DFB-Remis gegen Niederlande Spielverderber

Deutschland überzeugt gegen die Niederlande, spielt aber nur remis. Trotzdem herrscht Euphorie über den vollzogenen Umbruch. Warum eigentlich? Dieses Länderspiel-Jahr sollte Konsequenzen haben.

Manuel Neuer, jubelnde Niederländer
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Manuel Neuer, jubelnde Niederländer

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Heile DFB-Welt: "Ich bin immer einer, der positiv nach vorne schaut." Nationalmannschaftsmanager Oliver Bierhoff setzte vor dem Spiel die Agenda. Der Umbruch läuft, alles ist gut. Da machte die ARD doch gleich mit, kritische Töne gab es nur in der Retrospektive. Moderator Matthias Opdenhövel ernannte die sogenannte "Moped-Gang" bestehend aus Serge Gnabry, Timo Werner und Leroy Sané zur Zukunft des deutschen Fußballs.

Das Ergebnis: Die Niederländer traten als Spielverderber auf. Die DFB-Elf führte bis zur 85. Minute 2:0 gegen zuvor so hoch gelobte Gäste und spielte am Ende nur 2:2 (2:0).

Umbruch abgeschlossen? Wasser im Umbruch-Wein mag zwar niemand, aber warum genau sollte beim DFB-Flaggschiff plötzlich alles wieder gut sein? Nach einem Jahr mit sechs Niederlagen, dem Vorrunden-Aus bei der WM und dem Abstieg aus der Nations League dürften ein, zwei gute Spiele und ein paar Marketingmaßnahmen nicht den Blick für die Ursachen verschleiern. Oder wie Bierhoff vor dem Spiel sagte: "Ich weiß immer noch nicht, warum wir bei der WM ausgeschieden sind."

Erste Hälfte: Die deutsche Nationalmannschaft spielte stark, die niederländische Elf war nach den jüngsten Erfolgen gegen Frankreich und die DFB-Elf aber auch nicht wiederzuerkennen. Der äußerst schwache Gegner spielte in den Analysen in der Pause jedoch keine Rolle. Die Tore erzielten Werner mit einem Schuss aus 20 Meter und Sané nach gutem Pass des wieder in die Startelf gerückten Toni Kroos.

Alte Zöpfe: Umbruch, Neuanfang - beim DFB mit Bierhoff an der Spitze ist man seit Monaten darum bemüht, für ein Weiter-so-mit-Löw zu werben. Bisher verschont blieb die Torhymne, für die der Bundestrainer wirklich nicht kann. Seit Jahren wurde nach Treffern bei Heimspielen "Schwarz und Weiß" von Oliver Pocher gespielt. Diesen Zopf hat der DFB scheinbar abgeschnitten, in Gelsenkirchen wurde "Chöre" von Mark Forster gespielt.

Die Choreografie des Fanclubs
Getty Images

Die Choreografie des Fanclubs

"Wir kommen wieder, keine Frage: Ähnlich wie beim 3:0-Sieg gegen Russland vor wenigen Tagen in Leipzig, blieben auch in der Arena in Gelsenkirchen viele Plätze im Oberrang frei. Das konnte auch die Choreografie des durch einen Getränkehersteller unterstützen Fanclubs Nationalmannschaft mit dem Motto des Pink Panther nicht vertuschen. Zwischenzeitlich glich die Atmosphäre einem Spiel unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Und die echten Fans, die da waren, folgten Bierhoffs Agenda nicht ausnahmslos:

Banner in der Schalker Arena
Getty Images

Banner in der Schalker Arena

Zweite Hälfte: 85 Minuten lang fiel kein weiterer Treffer. Dann kamen Quincy Promes (85.) und Virgil van Dijk (90.+1) und nutzten zwei Nachlässigkeiten in der deutschen Abwehr zu zwei Toren. Zwischen den beiden Toren hatte Thilo Kehrer die Großchance zum dritten deutschen Tor (87.), vergab jedoch kläglich. Effizient war an diesem Abend nur Oranje.

Einhundert: Bis zur Veröffentlichung dieses Artikels gab es keinen Instagram-Post von Lisa Müller. Dabei hatte der Bundestrainer erst in der 67. Minute einen Geistesblitz. Löw wechselte Ehemann Thomas für Gnabry ein und bescherte dem seit Monaten auf Formsuche befindlichen Müller das 100. Länderspiel. Ende der Geschichte.

Die Erkenntnis: Deutschland ist aus der Nations League abgestiegen. Für Löw kein Problem: "Mein Gefühl ist, dass wir wieder auf einem sehr guten Weg sind", sagte er, als hätte es die letzten Minuten nicht gegeben. Im kommenden Jahr startet die Qualifikation zur EM 2020 und das DFB-Team hat sich dank des Unentschiedens nicht in den ersten Lostopf der Auslosung am 2. Dezember in Dublin schummeln können. Wenn Polen am Dienstag gegen Portugal verliert, könnte zumindest dies trotzdem noch passieren.

Deutschland - Niederlande 2:2 (2:0)
1:0 Werner (9.)
2:0 Sané (20.)
2:1 Promes (85.)
2:2 van Dijk (90.+1)
Deutschland: Neuer - Süle, Hummels, Rüdiger - Kehrer, Kimmich, Kroos, Schulz - Gnabry (67. Müller), Werner (63. Reus), Sané (80. Goretzka).
Niederlande: Cillessen - Tete, de Ligt, van Dijk, Blind - de Roon, Wijnaldum (60. Vilhena), de Jong - Promes, Depay, Babel (46. Dilrosun, 66. de Jong)
Schiedsrichter: Hategan (Rumänien)
Gelbe Karten: Hummels, Kroos, Kimmich - Wijnaldum.
Zuschauer: 42.186

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briancornway 19.11.2018
1. Kleine Rache
Dafür, dass Frankreich uns am Freitag gegen Holland die Chance auf den Klassenerhalt vermasselt hat, haben wir ihnen durch das Unentschieden die Teilnahme am Nations League Cup verdorben. Nein das ist natürlich Quatsch. Für die Niederländer waren die letzten 3 Spiele sicher eine Taumel des Glücks, an den sie sich noch lange erinnern werden, und nach den zuletzt durchwachsenen Leistungen gönne ich ihnen das aufrichtig. Das Risiko, statt Polen in den Lostopf 2 zu rutschen, finde ich nicht so schlimm, da warten dann auch nur Mannschaften wie ... Polen, und wenn wir uns für die EM nicht qualifizieren, dann gehören wir da auch nicht hin.
cirus27 19.11.2018
2. onkel olli weiß es noch immer nicht?
dann wird ihm das heutige spiel geholfen haben. hoffentlich. dreimal ohne notwendigkeit zu wechseln und (damit?) das spiel aus der hand zu geben, darauf muß man erstmal kommen. aber lööf wird schon einen finden, der schuld hat.
meresi 20.11.2018
3. Niederträchtig
diese Niederländer. Lassen euch 80 Minuten im Glauben dass ihr dieses Spiel gewinnen werdet. Und dann...sowas macht ein guter Nachbar nicht, einem die vorweihnachtliche Freude zu versauen. Obwohl, ich hatte die ganze Zeit den Eindruck als ob sie versuchen würden euch mit ihrem Spiel einzulullen...das war alles so langsam, so träge im Vergleich zu den letzten 3 Partien die sie spielten.
halverhahn 20.11.2018
4. Löw lernt zu langsam oder gar nicht aus seinen Fehlern!!
Erst nimmt er die falschen Leute mit zur WM. Nach dem Desaster braucht er ewig lange um das endlich mal das begreifen. Dann stellt er, nicht auch zuletzt aufgrund von öffentlichem Druck, die Mannschaft um und verjüngt sie endlich mal bzw gibt jungen Talenten endlich mal ne wirkliche Chance. Das hat auch bereits Früchte getragen. Umschaltspiel klappt plötzlich wieder, die Jungs im Sturm bzw in der Offensive sind flott und bringen viel neuen Schwung rein. Und heute gegen Holland?! Gut gespielt mit der neuen frischen Mannschaft, dann wechselt er kurz vor Schluss wieder völlig ohne Not Leute wie Müller und Goretzka ein, die das Spielsystem wieder völlig kippen und somit wird das Spiel fast noch vergeigt! Jogi, du lernst es nicht mehr!
EconomistGI 20.11.2018
5. Miesmacherei
Ich bin's echt leid: Nach einem wirklich sehenswerten Auftritt der deutschen Mannschaft, und zwar nicht bloß in der ersten Halbzeit, sondern bis etwa zur 80. Minute, werden zwei Nachlässigkeiten der Abwehr durch Konzentrationsmängel zum Anlass genommen, das ganze Spiel wieder schlecht zu reden. Nein, die Niederländer waren keineswegs "äußerst schwach", sondern die deutsche Mannschaft war äußerst stark über weite Strecken des Spiels. Wenn die Gäste aus drei Chancen zwei Tore machen und die deutsche Mannschaft aus etwa zehn auch "nur" zwei, dann ist das eben auch Pech. Löw macht seine Sache gut, und ich freue mich schon auf die erstaunten Gesichter der Journalisten in 2020, wenn sie Deutschland im Europameisterschaftsendspiel sehen. Dann wollen die aber ihre Worte von heute bestimmt nie gesagt haben...
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