Deutschland - Paraguay Erlösung durch Neuville

Die deutsche Fußball-Nationalmannschaft hat die Runde der letzten Acht bei der Weltmeisterschaft erreicht. In einer schwachen Partie fiel das entscheidende Tor erst kurz vor dem Abpfiff.

Von Till Schwertfeger, Seogwipo


Seogwipo - Die "La Ola" in einem Fußballstadion ist ein untrügliches Zeichen dafür, dass das Treiben auf dem Spielfeld allein die Zuschauer nicht unterhält. Beim 1:0 (0:0) von Deutschland im WM-Achtelfinale gegen Paraguay sahen sich die gelangweilten Besucher bereits nach 25 Minuten genötigt, selbst aktiv zu werden und die Welle zu inszenieren.

Auch DFB-Teamchef Rudi Völler fand keinen Gefallen an der Vorstellung seiner Spieler vor dem Pausenpfiff: "Wir haben in der ersten Halbzeit schlecht Fußball gespielt, eigentlich haben wir gar keinen Fußball gespielt." Es war ein Rückfall in Zeiten der EM 2000, wie die deutschen Nationalspieler agierten, nämlich passiv, absolut ideenlos und mit Flanken von der Mittellinie, mit denen nicht einmal der fünffache Kopfballtorschütze dieser WM, Miroslav Klose, im entferntesten etwas anfangen konnte. Der Beobachter konnte den Eindruck gewinnen, die 22 Akteure seien in dem Glauben aufgelaufen, in dieser Partie gelte die Golden-Goal-Regel ab der ersten Minute.

Zahlreiche kleine Fouls


Gegner Paraguay steuerte seinen Anteil zum schlechtesten Spiel dieser Welttitelkämpfe bei, indem er mit zahlreichen kleinen Fouls jeden Spielfluss im Ansatz zerstörte. Die Offensivbemühungen der Südamerikaner beschränkten sich weitgehend auf weite Abschläge ihres Torhüters Jose Luis Chilavert, die nach der verletzungsbedingten Auswechslung von Roque Santa Cruz (29.) jedoch nur noch selten einen Abnehmer fanden. Dennoch hatte die Elf von Trainer Cesare Maldini die größten Torchancen im ersten Abschnitt. Zunächst traf Celso Ayala (35.) fünf Meter vor dem Tor völlig freistehend den Ball nicht richtig. Eine Minute später wehrte Oliver Kahn einen 17-Meter-Schuss von Jorge Campos mit einer Glanzparade ab.

Geschafft: Neuville freut sich, Paraguays Keeper Chilavert überwunden zu haben
AFP

Geschafft: Neuville freut sich, Paraguays Keeper Chilavert überwunden zu haben

Doch selbst dem deutschen Kapitän, der personifizierten Professionalität, fiel es schwer, seine Leistung abzurufen. "Ich habe sinnlos die Bälle nach vorn gebolzt", sagte Kahn, der am Samstag 33 Jahre alt wurde, selbstkritisch. Für seine Aussetzer im Spielaufbau gab der Torhüter Gründe an: "Das Stadion war nicht voll, das Wetter komisch. Irgendwie herrschte so eine seichte Atmosphäre. Man hat nicht daran gedacht, bei der WM zu sein. Als ich hinter meinem Tor noch ein Geburtstagsständchen hörte, habe ich mich wirklich gefragt, wo ich hier bin." Zum Glück für Kahn & Co. sehen die Fußballregularien eine Halbzeitpause vor. Diese Unterbrechung nutzte Rudi Völler, um seinen Schützlingen den Ernst der Lage klar zu verdeutlichen.

"Wir sind hier nicht beim Freundschaftsspiel"


"Männer, passt auf. Wir sind hier nicht beim Freundschaftsspiel. Da muss mehr kommen", sprach der Teamchef aus, was eigentlich alle wussten, es allerdings offenbar nicht umsetzen konnten. Auf die konservative Angriffsvariante Paraguays reagierte Völler, indem er den zwar kopfballstarken, aber ansonsten indisponierten WM-Debütanten Marko Rehmer aus der Vierer-Verteidigungkette und dem Spiel nahm und dafür Sebastian Kehl als Chef einer Dreierabwehrkette installierte.

Der 22-jährige Dortmunder gab nicht nur der Verteidigung Ordnung, sondern setzte auch Akzente im Spiel nach vorn. "Kehl hat unserem Spiel gut getan", lobte Michael Ballack, der trotz Wadenbeschwerden 90 Minuten durchhielt. Die DFB-Auswahl dominierte mit zunehmender Spieldauer gegen die konditionell abbauenden "Guaranis" und ließ sich auch nicht von Christoph Metzelders Verletzung schocken.

Alle für alle


Der Dortmunder ließ sich in der 60. Minute auswechseln, nachdem er mit dem linken Fuß umgeknickt war. "Das Irland-Spiel war mir eine Lehre. Weiterspielen bringt nichts", sagte der Youngster im deutschen Team, der jetzt über zwei verletzte Sprunggelenke klagt. Einwechselspieler Frank Baumann fügte sich nahtlos in die ungewohnte Abwehrformation ein. "Dass bei einer WM alle Spieler gebraucht werden, ist keine Phrase, sondern wirklich so", erkannte Ballack.

Mit Ausnahme von Lars Ricken sind jetzt alle noch zur Verfügung stehenden deutschen Feldspieler bei dieser WM zum Einsatz gekommen. Dass die deutsche Mannschaft noch mindestens eine weitere Weltmeisterschaftspartie spielen darf, verdankt sie Oliver Neuville. Der mit 1,70 Meter kleinste deutsche Spieler markierte in der 88. Minute nach Flanke seines Leverkusener Vereinskollegen Bernd Schneider aus sechs Metern das Siegtor. "Typisch deutsch", resümierte Paraguays Trainer Maldini die Partie durchaus anerkennend.

So schüchtern wie schmächtig


Neuville, der erst zwei Stunden vor dem Anpfiff von seinem ersten WM-Einsatz von Anfang an erfahren hatte, nutzte seinen erlösenden und verdienten Treffer nicht zur Selbstdarstellung, obwohl er in den Vorbereitungsspielen, an denen er wegen der langen Leverkusener Saison nicht teilnehmen konnte, seinen Stammplatz im Nationalteam an Miroslav Klose und Carsten Jancker verloren hatte. Der ebenso schüchterne wie schmächtige Stürmer freute sich in erster Linie darüber, dass "wir jetzt eine Woche Ruhe haben".

Am Freitag trifft Deutschland im Viertelfinale auf Mexiko oder die USA. Die Zeitrechnung von Jens Jeremies besagt: "Noch zweimal 90 Minuten bis Yokohama." Dort findet das WM-Endspiel statt. Sollte die mit geringen Erwartungen ins Turnier gestartete deutsche Nationalelf tatsächlich für eine Sensation sorgen? Oliver Kahn sagte nach dem Paraguay-Spiel: "Jetzt ist alles möglich. Alles." Er sah sehr entschlossen dabei aus.

Deutschland - Paraguay 1:0 (0:0)
1:0 Neuville (88.)
Deutschland: Kahn - Frings, Rehmer (46. Kehl), Linke, Metzelder (60. Baumann) - Schneider, Jeremies, Ballack, Bode - Neuville (90. Asamoah), Klose
Paraguay: Chilavert - Gamarra, Ayala, Caceres - Acre, Bonet (83. Gavilan), Struway (90. Cuevas), Acuna, Caniza - Santa Cruz (29. Campos), Cardozo
Schiedsrichter: Batres (Guatemala)
Zuschauer: 25.176
Rote Karte: Acuna (90.) wegen Tätlichkeit an Ballack
Gelbe Karten: Schneider, Baumann, Ballack - Cardozo




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