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DFB-Gegner England: Roys Boys

Von , Berlin

DFB-Gegner: Englands neue Hoffnung Fotos
REUTERS

Die englische Nationalmannschaft hat unter Trainer Roy Hodgson ihr Gesicht deutlich verändert. Junge, schnelle Spieler tragen jetzt das Team. In England dürfen sie erstmals seit vielen Jahren wieder träumen.

Einen Reformer und Modernisierer stellt man sich etwas anders vor als diesen älteren, leicht betulichen Herrn. Jenen Roy Hodgson, Jahrgang 1947, einen Weltenbummler, der auf seiner Reise von Finnland bis zu den Emiraten nun bei seiner 18. Trainerstation angelangt ist. Lange haben es Hodgson und seine Arbeitgeber nie miteinander ausgehalten. Das letzte Mal, dass Hodgson irgendwo länger als drei Jahre engagiert war, war in den Achtzigerjahren, als er in Schweden Malmö FF trainierte.

Und jetzt ist Roy Hodgson bereits im vierten Jahr Coach der englischen Fußballnationalmannschaft, über die sein deutscher Kollege Joachim Löw sagt: "So wie die Engländer haben wir 2010 bei der WM in Südafrika auch gespielt." 2010, als die deutsche Mannschaft den Stil kreierte, der sie vier Jahre später letztlich zum WM-Triumph geführt hat. 2010, als Deutschland im Achtelfinale England mit dem 4:1-Sieg mehr oder weniger gedemütigt hatte. Als neuer Fußball auf den alten traf.

England hat in der Qualifikation zu dieser Europameisterschaft sämtliche Spiele gewonnen. Kein anderes Team in Europa hat das geschafft. Das muss nicht zwingend etwas heißen, vor der WM 2014 reiste das Team ebenfalls ungeschlagen aus der Qualifikation nach Brasilien, um in der Vorrunde sieglos auszuscheiden. Was aber schon mehr bedeutet: Mit welchem Personal man das geschafft hat. Englands Nationalmannschaft unter dem alten Mann Hodgson ist so jung wie seit Jahrzehnten nicht. Und so spielen sie auch.

"Das Team hat sich extrem verbessert"

Und noch einmal ist Joachim Löw der Kronzeuge: "England hat den Wandel vollzogen. Sie stehen hinten sicher und setzen auf schnelles Umschalt- und Konterspiel", sagt der Bundestrainer und bilanziert: "Dieses Team hat sich in den vergangenen zwei, drei Jahren extrem verbessert."

Auch, weil England endlich die Spieler dafür hat. Das Konzept unter dem stockkonservativen Vorgänger Fabio Capello, die alten Fahrensmänner des englischen Klubfußballs Steven Gerrard, John Terry oder Frank Lampard so lange durchzuziehen, bis sie ihren Zenit gleich selbst mehrfach überschritten haben, gilt nicht mehr. Es ist einem Spielstil gewichen, in dem mittlerweile ganz andere Protagonisten als noch vor vier, fünf Jahren die Szene beherrschen: England spielt am Samstag in Berlin gegen Deutschland (20.45 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) mit Harry Kane, Danny Rose, Dele Alli und Eric Dier, alle von Tottenham Hotspur, Alli ist gerade einmal 19 Jahre alt, Dier und Torjäger Kane nur drei Jahre älter. Dieses Quartett hat erst unter Hodgson debütiert.

Zwar gibt es noch den gegen Deutschland verletzt fehlenden Wayne Rooney. Aber auch das junge, wilde DFB-Team wusste bis zuletzt die Qualitäten eines Miroslav Klose zu schätzen. Den einen oder anderen Routinier gönnt sich Hodgson noch, aber viele sind es nicht mehr. Der Rising Star der Saison, Leicester-Torjäger Jamie Vardy, ist zwar schon 29, fällt aber als Spätberufener aus der Reihe. Vardy, jahrelang als Profi Konfektionsware, hat in dieser Spielzeit sein Erweckungserlebnis erfahren, er wäre also an Ostern durchaus eine Alternative im Sturm für den Coach.

So sieht das Königreich die erstaunliche Situation, dass die englische Nationalmannschaft derzeit moderneren Fußball praktiziert als so mancher überbezahlter Spitzenklub der Premier League. Die zuletzt erst wieder einsehen musste, dass ihr Kurs in den europäischen Cupwettbewerben nicht der allerhöchste ist. Mit Manchester City steht zwar noch ein Team im Viertelfinale der Champions League, dazu gibt es den FC Liverpool in der Europa League, aber die Favoritenrolle liegt bei ihren Gegnern Paris Saint-Germain und Borussia Dortmund.

Hodgson hat es fertiggebracht, sein Team weitgehend von den konjunkturellen Schwankungen der Klubs abzukoppeln. Er hat nicht nur ein junges Team zur Verfügung, er hat - angesichts der Vergangenheit der Three Lions nur logisch - auch eine Mannschaft zusammen, die darauf brennen dürfte, endlich einmal wieder etwas zu gewinnen. England hat bei der EM mit den Gegnern Wales, Slowakei und Russland eine schlagbare Vorrundengruppe erwischt. In England sind sie zwar immer bereit zu träumen, genau wie sie jederzeit in der Lage sind, über ihr Nationalteam zu spotten. Aber ein Ausscheiden vor dem Achtelfinale wäre angesichts der Möglichkeiten, die der Trainer mittlerweile hat, diesmal wirklich eine Blamage.

Allein das ist schon ein großer Fortschritt.

Löw vor der England-Partie: "Ein interessantes Spiel"

DPA

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1. England (die Nationalmannschaft) ist verloren
Alias_aka_InCognito 26.03.2016
Die englische Premier League fördert keinen eigenen Nachwuchs, sondern kauft nur fertige Spitzenspieler ein. Wenn eine Nationalmannschaft durchschlagskräftig sein soll, müssen deren Spieler die Besten der Liga sein, egal ob es die heimische Liga oder Legionäre. Wenn die Legionäre auch noch ausländische Top-Ligen dominieren, dann ist es eine besonders gute Nationalmannschaft. Aber diese Spieler dominieren allenfalls die im internationalen Vergleich spielerisch schwache Premier League. So ist außer mit Träumen nichts mit realistischen Chancen auf ein gutes Abschneiden bei internationalen Turnieren. Hier hat der englische Fussballkapitalismus sich selbst ins Knie geschossen.
2. Logisch!
Alfred +1 26.03.2016
"Alli ist gerade einmal 19 Jahre alt, Dier und Torjäger Kane nur drei Jahre älter. Dieses Quartett hat erst unter Hodgson debütiert." "Jetzt ist Roy Hodgson bereits im vierten Jahr Coach der englischen Fußballnationalmannschaft." Wie alt waren die vier zu seinem Amtsantritt?
3. Nun schwach
aurichter 26.03.2016
ist die Premiere League ganz sicher nicht. Das Problem war jedoch, daß die Vereine durchweg lieber fertige Stars kaufte, anstatt den Erfolg lang- bzw mittelfristig aufzubauen. Ein weiteres Problem, die vielen Ligaspiel mit zwei Pokalwettbewerben plus den internationalen Spielen. Auch junge Spieler sind extrem gefordert und bei Verletzungen ist der Druck schon hoch. Dennoch kann man sehen, daß ein Vertrauen in die Jugend den Erfolg bringen kann. Bei der EM warten in den Gruppen aber andere Kaliber, als in der Quali, sodass man diese Ergebnisse nicht überbewerten sollte. Schau'n mer mal.
4. @ Alias_aka_InCognito
Marinus_Ladegast 26.03.2016
Ich weiß nicht, ob Sie mit Ihrer Einschätzung so auf dem neuesten Stand sind. Die Premier League wird aktuell von Leicester und Tottenham dominiert. Beide Vereine setzen auf junge englische Spieler und haben damit Erfolg. Ähnlich war es um 2004 z.B. mit dem VfB Stuttgart, der in der Bundesliga eine Jugendwelle eingeläutet hat. Wenn diese Entwicklung dann auch von der Nationalelf unterstützt wird (wie damals von Klinsmann und heute von Hodgson), dann kann das durchaus eine gewaltige Entwicklung in Gang setzen. Und schließlich ist England immer noch eine große Fußballnation mit einer Riesenbasis. Wer daran glaubt, dass die Engländer ewige Loser sind, der vergisst vielleicht, dass man dasselbe bis 2008 auch über Spanien erzählt hat. Immerhin bleibt uns Deutschen der große Vorteil, dass wir mehr Know-How bei großen Turnieren besitzen als die meisten anderen. Wir haben immer wieder Trainer und Betreuer, die selbst schon Titel gewonnen haben, was natürlich von großem Nutzen sein kann. Aber davon abgesehen, glaube ich, dass diese hochmotivierte, junge englische Mannschaft für uns ganz schön eklig werden kann. Wir werden es ja sehen.
5. wichtigste ist teamwork
ch.weichberger 26.03.2016
wer das am besten kann ...gewinnt stars sind eher hinderlich es ei denn sie koennen sich einbringen ins team ...was dem star status widerspricht.. bestes beispiel ist mendes...der kriegt das gut hin...
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