Televisa gehört zudem auch noch das Azteken-Stadion. Das wäre ungefähr so, als seien Bayern München und die Allianz-Arena Eigentum von RTL.

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Da pro Spieltag neun Ausländer im 18er-Kader erlaubt sind, bevölkern die mexikanische Liga Argentinier, Brasilianer, Kolumbianer, Ecuadorianer, Uruguayer, Chilenen und Paraguayer, die den Sprung nach Europa noch nicht geschafft haben oder nicht schaffen werden. Andere lassen ihre Karriere in Mexiko ausklingen.

Mittlerweile spielen aber auch europäische Kicker in Mexiko. Bei Tigres aus Monterrey sorgt seit drei Jahren der französische Nationalspieler André-Pierre Gignac für Aufsehen. Sein kolportiertes Jahresgehalt: vier Millionen Dollar. Tigres ist Eigentum des weltweit drittgrößten Baukomponentenherstellers Cemex. Der französische Verteidiger Timothée Kolodziejczak verließ Gladbach und schloss sich Tigres an. Insgesamt ein halbes Dutzend Franzosen, Spanier und Engländer kicken in Mexiko. Geld ist genug da, keine Liga in Lateinamerika zahlt annähernd so gut wie die mexikanische. Weltweit entlohnen nur die Vereine in England, Spanien, Italien und Deutschland ihre Spieler besser.

So ist auch der Anreiz ins Ausland zu gehen, bei mexikanischen Profis eher gering ausgeprägt. Die einzigen Mexikaner, die sich langfristig bei einem Spitzenteam in Europa durchsetzen konnten, sind Javier Hernández (Real Madrid, Manchester United, Leverkusen, West Ham) und Rafael Márquez, der zwischen 2003 und 2010 für den FC Barcelona spielte und zwölf Titel gewann. Bezeichnenderweise ist der heute 39-Jährige für Nationaltrainer Juan Carlos Osorio noch immer unverzichtbar: Márquez ist trotz Drogen-Vorwürfen sogar Kapitän der Auswahl. Russland ist seine fünfte WM.



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