Deutschland ist Weltmeister 1954. 1974. 1990. 2014!

Da ist der WM-Pokal! Deutschland wird im Krimi von Rio zum vierten Mal Weltmeister. Mario Götze erfüllt mit seinem 1:0 in der Verlängerung den Titel-Traum. Alles Wichtige zum historischen Sieg der DFB-Elf.

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Ausgangslage: WM-Finale! Noch Fragen? Eigentlich nicht. Als sich aber Sami Khedira beim Aufwärmen verletzte, war doch plötzlich alles anders. Der Gladbacher Christoph Kramer erfuhr eine knappe Viertelstunde vor dem Einlaufen von seinem ersten WM-Spiel von Beginn an. Ihm blieb so viel Zeit, wie er bislang insgesamt WM-Atmosphäre geschnuppert hatte: zwölf Minuten.

Ansonsten zügelte Trainer Joachim Löw seine Experimentierlust und schickte außer Kramer genau die Spieler zu den Einlaufkindern, die zuvor Frankreich und Brasilien aus der WM geschmissen hatten. Der argentinische Kollege Alejandro Sabella hätte gerne etwas verändert - doch Ángel Di María blieb mit Oberschenkelverletzung wieder draußen. Nationalmannschaftsmanager Oliver Bierhoff sagte noch: "Wir haben versucht, die Euphorie zu bremsen." Vor einem WM-Finale. Netter Versuch.

Ergebnis: 1:0 nach Verlängerung. Klingt ebenfalls nüchtern - ist aber so korrekt wie nichts sonst. Wie 1990 das knappste Ergebnis im WM-Finale gegen Argentinien. Deutschland ist zum vierten Mal Weltmeister! Nach 1954, 1974 und 1990! Dank eines Treffers von Mario Götze in der 113. Minute. Der vierte Stern!

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Deutschland in der Einzelkritik: Das ist die Krönung
Die erste Halbzeit: Die bedeutendsten Spiele haben oft einen eher unbedeutenden, weil langweiligen Beginn. Nicht so hier. Die deutsche Auswahl suchte früh die Kontrolle über dieses Finale, Abtasten war nicht. Auch weil Argentinien geschickt konterte, gab es hier gleich jede Menge zu sehen. Die Nervosität blieb jedoch immer ein Spielpartner. So missglückten entscheidende Pässe und einfachste Torschüsse - siehe Higuaín nach Kroos-Zuspiel (20.).

Irgendwann gesellte sich dann der körperliche zum mentalen Kampf. Nicht nur die verletzungsbedingte Auswechslung von Kramer (André Schürrle kam, 31.) war Indiz eines schnellen, aber auch sehr harten Duells, in dem vor der Pause noch einmal aufs Gaspedal gedrückt wurde. Erst rettete Jérôme Boateng im eigenen Fünfmeterraum (41.), in der Nachspielzeit glückte den Deutschen der fast perfekte Standard. Doch Benedikt Höwedes köpfte nach Kroos-Ecke den Ball aus kurzer Distanz an den Pfosten. Viel hätte schieflaufen können für die deutsche Mannschaft in diesen 45 Minuten. Doch es stand 0:0. Ein gutes Ergebnis für die zweimal umgebaute deutsche Elf.

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WM-Finale 2014: So schoss Götze die DFB-Elf zum Titel
Die zweite Halbzeit: Und wieder startete diese Partie im Stile einer Punkrocknummer - gleich auf Vollgas. Diesmal waren die Argentinier dafür verantwortlich, deren Anpfiffswirbel in einer Chance für Messi gipfelte, die der mehrmalige Weltfußballer in neun von zehn Fällen versenkt. In diesem Moment war Nummer 10 an der Reihe (47.). Die DFB-Elf erholte sich verspätet und gab Löw recht, der ein "Duell auf Augenhöhe" erwartet hatte. Der Favorit Deutschland blieb ängstlich, Argentinien sehr gefährlich. Die DFB-Elf agierte nun nicht voll überzeugend, aber hatte Chancen. Schürrle verstolperte den Ball im Strafraum (70.), dann tauchte wieder Höwedes, ja, Höwedes zentral vor dem Tor auf. Doch vieles kann er besser als Tore mit dem Fuß (79.). Dann Kroos nach starkem Özil-Pass (82.) - Deutschland war dem 1:0 nun näher. Doch es reichte nicht.

Verlängerung: Diesmal gab die DFB-Elf die Punkrockband, nach wenigen Sekunden scheiterte Schürrle aus guter Position an Sergio Romero. Doch auch Argentinien spielte mit, Rodrigo Palacio lupfte den Ball am deutschen Tor vorbei (97.). Das Spiel nahm sich keine Auszeit - und kulminierte dann im finalen Donnerknall in Form des goldenen Tores durch Mario Götze (113.).

DPA

Traum des Spiels: Wenn kleine Jungs nachts wachliegen, wenn sie sich sehnsüchtig hineindenken in einen großen Moment, dann sehen sie das, was Mario Götze in Minute 113 erlebte. WM-Finale, Verlängerung, schöner Pass von Schürrle, mit der Brust angenommen, dann direkt ins lange Eck gelegt - 1:0. Ja, ein Traumtor. Ein Traumtor von dem Spieler, der unlängst anmerkte, er lebe beim FC Bayern seinen Traum. Damals glaubten ihm wenige. Jetzt würde das jeder.

Albtraum des Spiels: Wenn große Jungs nachts wachliegen, wenn sie sich ängstlich hineindenken in einen schlimmen Moment, dann sehen sie das, was Toni Kroos in Minute 20 erlebte. Viel schlimmer als seine Kopfballrückgabe auf Neuer, die sich zum Steilpass auf Gonzalo Higuaín entwickelte, ist kein Fußball-Albtraum der Welt. Ob der Argentinier Angst hatte vor Manuel Neuer? Ob er überrascht war oder zu nervös? Alles das bleibt unklar. Bis auf das Ergebnis: Higuaín verzog den Abschluss weit neben das Tor. Auch eine Art Albtraum.

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Spieler des Spiels: Knapp 90 Prozent Zweikampfquote! In einem WM-Finale! Gegen Lionel Messi, Gonzalo Higuaín und Kollegen. Als Mats Hummels abbaute, fing Jérôme Boateng erst richtig an. Der Innenverteidiger rettete öfter als Deutschland-Fan David Hasselhoff am Baywatch-Strand - überragend.

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Selfie des Spiels: Kameramann und Anführer. Ohne Worte.

Leerstelle des Spiels: Über Sami Khedira erzählt man sich, dass sein Wert für ein Team erst dann voll ersichtlich wird, wenn er nicht mehr da ist. In diesem Finale wurde dies einmal mehr bestätigt. Es fehlte ein Stabilisator in der Rückwärtsbewegung, eine Räumesperrer und Antreiber. Einer, der die Nerven und das Spiel beruhigt. Es freut auch Khedira, dass es dennoch reichte.

Schmerzen des Spiels: Christoph Kramer dürfte so einiges im Kopf gehabt haben vor seinem ersten wichtigen Spiel von Beginn an, ausgerechnet dem WM-Finale. In Minute 20 gesellte sich zu den Gedanken ein Brummen, als er von Ezequiel Garay böse weggecheckt wurde. Der 23-Jährige taumelte, ein paar Grätschen später fiel er auch. Nach einer halben Stunde war sein sehr solides WM-Finale mit Gehirnerschütterung schon wieder vorbei. Kramer war früh das personifizierte Leiden des deutschen Teams - später löste ihn Bastian Schweinsteiger ab, der in der Verlängerung getackert werden musste und zu einem der großen Helden dieses Finales wurde.

Argentinier gehören zu den unbequemen Gegnern des Weltfußballs. An diesem Sonntag waren aber auch die Deutschen kein galanter Tanzpartner. Als Manuel Neuer beim Wegfausten des Balles Gonzalo Higuaín den Oberschenkel an die Schläfe führte, stand es zumindest in Brummschädeln 1:1. Es sollten nicht die letzten Schmerzen in diesem dramatischen Endspiel gewesen sein.

AP/dpa

Abschied des Spiels: Vor zwölf Jahren hatte Miroslav Klose sein erstes WM-Tor geschossen, 2002 gegen Saudi-Arabien. In der 88. Minute des Finales 2014 endete eine große WM-Karriere. Höchstwahrscheinlich. Wenn es der "Kadaver" (Klose) so will, tritt Klose auch 2018 an - mit dann 40 Jahren.

Fazit: "Watt wollen 'se nun?", könnte man fragen und sagen: Weltmeister! Das ist alles, was zählt. Wer tatsächlich mehr will: Nein, es war nicht der spielerisch beste Auftritt der Deutschen bei dieser WM, aber kämpferisch war er das in jedem Fall. Zwei Verletzungsausfälle, ein sehr gut eingestellter Gegner, jede Menge Druck und die ständige Gefahr Lionel Messi. Die künstlerisch wertvollste Generation der DFB-Geschichte holte den vierten WM-Titel im Stile ihrer Vorfahren - und krönte den Sieg mit einem Tor, das in seiner Schönheit stellvertretend für diese Feinfüßler in die Geschichte eingeht.

Schneller Stenger

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valtrantor 14.07.2014
1. Wunderbar!!
Toll Jungs, Glückwunsch und Danke! Herausheben will ich für mich Boateng, der einfach sensationell war.
ddhecht 14.07.2014
2. Weltmeeeeeeeiiiiiisssstttteeeeerrrrr!
GEIL!
Leser1000 14.07.2014
3. Chapeau
Sehr spannendes Spiel. Zwei überzeugende Mannschaften. Deutschland hat mit einer tollen Leistung und Fortune den 4. Stern erkämpft. Großes Kompliment an die Elf nebst Trainerstab. Deutschland war leicht besser - insbesondere in der Schlußphase- und hat den Titel verdient.
praesidente 14.07.2014
4. Es war...
... hart, aber GERecht!
kpapendo 14.07.2014
5. Schweinsteiger
grüßt Höness, Poldi und Grosskreutz feiern mit den Fans. Ohne Worte !
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