Deutschland in der Taktikanalyse Auf dem richtigen Weg

Schwaches Offensivspiel. Deutschland der gefühlte Verlierer. Rumpelfußball. So lauten die ersten Reaktionen nach dem 0:0 gegen Polen. Dabei war es für den Turnierverlauf eine wichtige Leistungssteigerung.

Toni Kroos (l.) und Thomas Müller
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Toni Kroos (l.) und Thomas Müller

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Defensiv deutlich verbessert: Im ersten Gruppenspiel gegen die Ukraine war die deutsche Elf in der defensiven Umschaltbewegung sehr anfällig. Deutschland war vor allem bei Ballverlusten nicht ins Gegenpressing gekommen. Bundestrainer Joachim Löw hatte augenscheinlich in den vergangenen Tagen an diesen Dingen gearbeitet, denn gegen konterstarke Polen ließ die DFB-Elf beim torlosen Remis über weite Strecken keine Torgefahr zu.

Gegen den Ball agierte Deutschland in einem 4-4-2, ging früh in die Zweikämpfe und schaffte es, die beiden polnischen Stürmer Robert Lewandowski und Arkadiusz Milik zu isolieren. Milik vergab zwar die beiden besten Torchancen, diese entstanden aber nicht aus Kontersituationen. An der defensiven Stabilität arbeiteten, anders als noch gegen die Ukraine, alle deutschen Spieler - das gilt es, für die kommenden Spiele zu konservieren.

Problemzone Rechtsverteidiger: Schon nach dem ersten Gruppenspiel wurde Benedikt Höwedes, auch an dieser Stelle, für seine Rolle als Rechtsverteidiger kritisiert. Der gelernte Innenverteidiger agierte gegen Polen tatsächlich anders als gegen die Ukraine. Wirklich besser war es jedoch nicht.

Die Heatmap von Hector (l.) und Höwedes.
Opta

Die Heatmap von Hector (l.) und Höwedes.

Beim 2:0-Auftakterfolg hatte sich Höwedes häufig in die Angriffe eingeschaltet, konnte dabei aber keine Akzente setzen. Gegen Polen hielt er sich deutlich zurück, wie die Heatmap im Vergleich zu Linksverteidiger Jonas Hector zeigt. Das führte im deutschen Spiel allerdings zu einer Linkslastigkeit, die die Offensivaktionen der DFB-Elf ausrechenbar machte. Einziges Problem: In Löws Kader gibt es neben Hector keinen zweiten gelernten Außenverteidiger - Höwedes wird deshalb vermutlich auch in den kommenden Partien nicht ersetzt werden.

Unruhe im deutschen Spiel: In der Offensive hatte sich Löw gegen Wechsel entschieden. Die offensive Dreierkette bildeten Julian Draxler, Mesut Özil und Thomas Müller, davor begann Mario Götze als flexibler Neuner. Gegen mannorientierte Polen war das die richtige Entscheidung - wenn das Quartett denn die richtigen Laufwege gewählt hätte. So war im deutschen Spiel viel Unruhe auszumachen, der Ball wurde nicht lange genug gehalten.

Ballkontrollphasen der deutschen Mannschaft gegen Polen
Institiut für Spielanalyse

Ballkontrollphasen der deutschen Mannschaft gegen Polen

Draxler war bemüht, konnte sich aber nur selten durchsetzen. Özil leistete vor allem gegen den Ball wichtige Arbeit. Götze bot sich zwar oft in den richtigen Halbräumen an, bekam aber zu wenige Bälle. Und Müller war lange unauffällig, was eigentlich kein Problem ist, wenn er denn - wie so oft beim FC Bayern gezeigt - in den entscheidenden Momenten zur Stelle ist. Auf diese Momente wartet die deutsche Mannschaft bei dieser EM aber noch.

Jérôme Boateng ließ sich deshalb nach Schlusspfiff zu einer ungewöhnlich direkten Manöverkritik hinreißen. "Wir haben vorne kein Eins-gegen-Eins gewonnen, die Bewegung hat gefehlt", sagte Boateng im ZDF. "Wir können froh sein, dass wir 0:0 gespielt haben. Wir müssen mal zum Abschluss kommen. Wir spielen bis zum letzten Drittel gut, dann kommen wir nicht am Gegner vorbei und sind nicht gefährlich. Das muss sich verbessern, sonst kommen wir nicht weit."

Das taktische Fazit: So negativ wie von Boateng muss diese Partie nicht eingeordnet werden. Selbstverständlich gibt es in der Offensive noch viel zu verbessern, aber wie die Mannschaft im Kollektiv verteidigt hat, ist für den weiteren Turnierverlauf das richtige Zeichen.



insgesamt 43 Beiträge
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Seite 1
Immanuel K. 17.06.2016
1. Ich halte das 0:0 auch noch...
...aus einem anderen Grund für gar nicht so schlecht, denn ich denke, Deutschland wird noch mal gegen Polern spielen müssen - dann eine nochmalige Leistungssteigerung könnte den Sieg bringen...
Reziprozität 17.06.2016
2. Dem Tenor des Artikels ...
... ist schlichtweg zu widersprechen! Obzwar einige spielerische Elemente besser gelöst wurden als im Ukraine-Spiel, ist hingegen taktisch weiterhin Etliches im Argen: Götze als "schwimmende Neun" funktioniert nicht, hier hatte Pep Guardiola vollkommen recht als er Götze bei Bayern nicht in der Startelf einsetzte. Die Schlampigkeit, mit der Mario Götze sein zweifelsohne vorhandenes Talent seit Jahren fahrlässig auf's Spiel setzt, ist auch an der EM eindeutig zu beobachten, Özil funktioniert einmal mehr nicht in der N11, kein Vergleich zu seinen starken Auftritten bei Arsenal in der abgelaufenen Saison, er antizipiert sehr gut die Grundstimmung im Spiel, wenn's nicht läuft, taucht er ab. Draxler hilft der N11 nicht weiter, er steht exemplarisch für die Beliebigkeit der deutschen Angriffsbemühungen. Poldi und Gomez von Anfang an bringen, Höwedes 'rausrotieren (oder auf die Linksverteidigerposition setzen wie in Brasilien, Hector wird massiv überschätzt), Emre Can auf rechts verteidigen lassen und vorallem Schweinsteiger für Khedira spätestens in Minute 60 bringen, das sollte der taktische Fahrplan für das so wichtige Nordirlandspiel sein. Last but not least: Es zahlt sich offenbar nicht aus, dass der Trainer die Finger "davon" lässt, lieber ein 3:0 mit Sackkraulen, als so eine blutleere Nullnummer unter dem Druck bestimmter Social Media-Moralapostel.
WKnödel 17.06.2016
3. Özil bashing
Na im ernst? Der ewige Sündenbock Özil, beim letzten Spiel eine Torvorlage, heute eine Riesenchance.. Babyface Götze verträgt wohl keine Kritik mehr?
eulenspiegel_der_narr 17.06.2016
4. Wir spielen mit einem Mann weniger
Seit den Tagen der EM 2012, als unser Bundesjogi taktisch die Europameisterschaft vergeigt hat, spielen wir de fakto mit einem Mann weniger. Damals war der Beste auf der 10er Position. Doch seither spielen wir ohne die wichtige 10. Unser Bundesjogi hat soviel Liebe zum 10er, obwohl dieser seit 4 Jahren nicht mehr stattfindet. Mit Ausnahme des Endspiels mussten wir immer 1 Person verkraften, die nicht mitgespielt hatte. Nach 2 Spielen der EM muss man konstanieren, dass dies so weitergeht. Heute klar zu erkennen; die 10er Position war nicht vorhanden und damit alle anderen Mitspieler in der Offensive sahen schlecht aus. Jogi lass dein Liebling auf der Bank!!! Danke
aurichter 17.06.2016
5. Die Polen
hochgelobt, das Team mt der gefährlichsten Offensive hat auf der ganzen Linie enttäuscht. Gefühlte 80% vom Spiel nur vor dem eigenen Strafraum, bei jedem Körperkontakt eine Schwalbe - hier Kuba und Krichowiak in südländischer Bodenrollmanier - und nach vorne nur Zufallsprodukte! Was meinte der Nawalka vor dem Spiel, wir können DE jederzeit schlagen. So? Kein Wunder also das mehr als schmeichelhafte Ergebnis gegen die Nordiren. Da wird Nawalka noch sehr viel ändern müssen, denn so wird Polen das AF kaum überstehen. Warum ein Ballack in den Staaten als angeblicher Experte fungiert ist doch jedem klar, da nimmt ihn keiner wahr und auf heimischer Bühne wollte kein Sender den "Nachtreter" haben.
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