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Deutschlands Remis gegen Ghana: Löws Höllenspaß

Aus Fortaleza berichten und

Getty Images

Deutschland und Ghana haben für ein Fußballfest gesorgt: Es ging hin und her, gab Chancen im Minutentakt. Die DFB-Elf stand am Rand der Niederlage, weil Löws Abwehrmodell nicht funktionierte. Und weil Leistungsträger wie Philipp Lahm ungewohnte Fehler machten.

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Irgendwann in der zweiten Halbzeit dieses heißen Nachmittags von Fortaleza muss sich Joachim Löw in zwei Personen aufgespalten haben. Die eine war der Fußballfan Joachim Löw, der "ein irrsinnig faszinierendes Spiel" beobachtet hatte, "Dramatik und Spannung pur". Die andere Person war der Bundestrainer Löw, und was der von seiner Mannschaft beim 2:2 gegen beeindruckende Ghanaer gesehen hat, wird ihm gar nicht gefallen haben.

Er wird gelitten haben bei den teilweise vogelwilden Darbietungen seiner Defensive, und dennoch: Der Faszination dieser Partie konnte sich selbst der kühle Analytiker Löw nicht entziehen. Es sind Spiele wie diese, die die Magie des Fußballs ausmachen. Ein Herauf und Herunter, Chancen im Minutenabstand, ein Spiel, das auf und ab wogte, keine Sekunde Gelegenheit zum Atemholen.

In der Halbzeitpause hätte noch niemand vorhersagen können, wie unterhaltsam das Spiel werden würde; bis dahin war das Geschehen von taktischer Disziplin geprägt. Doch mit dem 1:0 durch Mario Götze in der 51. Minute brachen bei beiden Teams die Dämme, sowohl positiv als auch negativ. "Danach waren beide Mannschaften bedingungslos auf Sieg eingestellt", sagte Löw. Es gehört zu den Paradoxien dieses Sports, dass solche Partien oft ohne Sieger enden. Anders herum: Dieses Spiel hatte auch keinen Verlierer verdient gehabt.

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Remis gegen Ghana: Kampf bis aufs Blut
"Endlich wurden wir einmal richtig gefordert", sagte Innenverteidiger Per Mertesacker, dieses Spiel sei "eine tolle Prüfung für uns gewesen". Eine Prüfung, die nicht jeder bestand - und das galt im besonderen für das Prunkstück der deutschen Mannschaft, das Mittelfeld. Kapitän Philipp Lahm fabrizierte auf der Sechser-Position wie schon gegen Portugal einen folgenschweren Fehlpass. Aber während Portugals Ronaldo im Auftaktspiel daraus kein Kapital schlagen konnte, nutzte Ghanas Asamoah Gyan die Fahrlässigkeit des Kapitäns gnadenlos zum 2:1-Führungstreffer aus.

"Hatten weniger taktische als individuelle Probleme"

"Wir waren heute taktisch einfach nicht clever genug", sagte Lahm anschließend sichtlich zerknirscht. Abwehrspieler Mats Hummels formulierte es höflich, aber inhaltlich deutlich anders: "Wir hatten heute weniger taktische als individuelle Probleme."

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Die DFB-Elf in der Einzelkritik: Lahm leichtsinnig, Mustafi konfus
Damit dürfte er auch Lahms Nebenmann Sami Khedira gemeint haben. Der lange verletzte Real-Star musste erkennen, dass seine Physis bei 30 Grad im Schatten und unentwegt attackierenden Ghanaern an eine Grenze kommt. Bastian Schweinsteiger, der ihn ab Mitte der zweiten Halbzeit ersetzte, sorgte anschließend für mehr Struktur.

Dazu zeigten die afrikanischen Stürmer dem Modell, vier Innenverteidiger in die Abwehrkette zu stellen, konsequent die Schwächen auf, Ghana verlagerte sein Offensivspiel fast ausschließlich auf die Flügel, wo Benedikt Höwedes, Jérôme Boateng und vor allem der eingewechselte Shkodran Mustafi mit der Abwehrarbeit überfordert waren. Es fehlten die gelernten Außenverteidiger, die durch offensive Vorstöße Entlastung hätten bringen können. So war es den Ghanaern eine wahre Freude, immer wieder von links und rechts das deutsche Tor geradezu überfallartig in Gefahr zu bringen.

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Ghana in der Einzelkritik: Enttäuschender Boateng, unfassbarer Gyan
Die Folge war "ein offener Schlagabtausch, ein Hin und Her, ein Fest für die Zuschauer", wie Löw sagt, um anzufügen: "Geplant war das nicht."

Dass anders als bei den Turnieren 2008 und 2010, wo die zweiten Spiele nach Auftaktsiegen jeweils verloren wurden, am Ende immerhin noch ein Unentschieden heraussprang, hatte die Mannschaft dem ewigen WM-Stürmer Miroslav Klose zu verdanken. Seine erste Ballberührung führte zum 2:2-Endstand, zugleich ein Treffer, der den 36-Jährigen an die Spitze der WM-Torjägerliste brachte. 15 Treffer hat Klose in vier WM-Turnieren jetzt erzielt, eine "unglaubliche Leistung", wie der Bundestrainer befand.

Mit dem Remis hat das DFB-Team eine gute Ausgangsbasis zum Weiterkommen gewahrt. Ein Unentschieden gegen die von Jürgen Klinsmann trainierten US-Amerikaner reicht der Nationalmannschaft für den Einzug ins Achtelfinale, diesen positiven Umstand wollte Löw als wichtigste Erkenntnis des Abends gewertet wissen.

Ob es Spaß oder Hölle gewesen sei, an der Seitenlinie zuzuschauen, wurde Löw anschließend von einem englischen Journalisten gefragt. Seine Antwort: "Es war beides."

Deutschland - Ghana 2:2 (0:0)
1:0 Götze (51.)
1:1 André Ayew (54.)
1:2 Gyan (63.)
2:2 Klose (71.)
Deutschland: Neuer - Boateng (46. Mustafi), Hummels, Mertesacker, Höwedes - Lahm, Khedira (69. Schweinsteiger) - Özil, Kroos, Götze (69. Klose) - Müller
Ghana: Dauda - Afful, Mensah, Boye, Asamoah - Rabiu (78. Badu), Muntari - Atsu (72. Wakasu), Boateng (53. Jordan Ayew), André Ayew - Gyan
Schiedsrichter: Sandro Ricci (Brasilien)
Zuschauer (in Fortaleza): 60.000
Gelbe Karten: / - Muntari (2)
Ballbesitz (in Prozent): 62 / 38
Schüsse: 12 / 19
Zweikämpfe (in Prozent): 53 / 47

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insgesamt 334 Beiträge
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1. Taktische Schwäche
Kottan 22.06.2014
Schon seltsam, dass man nach einer 1:0 Führung ausgekontert wird.
2. aha..
goethestrasse 22.06.2014
""Endlich wurden wir einmal richtig gefordert", sagte Innenverteidiger Per Mertesacker, dieses Spiel sei "eine tolle Prüfung für uns gewesen". " - Schön, wenns nicht so ernst wäre. Der Gegner war ja auch immerhin Ghana.
3. Ich schreib es gerne auch noch mal hier (wozu gibt's Copy/Paste?)
optaeck 22.06.2014
Ich verstehe das nicht: Der Trainer hat den besten rechten Außenverteidiger der Welt und lässt ihn auf der sechs spielen. Er hat einen erstklassigen Sechser und lässt ihn zunächst ebenso auf der Bank, wie den einzigen Stürmer, den er nominiert. Ach ja, für die linke Außenverteidiger-Position hätten wir noch ein echtes Talent mit CL-Erfahrung. Aber der fährt ja nur als Maskottchen mit. Die Mannschaft hat gegen ein schwaches Portugal viel Glück gehabt. Gegen Ghana sieht man, was dabei rauskommt, wenn man ohne Not Spieler auf Positionen spielen lässt, für die sie nicht gemacht sind. Ja, richtig. Jetzt komme ich aus meinem Loch. Mourinho hat es immerhin ähnlich aber natürlich schon früher gesagt. Der hat aber auch mehr Ahnung als ich.
4. Robuste Spielweise
ketzer2000 22.06.2014
Zitat von sysopGetty ImagesDeutschland und Ghana haben für ein Fußballfest gesorgt: Es ging hin und her, gab Chancen im Minutentakt. Die DFB-Elf stand am Rand der Niederlage, weil Löws Abwehrmodell nicht funktionierte. Und weil Leistungsträger wie Philipp Lahm ungewohnte Fehler machten. http://www.spiegel.de/sport/fussball/deutschland-ghana-2-2-ein-hoellenspass-fuer-das-dfb-team-a-976683.html
Ghana hat der deutschen Mannschaft zeitweise ganz gut den Schneid abgekauft und im Mittelfeld ein Übergewicht gehabt. Es hat sich wieder gezeigt, dass Herr Lahm für einen Mittelfeldspieler zu wenig Schneid hat, da er sich bietende Chancen nicht genutzt hat und er auf der Verteidiger Position besser aufgehoben ist. Beim ersten Gegentor sieht die Abwehr u.a. auch deswegen ganz schlecht aus, da jeder Verteidiger einen Gegenspieler hat, dass darf nicht passieren. Und den Kopf wegziehen oder nicht mindestens mit springen geht gar nicht. In Spielen, wo es etwas rauer zu geht, ist Herr Götze leider auch überfordert, da man nicht nur Technik braucht, sondern auch mal dahin gehen muss, wo es weh tut. Vielleicht erkennt Herr Löw das, wenn nochmals so ein Spiel ansteht.
5. Lahm
Nevis 22.06.2014
Zitat von sysopGetty ImagesDeutschland und Ghana haben für ein Fußballfest gesorgt: Es ging hin und her, gab Chancen im Minutentakt. Die DFB-Elf stand am Rand der Niederlage, weil Löws Abwehrmodell nicht funktionierte. Und weil Leistungsträger wie Philipp Lahm ungewohnte Fehler machten. http://www.spiegel.de/sport/fussball/deutschland-ghana-2-2-ein-hoellenspass-fuer-das-dfb-team-a-976683.html
Was heißt hier "ungewohnt". Wenn es im Trikot der Nationalmannschaft darauf ankommt, macht Philipp Lahm IMMER katastrophale Fehler. Da kann man die Uhr danach stellen. Das war schon in der Vergangenheit so und das wird auch bei dieser WM wieder so sein. Deshalb kann ich nicht verstehen, warum Lahm immer als unverzichtbar dargestellt wird. Bei wichtigen Spielen sollte man Lahm gar nicht erst auf den Platz stellen. Dann besteht wenigstens die Möglichkeit, daß Deutschland vielleicht auch mal wieder ein Endspiel bestreitet und vielleicht sogar erfolgreich. Mit Lahm wird die Nationalmannschaft definitiv keinen Titel gewinnen. Und wer jetzt bestreitet, daß Lahm in den letzten wichtigen Spielen der Nationalmannschaft regelmäßig versagt hat, sollte sich nochmal die entsprechenden Artikel zu diesen Spielen zu Gemüte führen.
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1990 Italien Deutschland
1986 Mexiko Argentinien
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1978 Argentinien Argentinien
1974 Deutschland Deutschland
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