DFB-Remis gegen Frankreich Sicher ist sicher

Joachim Löw kochte Erfolgsrezepte von 2014 auf. Die wenigen Pfiffe gegen Ilkay Gündogan waren zu vernachlässigen. Der Start in die Nations League war eher mau - so wie es der Bundestrainer sich erhofft hatte.

Benjamin Pavard (l.) Mats Hummels
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Benjamin Pavard (l.) Mats Hummels

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Szenen des Abends: Spiel eins nach dem WM-Debakel, Spiel eins nach dem "Umbruch light" beim DFB. Zwei unscheinbare Szenen, die aber sehr gut als Leitplanken der Partie angesehen werden können: Timo Werners Ballgewinn an der Mittellinie (12. Minute) und das Laufduell von PSG-Superstar Kylian Mbappé gegen Jérôme Boateng, das ohne Folgen blieb (69.). Beides begleitete das Publikum mit einem lauten Raunen. Die erste Situation zeigte, worauf alle hofften, die zweite, was und wen alle fürchteten.

Das Ergebnis: Das Duell der Weltmeister von 2014 und 2018 endete ohne Tore, Deutschland und Frankreich trennten sich in München zum Auftakt der Nations League 0:0. Remis.

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Deutschlands Remis gegen Frankreich: Nur Toni Kroos jubelt

Das Personal: Nicht einer der drei DFB-Neulinge (Thilo Kehrer, Nico Schulz und Kai Havertz) in der Startelf, auch die Rückkehrer Leroy Sané, Jonathan Tah und Nils Petersen zu Spielbeginn nur auf der Bank. Also alles weiter wie gehabt? Au contraire! Als die elf Namen veröffentlicht wurden, die im Duell gegen den Weltmeister beginnen sollten, war komplett unklar, wie sich das auf dem Platz sortieren würde. In anderen Worten: Es kribbelte tatsächlich ein wenig. Départ.

Die Taktik: Löw hatte angekündigt, er wolle die Balance der WM-Wochen wiederfinden. Der WM-Wochen von 2014 versteht sich. Und daran erinnerte auch die Lösung, die er sich gegen die schnellen Franzosen ausgedacht hatte: Der gelernte Innenverteidiger Antonio Rüdiger mimte links hinten den neuen (und flinkeren) Benedikt Höwedes, sollte mit seinem Antritt vor allem Kylian Mbappé etwas entgegensetzen. Noch ein 2014er-Move: Der etatmäßige Rechtsverteidiger des FC Bayern rückte auf die zentrale Position vor der Kette. Joshua Kimmich beerbt auch hier Philipp Lahm. Ein gutes Jahrzehnt noch, dann doziert Kimmich auch bei LinkedIn. Renaissance.

Die erste Hälfte: Weltmeister Frankreich begann, wie ein Weltmeister halt in sein erstes Spiel nach dem Titel geht. Mit großem Selbstverständnis, viel Leichtigkeit, dazu fast mit der kompletten Stammelf aus Russland - nur Keeper Hugo Lloris fehlte wegen einer Verletzung. "Auf Teufel komm raus" wollte Löw das eigne Tor bewachen lassen, seine Außenverteidiger Rüdiger und Matthias Ginter trauten sich trotzdem regelmäßig weit vor. Vorn tauschten Werner und Marco Reus regelmäßig ihre Positionen und gingen bei jedem Ballgewinn im wahrsten Wortsinn steil. Courage.

Kein Spektakel: Balance, das ist der Erzfeind des hin und her, der übellaunige Gegenspieler des auf und ab. Werner prüfte Frankreichs Keeper Alphonse Aréola (12. Minute), Rüdiger missglückte ein Kopfball nach einer Ecke (35.), Olivier Giroud zwang Manuel Neuer zu einer Parade (36.) und scheiterte kurz vor der Pause mit einem ambitionierten Hackentrick. Viel mehr war nicht. Tristesse.

Die zweite Hälfte: Kam deutlich wilder daher. Antoine Griezmann verpasste gegen Neuer, gleich doppelt sogar (49./64.). Der Regen wurde stärker, Frankreich wurde mutiger, Deutschland bekam etwas mehr Platz. Aréola kratzte einen Reus-Versuch von der Linie (64.), Mats Hummels - ja, wirklich - lief einen Konter, der er im zweiten Versuch persönlich mit einem Rechtsschuss abschloss (72.), Müllers Schlenzer (74.) entschärfte Areola ebenso wie Ginters Kopfball (76.). Auch Kroos wurde abgeblockt (77.) - aber die DFB-Elf war dem Treffer zumindest in dieser Phase näher. Insistance.

Der Mann vom Erdogan-Foto: Bei der großen WM-Aufarbeitung konnte der Bundestrainer ein, ach, Unsinn, das Sommerthema nicht aussparen. Als in der 66. Minute Ilkay Gündogan für den unauffälligen Leon Goretzka eingewechselt wurde, musste sich das Münchner Publikum entscheiden. Pfeifen - wie in Leverkusen - oder applaudieren? Oder soll man es lassen? Wie gespalten ist die Republik? Die Klatscher in der Arena sagten recht deutlich: Wir sind mehr. Majorité.

Erkenntnis des Spiels I: 60 Prozent Ballbesitz - #DieMannschaft kann einfach nicht aus ihrer Haut. Muss sie aber vielleicht auch gar nicht. Wer sich an das vorige Pflichtspiel zwischen diesen beiden Mannschaften erinnert, das EM-Halbfinale vor gut zwei Jahren, sah den Unterschied sofort. Damals drückte Weltmeister Löw sein Spiel noch kompromisslos durch - und verlor. Diesmal richtete er sich nach dem Gegner. Angst? Demut? Wahrscheinlich einfach Vernunft. Interprétation.

DFB-Spieler nach dem Abpfiff
LUKAS BARTH-TUTTAS/EPA-EFE/REX/Shutterstock

DFB-Spieler nach dem Abpfiff

Erkenntnis des Spiels II: Best never test. Klar, an diesem Abend überlagerten sich zwei verschiedene Motivationen: Die DFB-Elf gierte zusätzlich zu den ersten Punkten des neuen Uefa-Wettbewerbs nach Wiedergutmachung, aber auch Weltmeister Frankreich schien offensichtlich keinerlei Verlangen zu verspüren, in die B-Liga zu Bosnien, Österreich und Dänemark abzusteigen. Freundschaftsspiele sind tot, es lebe die Nations League! "Ich find sie gut", sagte auch Bundestrainer Löw. Na, dann. Réussi.

Deutschland - Frankreich 0:0
Deutschland: Neuer - Ginter, Boateng, Hummels, Rüdiger - Kimmich - Goretzka (66. Gündogan), Kroos - Müller, Reus (83. Sané) - Werner
Frankreich: Areola - Pavard, Varane, Umtiti, Lucas - Pogba, Kanté - Mbappé, Griezmann (80. Fekir), Matuidi (86. Tolisso) - Giroud (66. Dembélé)
Schiedsrichter: Orsato (Italien)
Gelbe Karten: Rüdiger / -
Zuschauer: 68.000 (ausverkauft)

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aliof 07.09.2018
1. Laaangweilig
.. wirkte über lange Strecken zudem wie abgesprochen .. zugunsten der DFB-Auswahl-Spieler. Mir fällt kein anderer Grund ein, warum die technisch deutlich besseren Blauen nicht aufs Tore schiessen aus zu sein schienen.
Drunken Masta 07.09.2018
2. Um ein Fußballspiel zu gewinnen
muss man auch Tore schießen. Was ich heute gesehen habe erinnerte immernoch sehr stark an die WM (2018). Die Körpersprache war eine Andere, jeder wirkte wacher, Zweikämpfe wurden gewonnen, meist genaue Pässe gespielt. Außerdem hatte man sich wohl dazu entschieden das gegnerische Tor nur im äußersten Notfall zu suchen. Parallel dazu waren die Franzosen deutlich weniger motiviert zum Beginn der Nations League. Spielten in der ersten Hälfte noch recht gut mit, standen dann in der Zweiten aber bald nur noch in der eigenen Hälfte rum und trabten so mit. Die 10 Minuten Deutsche Druckphase dann während des Starkregens, als die Franzosen scheinbar gar keine Lust mehr hatten. Die setzten ja quasi die ganze zweite Halbzeit nur auf Einzelaktionen. Was ich bei uns gesehen habe, war wieder über lange Strecken völlig uneffektives Ballgeschiebe. Keine Idee nach Vorne, keine Geschwindigkeit, bis auf die 10 offensiveren Minuten keine Durchschlagskraft. Wie auch wenn selbst die Stürmer bis zum eigenen 16er zurücklaufen und dort jeden(!) Angriff des Gegners mitverteidigen. Gut also wenn man den Ball hat weiß man nicht so recht was damit anzufangen. Und wenn der Gegner doch mal ein bisschen rausrückt, kommt nach Ballgewinn aber mal sowas von gar nichts raus. Umschaltspiel klappt ja überhaupt nicht. Bezeichnenderweise hatte dann auch der Innenverteidiger(!) Hummels die beste Szene diesbezüglich. Eine Frage, die nicht nur fürs Thema Umschalten interessant ist: Haben Reus und vor allem Goretzka eigentlich am Spiel teilgenommen? Klar kann man nach hinten so weit verdichten, dass man halbmotivierte Franzosen von allzu vielen Torschüssen abhält. Aber was soll dann passieren? Wann kommt die Idee für den Vorwärtsgang? Die Probleme fangen aktuell dann im Mittelfeld an. Schon lange keinen deutschen Mittelfeldspieler in der NM eine wirklich starke Leistunng abliefern sehen. Boateng lang auf wen auch immer, der grad links vorne steht - kann ja jetzt irgendwie auch nicht die endgültige Lösung sein. Mir hat gefallen wie Zweikämpfe geführt wurden. Durch die Bank nicht einfach nur robust und engagiert, auch mit gutem Timing. Müller fiel da besonders positiv auf, denn das Kennt man auch unbeholfener von ihm. Meisten hohe Präzision in den Pässen. Dabei natürlich auch viele Sicherheitsbälle, die das Spiel teilweise extrem verlangsamt haben. Aber irgendwo vernünftig Einzuschätzen welcher Pass spielbar ist und nicht wie bei der WM teilwesie vogelwild hauptsache vor, war dann doch ganz ok. Vor der WM bestimmt die Ansage 'traut euch was zu, spielt auch mal den Risikoball' jetzt nach der Blamage: 'verlieeeert bloß keinen Ball im Aufbauspiel'. Also es hat sich für mich im Vergleich zu WM schon etwas getan und wieder verbessert. Löw probiert bisschen Spielerpositionen aus, gut warum auch nicht. Was halt leider wieder über große Strecken dabei rumkam war harmloser Ballbesitz. Da muss sich noch einiges tun. Denn hätte sich Frankreich darauf vorbereitet die Punkte heute mitzunehmen, es wäre für uns sehr wahrscheinlich schief gegangen.
tucson58 07.09.2018
3. Und wieder wird nur das negative gesehen
Da hat die Nationalelf nach einem absoluten Desaster und Megablamlage bei der WM in einem Spiel gegen Frankreich ,bei dem es um was ging , ein mehr als verdientes 0:0 erspielt und nun ist auch wieder nicht Recht Vorher wurde unserer Nationalmannschaft gegen den Weltmeister eine Niederlage vorhergesagt die manche sogar schon als eine Packung vermuteten weil ja der Weltmeister gigantisch ist . Nun kam es zu einem Leistungsgerechten 0:0 und wird wieder so getan als wäre das ja nichts besonderes gewesen , das man fast glauben könnte sei haben ja nur gegen Lichtenstein gespielt . Dieses Spiel war für mich vor allem mehr als ein deutliches Zeichen, das wieder mit Deutschland zu rechnen ist! Es sollte einfach abgewartet werden wie es weiter läuft und nicht nur alles gleich negativ sehen, nur weil man mit seinem eigenen Tip völlig falsch lag und nun nach jedem negativen Härchen sucht nur um am ende irgend wie recht zu behalten
tomaraya 07.09.2018
4. Mir reichts!
Das erste Spiel nach der verkorksten WM, gegen den neuen Weltmeister. Mir hats gefallen. Auch wenn keine Tore gefallen sind, war es gut anzusehen. Der Wille war da, nur gegen den Weltmeister kann man jetzt auch kein 3:0 erwarten, da kann er noch so groß sein. Ich verstehe nicht was das Gerede über Ballbesitzfussball soll. Was soll die Mannschaft denn machen, wenn die andere einfach nicht in der Lage oder Willens ist den Ball zu übernehmen, ihn freiwillig zum Gegner spielen!? Das die Spielausrichtung bei der WM zu bemängeln ist, keine Frag. Aber das lag ganz alleine an der Stimmung in der Mannschaft und an der nicht vorhandenen Einstellung. Ballbesitzfussball ist noch lange nicht tot...;)
franz.v.trotta 07.09.2018
5.
Resümee: 60 Prozent Ballbesitz -- kein Tor. (Bizarrer) Kommentar des TV-Kommentators: "Offensive ist heute kein Kriterium". --- Der Zuschauer wünscht sich, dass es so nicht weitergeht.
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