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DFB-Sieg über Peru

"Wir stehen nach wie vor unter Beobachtung"

Da ist er, der erste Sieg der Nationalelf nach dem WM-Desaster. Doch das 2:1 gegen Peru hat die Probleme dieser Mannschaft deutlich gemacht. Wie nachhaltig kann man dieses Team wirklich in kurzer Zeit erneuern?

Aus Sinsheim berichtet

RONALD WITTEK/EPA-EFE/REX/Shutterstock

Joachim Löw

Montag, 10.09.2018   07:26 Uhr

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Von Aufbruch, von Neuanfang ist sehr viel die Rede gewesen in dieser ersten Länderspielwoche nach der verkorksten WM und nach der noch mehr verkorksten WM-Aufarbeitung danach. Mit dem torlosen Remis gegen Weltmeister Frankreich war man gestartet, danach gab es viel Schulterklopfen dafür, dem Weltmeister die Stirn geboten zu haben.

Das 2:1 gegen Peru am Sonntag in Sinsheim war zwar der erhoffte erste Nach-WM-Sieg, das Spiel selbst jedoch ein leichter Rückschritt.

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Joachim Löw gab sich danach zwar zufrieden, aber wenn ein Trainer vor allem "die gute Moral und Mentalität" lobt, dann ist es spielerisch meistens ein eher mäßiges Auftreten gewesen. Aufbruchstimmung ging von diesem mühsamen Erfolg zumindest nicht aus, eher der Eindruck, dass die Nationalmannschaft sich mit ihren Problemen noch eine ganze Weile wird herumschlagen müssen (Hier finden Sie eine andere Einschätzung).

Wer soll die Tore schießen?

Damit ist vor allem die Frage gemeint, wer in dieser Mannschaft für die Tore zuständig ist. Mit Julian Brandt und Nico Schulz kamen am Sonntag zwei neue Torschützen hinzu, damit sind die vergangenen neun DFB-Tore von neun unterschiedlichen Spielern erzielt worden. Dass mag gut sein für die Variabilität, aber schlecht, wenn es darum geht, dieser Mannschaft einen Torjäger zuzuordnen.

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Diesmal stand Marco Reus wieder als Stürmer im Zentrum, aber der Dortmunder "liebt es natürlich, eher von der Seite zu kommen", erkannte Löw selbst, dass er seinem Spieler nicht die Idealposition zugeordnet hatte. Wie schon gegen Frankreich vergab Reus eine gute und eine sehr, sehr gute Torchance.

Teamkollege Timo Werner trifft zwar bei RB Leipzig häufig, bei der Nationalelf spielt er seine Stärken aber auch auf den Flügeln aus. Bei jedem Dribbling auf außen von Werner wünscht man sich einen Spieler, der dessen Vorarbeit dann zum Tor vollendet. Den gibt es aber nicht, und so muss Löw auf den Freiburger Nils Petersen hoffen, der die letzten 20 Minuten des Spiels auf dem Platz stand "und sofort in der Partie war", wie Löw sagte. Aber auch Petersen muss eine Nationalelf-Tauglichkeit erst einmal nachweisen.

Dazu kamen gegen die läuferisch und gedanklich schnellen Peruaner "wieder unsere Probleme mit dem Konterspiel des Gegners". Zu wenig Selbstkritik ist Joachim Löw in diesen Wochen zumindest nicht vorzuwerfen. Tatsächlich taten sich die von der WM so sattsam bekannten Abwehrlöcher bei den peruanischen Gegenangriffen erneut auf. Dass es bei einem Gegentreffer blieb, war durchaus Glückssache.

Das Team sucht sich noch

Die Mannschaft ist noch angeschlagen, das ist ganz eindeutig. Die WM hat aus einem Topteam im Weltfußball, das gegen jeden Gegner selbstbewusst antritt, eine Elf gemacht, die sich sucht. Die plötzlich nicht mehr genau weiß, wo sie steht und die sich mit knappen Erfolgen über Peru die Sicherheit zurückzuholen trachtet. Bei der Kürze der Zeit ist das eigentlich normal, aber wie viel Zeit darf ein Bundestrainer haben?

Ein verbesserter Ilkay Gündogan, ein solider Joshua Kimmich auf der Sechs, ein motivierter Toni Kroos und die stabilen Abwehrroutiniers Jérôme Boateng und Mats Hummels - es gibt aus dieser Woche auch Positives festzuhalten. Löw konstatierte eine "spürbare Jetzt-erst-recht-Haltung" bei den Spielern, man wolle die "WM vergessen machen". Aber vielleicht ist das genau das Problem.

In Sinsheim wirkte vieles so wie vor dem Turnier in Russland. Das Sinsheimer Publikum schunkelte auf den Rängen mit, das Team wurde abgefeiert, als habe es nie ein Südkoreaspiel in Kasan gegeben. Es wäre aber wohl das Beste, diese WM eben nicht zu vergessen. Immer im Kopf zu haben, was dort passiert und wie viel dort schiefgelaufen ist.

In der Nations League warten im Oktober zwei Auswärtsspiele gegen Frankreich und gegen die Niederlande. Da wird man dann schon deutlicher sehen, was diese Mannschaft und ihr Trainer aus der WM gelernt haben und ob dieses Team schon wieder die innere Kraft hat, sich auch in solchen Partien als zumindest Mitfavorit zu betrachten. Bei dem gleichzeitigen Bewusstsein, was zu viel Selbstgefälligkeit anrichten kann. Das ist ein Balanceakt.

"Wir stehen nach wie vor unter Beobachtung", sagt der Bundestrainer: "Wir brauchen noch weitere gute Leistungen, das ist mir klar." Zum Beispiel in Amsterdam am 13. Oktober und am 16. Oktober in Paris.

Deutschland - Peru 2:1 (1:1)
0:1 Advíncula (22.)
1:1 Brandt (25.)
2:1 Schulz (85.)
Deutschland: Ter Stegen - Ginter (72. Kehrer), Boateng (46. Rüdiger), Süle, Schulz - Kimmich - Brandt (70. Petersen), Kroos, Gündogan (84. Müller), Werner (88. Havertz) - Reus (46. Draxler)
Peru: Gallese - Advíncula, Araujo, Santamaría, Trauco - Aquino, Yotun (76. Calcaterra) - Flores (67. Lopez), Cueva, Farfán - Ruidiaz (86. Pena)
Schiedsrichter: Robert Schörgenhofer (Österreich)
Gelbe Karten: - / Advíncula
Zuschauer: 25.494 (ausverkauft, Sinsheim)

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