DFB-Team vor der WM Skepsis ist die neue Euphorie

Rund um das Länderspiel gegen Chile präsentiert sich Joachim Löw ungewohnt nachdenklich und beunruhigt. Drei Monate vor der WM schraubt er die Erwartungen bewusst herunter. Das ist Strategie, einerseits. Aber es gibt auch gute Gründe, pessimistisch zu sein.

Aus Stuttgart berichtet


Er wirkt wie ein neuer Bundestrainer. Die Länderspielpause war lang, fast vier Monate hat die Nationalmannschaft kein Spiel mehr bestritten, und Joachim Löw hat die Zeit offenbar genutzt. In den Tagen von Stuttgart rund um die mühevoll gewonnene Testpartie gegen die Chilenen (1:0) präsentierte sich ein nachdenklicher, warnender Bundestrainer. So skeptisch wie drei Monate vor der WM ist Löw nie zuvor aufgetreten.

Der selbstsichere Joachim Löw, dermaßen überzeugt von allem, was er tut, dass er sich zuweilen an der Grenze zur Beratungsresistenz bewegt, hat erst einmal Pause. Es war der Löw aus der Zeit vor der Europameisterschaft, in der er derartige Selbstsicherheit versprühte, dass der Sturz nach dem Halbfinalaus gegen die Italiener umso schmerzlicher war. 2012 war die gesamte Öffentlichkeit bereit, ihm zu glauben, dass eigentlich nur Deutschland Europameister werden kann. Als es dann schiefging, traf Löw der größte Shitstorm seiner Karriere.

Das Bemühen, dass so etwas nicht noch einmal passiert, ist bei der sportlichen Leitung fast körperlich zu greifen. So viel Understatement, so viel Zurückgenommenheit hat man rund um die Nationalelf lange nicht erlebt. "Wir sind nicht so gut, wie viele denken", sagte Löw. "Gut, dass alle mal sehen, dass andere Nationen auch Klassefußballer haben."

Entschlossen, nicht resigniert

Man sollte das nicht mit Müdigkeit oder gar Resignation verwechseln. Bei Löw, so hart er gegenüber den Spielern ankündigte, "Spieler in den nächsten Wochen überwachen" zu wollen, herrscht Entschlossenheit, mehr vielleicht als bei jedem Turnier zuvor. Genau deswegen wirkt er so alarmiert, genau deswegen reagierte er so fuchsteufelswild am Spielfeldrand, als er mitansehen musste, wie in seiner Defensive ein Loch nach dem anderen aufriss.

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Deutschland-Spiel gegen Chile: Gutes Ergebnis, schwache Leistung
Das Kleinreden des WM-Favoriten Deutschland ist sicherlich auch Strategie. Löw und seinem Team erscheint es angebracht, die Öffentlichkeit auf die Möglichkeit des Scheiterns vorzubereiten, Erwartungen zu dämpfen, um sich selbst einen Schonraum für den Fall des Ausscheidens zu verschaffen - und im Erfolgsfall umso besser dazustehen. Aber die Beunruhigung, mit der Löw vor allem am Montag bei der Pressekonferenz vor der Partie auftrat, hat gute Gründe.

Löw hat das offen angesprochen. Noch sind Leistungsträger, auf die es in Brasilien ankommen wird, aus den unterschiedlichsten Gründen nicht so weit. Bastian Schweinsteiger, Mesut Özil, Miroslav Klose - das Chile-Spiel hat mehr als deutlichgemacht, dass auf sie derzeit nicht zu bauen ist. Das muss alles noch nichts bedeuten, sie müssen in drei Monaten in Topform sein, nicht jetzt. Aber den Schwung einer gelungenen Saison wird man von ihnen nicht mehr erwarten können.

Auch vor 2006 und 2010 war die Stimmung schlecht

Löw kann noch darauf setzen, dass die Trübsal vor einem WM-Turnier fast schon Folklore ist. 2006 hatte die 1:4-Testspielpleite gegen Italien im März fast eine Staatskrise ausgelöst, 2010 sorgten die Debatten um die Vertragsverlängerung des Bundestrainers und die Nicht-Nominierung Kevin Kuranyis sowie die Verletzung von Michael Ballack für Prä-WM-Depression. Beide Male löste sie sich während des Turniers in Euphorie auf.

Man muss daran denken, welche Unsicherheitsfaktoren Spieler wie Thomas Müller, Mesut Özil, Jérôme Boateng oder Arne Friedrich vor dem Turnierstart 2010 in Südafrika waren. Fußballgeschichte wiederholt sich nicht zwangsläufig, aber Löw wird es gar nicht so unrecht sein, wenn Deutschland nicht als der große Titelanwärter nach Südamerika reist.

Als Löw am späten Mittwochabend nach Mesut Özil gefragt wurde, antwortet er: "Ich bin zu 100 Prozent davon überzeugt, dass er seine Form finden und bei der WM ein großartiges Turnier spielen wird." Es gibt den alten Joachim Löw also doch noch.

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gewgaw 06.03.2014
1.
Erreicht Löw seine Spieler noch? Er hat frühzeitig gewarnt, ging an die Öffentlichkeit, um Druck auf die Spieler aufzubauen. Was kam heraus? Der Gegner war hochmotiviert, manche chilenische Spieler hatten gar Krämpfe, die deutsche Mannschaft hingegen wirkte fast deplaziert, als hätten viele Spieler eigentlich etwas Wichtigeres zu tun. Jedenfalls wird Löw nur noch plusminus vier Monate die Nationalmannschaft leiten, entweder wird er als Weltmeister zurücktreten oder sehr viel wahrscheinlicher aus seinem Amt wegen zu magerer Ergebnisse vejagt.
comper 06.03.2014
2. Übungsleiter
Der erfolgloseste Trainer aller Zeiten.Kein Verein könnte sich das leisten.Der DFB offenbar ja.
deefens 06.03.2014
3.
Es wäre zu interessant zu wissen, was ein fähiger Teamchef mit der jetzigen Truppe erreichen würde. Man stelle sich mal vor, Klopp oder Guardiola würden die Nationalelf leiten. Ich bin sicher wir hätten gestern ein völlig anderes Spiel gesehen.
nocheinforist 06.03.2014
4. @comper
Wenn man mit Platz 3 bei einer WM und Platz 2 und 3 bei EMs der erfolgloseste Trainer aller Zeiten ist: Was sind dann all die Trainer von Ländern, die schlechter abgeschnitten haben? Oder haben bei der letzten WM nur 3 Teams teilgeommen?
XXYYZZ 06.03.2014
5.
Wieder ein erbärmliches Zeugnis, das man Sportjournalisten ausstellen muss, Jubelperser allerorten. Löws hartnäckig Weigerung, sich dem modernen Fußball anzupassen und seine MITTELFELDAKTEURE MITVERTEIDIGEN zu lassen wird immer wieder von den Möchtegern-Experten übersehen. Würden Kroos, Schweinsteiger und Götze sich ihren Defnesivaufgaben im Verein so verweigern wie in der N11, würde Pep sie öffentlich zusammenscheißen. Özil, Schürrle und Podolski genießen ebenfalls Narrenfreiheit auf dem Gebiet. Dass Journalisten dann allen Ernstes erwarten, dass ein Marcel Schmelzer oder ein Kevin Großkreutz sich mit gleich zwei Gegenspielern erfolgreich zur Wehr setzen, ist an Inkompetenz nicht zu überbieten. Aber Hauptsache, man findet Alibis, um Löw und sein nicht vorhandenes Defensivkonzept nicht thematisieren zu müssen: Als Enddarmbewohner lebt sich's doch so behaglich warm.
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