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Kai Havertz vor DFB-Debüt

Ist dieser 19-Jährige die Zukunft des deutschen Fußballs?

Kai Havertz gilt als eines der größten Talente im deutschen Fußball - nun steht der Leverkusener erstmals im DFB-Aufgebot. Joachim Löw weiß, warum er auf Spielertypen wie ihn setzt.

Aus Sinsheim berichtet

Getty Images

Kai Havertz

Samstag, 08.09.2018   11:29 Uhr

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Die Zahlen: Kai Havertz ist 19 Jahre jung, er hat sieben Tore in seinen bisher 56 Bundesligaspielen für Bayer Leverkusen erzielt, in diesem Alter hat vor ihm kein anderer Profi der deutschen Ligageschichte jemals schon so viele Partien absolviert. Kein Mario Götze, kein Julian Draxler, kein Franz Beckenbauer.

Was sagt der Bundestrainer? Joachim Löw nennt Havertz "einen der talentiertesten Spieler, die wir in Deutschland haben", er lobt Havertz' "unglaubliche Spielintelligenz, seine wahnsinnige Ruhe im Ball".

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Kein Zweifel: Kai Havertz, der am Sonntag vor seiner Nationalmannschaftspremiere gegen Peru (20.45 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) steht, ist ein Musterschüler. Dass er neben seiner Profikarriere bei Bayer mit Einsätzen im internationalen Wettbewerb sein Abitur gemacht hat, betont seinen Ehrgeiz.

Ein Anker gegen die Selbstzweifel

Havertz ist in diesen Zeiten, in denen der Selbstzweifel den deutschen Fußball erfasst hat, so etwas wie ein Anker. Der DFB hat im Nachwuchsbereich seine Defizite, die Konkurrenz aus England oder Frankreich wirft einen hochtalentierten Spieler nach dem nächsten auf den Markt. Die erfolgsverwöhnten deutschen Nachwuchsteams hatten bei ihren Turnieren zuletzt das Nachsehen, der Erfolg der U21-Junioren bei der EM 2017 war da eher die Ausnahme.

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Daher steht Havertz umso mehr im Fokus, auch der Herthaner Arne Maier oder Thilo Kehrer, der mit seinen 21 Jahren jetzt den Schritt von Schalke 04 zum Topklub Paris Saint-Germain gewagt hat. Auf dem Cover der aktuellen Ausgabe von "11 Freunde" heißt es: "Die Nationalelf von morgen" und im Heft werden die hoffnungsvollsten jungen Spieler des Landes porträtiert. Natürlich ist Kai Havertz dabei.

Toptalente aus der Bundesliga

Mit 15 Jahren ist Havertz zu Bayer Leverkusen gekommen. Der Verein quartierte den Jugendlichen bei Stadionsprecher Klaus Schenkmann ein, mit Familienanschluss sozusagen. Seitdem gehört Havertz zum großen Zukunftskapital des Bayer-Klubs, neben Julian Brandt, dem anderen Leverkusener Jungspund in der Nationalmannschaft. Der Dritte im Bayer-Talentschuppen, Benjamin Henrichs, hat den Verein verlassen, er will es wie Kehrer in Frankreich probieren und spielt nun für die AS Monaco.

Henrichs als mahnendes Beispiel

Henrichs ist auch für Havertz ein (warnendes) Beispiel, wie wechselhaft es auch schon in jungen Jahren im Profileben laufen kann. Vor zwei Jahren galt Henrichs bereits als 19-Jähriger als die Zukunftsaktie in Sachen deutsche Außenverteidigung. Joachim Löw berief ihn in die Nationalelf, beim Confed Cup gehörte er zum Kader, der 2017 in Russland den Titel holte. In der Vorsaison fand er bei Bayer-Coach Heiko Herrlich aber nicht mehr die gewünschte Aufmerksamkeit. Als es darum ging, das WM-Aufgebot zu bestellen, war Henrichs kein Thema mehr.

Auch Havertz hat trotz seines Aufstiegs schon seine Enttäuschungen erlebt. Mit der U19 des DFB scheiterte er in der EM-Qualifikation, er weiß also, wie es ist, mit großen Erwartungen auf ein Turnier zu blicken - und die Ziele dann zu verfehlen. Eine solche Erfahrung kann derzeit bei der Nationalelf nicht schaden.

AFP

Kai Havertz für Leverkusen im Einsatz

Im offensiven Mittelfeld, dort wo Havertz sich wohlfühlt, ist die Konkurrenz in der Nationalmannschaft immer noch am größten. Das wird Havertz wissen, und er sagt trotzdem: "Ich will bei der EM in zwei Jahren dabei sein." Denn: "Da bin ich 21 und in einem guten Alter", hat er in "11 Freunde" gesagt. Ähnlich selbstbewusst wirkte zuletzt auch ein anderer DFB-Nachwuchsstar - doch in Russland hat er überraschend gefehlt.

Sturmkollege Leroy Sané, mittlerweile 22 Jahre alt, mit Manchester City Meister geworden, von Josep Guardiola geformt und dennoch bei der WM nicht berücksichtigt - weil, wie zu hören war, sein Selbstbewusstsein zu demonstrativ gewesen sei, auf der Grenze zur Selbstgefälligkeit, wie aus DFB-Kreisen kolportiert wurde. Jedenfalls seien es nicht unbedingt sportliche Gründe gewesen, die Sané die WM-Teilnahme gekostet hätten. Sportlich schließlich gab es kein überzeugendes Argument, auf den "Best Young Player of the Year" in der Premier League zu verzichten.

Havertz wird sich die Karrierewege von Henrichs und Sané, der nun wieder von Löw berufen wurde, aber seine Teilnahme am Testspiel gegen Peru "aus privaten Gründen" abgesagt hat, genau angesehen haben. Er gilt als ein kluger, reflektierter junger Spieler, mit Unbedachtsamkeiten ist er bisher nicht aufgefallen, ein seriöser Fußballprofi. Also exakt der Typ, der im Moment in der Nationalmannschaft gefragt ist.

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