DFB-Remis gegen Polen Angriff außer Dienst

Deutschland und Polen trennen sich ohne Tore. Die Ausgangsposition für die Löw-Elf hat sich dadurch zwar nicht verschlechtert. Aber der Weltmeister kommt noch nicht auf Touren.

Mats Hummels gegen Arkadiusz Milik
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Mats Hummels gegen Arkadiusz Milik

Aus Paris berichten und


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Es hätte schlimmer kommen können. Das zweite Spiel eines Turniers ist unter Joachim Löw fast immer die schwächste Partie einer deutschen Mannschaft gewesen. 2008 und 2010 gingen die Partien sogar verloren, insofern war das 0:0 im Stade de France gegen starke Polen kein Weltuntergang.

Der Bundestrainer schien so etwas geahnt zu haben. Löw tat nach dem Abpfiff wenig überrascht darüber, wie harmlos seine Mannschaft agiert hatte. Er habe immer gesagt, "wie schwer die Vorrunde sein wird, wenn die Gegner alles reinschmeißen und sich mit Händen und Füßen zur Wehr setzen".

Die Analyse des 56-Jährigen taugte zum Verständnis des Spiels allerdings nur bedingt. Denn die Polen waren wie schon die Ukrainer zuvor keineswegs nur aufs Toreverhindern aus. Das Team um Stürmerstar Robert Lewandowski hatte vor allem nach der Pause die klareren Torgelegenheiten. Glück und eine starke Innenverteidigung verhinderten eine deutsche Niederlage.

Hummels und Boateng harmonieren schon wieder

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Deutschland vs. Polen: Keine Tore im Stade de France

Wobei das Positivste des Abends schon genannt ist. Mats Hummels, genesen nach seinem Muskelfaserriss, und Jérôme Boateng bilden vielleicht das stärkste Abwehrduo dieser Europameisterschaft. Wie Hummels den gegnerischen Stürmer Arkadiusz Milik in der zweiten Hälfte einmal abblockte und ihm Boateng dies wenig später mit Lewandowski gleichtat, das war schon hohe Abwehrkunst. "Beide haben überragend gespielt", befand dann auch Löw. "Wir sind schon wieder ganz gut eingespielt", sagte Boateng über seinen künftigen Münchner Teamkollegen. Das ist eine ziemliche Untertreibung.

Ohnehin hatte die gesamte Mannschaft gegenüber dem Auftaktspiel defensiv erheblich zugelegt. Da aber auch die Polen gut verteidigten, entstand ein Spiel mit wenigen Höhepunkten und viel Mittelfeldfußball. "Wir haben vorn zu oft das Spiel verlangsamt, statt das Tempo zu erhöhen", so Löw. Das Angriffsspiel war kaum existent - "das können wir normalerweise besser", sagte der Bundestrainer und hoffte auf die K.-o.-Runde, wenn auch "die anderen Mannschaften mehr nach vorn machen müssen".

Das kann eine trügerische Hoffnung sein. Dass wenig lief im deutschen Spiel, lag kaum an der Spielweise des Gegners. Vielmehr suchen zu viele Stammkräfte der DFB-Elf noch nach ihrem Platz bei dieser EM. Thomas Müller und Mesut Özil sind bisher noch gar nicht aufgefallen, was vor allem zum Turnierspieler Müller eigentlich gar nicht passen will. Mario Götze und Julian Draxler laufen viel, aber genauso oft läuft das Spiel an ihnen vorbei.

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Deutschland in der Einzelkritik: Özil bleibt ohne Effekt

Benedikt Höwedes bleibt als Rechtsverteidiger eine Notlösung, weil er offensiv zu harmlos ist. Der rechte Flügel des deutschen Spiels ist praktisch außer Dienst. Alles läuft stattdessen über den bedauernswerten Jonas Hector, der dringend Entlastung bräuchte und dessen Hereingaben von der linken Seite in den Strafraum regelmäßig abgeblockt wurden.

Vom Titelfavoriten noch weit entfernt

Das sind zu viele Schwachpunkte, als dass man schon von Turnierform sprechen könne, geschweige denn davon, den großen Titelfavoriten schon erlebt zu haben. Löw beruhigt: "Das wird sich ändern", kündigte er mehrfach an. Schließlich habe man ja jetzt bis zum Dienstag, dem abschließenden Gruppenspiel gegen Nordirland, Zeit, noch einmal an Mechanismen zu arbeiten, Kombinationen zu üben, bei Standards noch etwas auszuprobieren. An all dem gibt es noch zu tun.

Auch andere vermeintliche große Teams, von Frankreich bis England, haben sich bisher schwergetan, und letztlich ist die Mannschaft mit vier Punkten nach zwei Partien im Soll. Aber ob die fehlende Durchschlagskraft im Angriff sich wie selbstverständlich noch einstellt oder ob damit nicht vielmehr ein grundsätzliches Problem dieser Mannschaft deutlich geworden ist - das ist derzeit noch unbeantwortet.

"Manuel Neuer hat keinen Ball halten müssen", hatte Löw als Lob seiner Defensive festgestellt. Das galt allerdings für dessen Gegenüber Lukasz Fabianski fast genauso. Insofern war das 0:0 auch das logische Resultat. Einen Sieg hätte diese deutsche Mannschaft auch nicht verdient gehabt.

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Deutschland - Polen 0:0

Deutschland: Neuer - Höwedes, Boateng, Hummels, Hector - Khedira, Kroos - Müller, Özil, Draxler (ab der 72. Minute Gomez) - Götze (ab der 66. Minute Schürrle
Polen: Fabianski - Piszczek, Glik, Pazdan, Jedrzejczyk - Krychowiak, Maczynski (ab der 76. Minute Jodlowiec) - Blaszczykowski (ab der 80. Minute Kapustka), Grosicki (ab der 87. Minute Peszko) - Milik, Lewandowski
Schiedsrichter: Björn Kuipers (Niederlande)
Zuschauer: 73.648
Gelbe Karten: Khedira, Özil, Boateng - Maczynski, Grosicki



insgesamt 168 Beiträge
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Seite 1
tschephu 17.06.2016
1. Es fehlt...
Herrn Löw anscheinend an Einsicht. Die Einwechslung von Schürrle sagt doch viel aus. Wenn dies die Wucht im Sturm verbessern soll und in der Bundesliga kein anderer (besserer) als der "alte" Gomez...zum Einsatz kommt,...na dann Gute nacht und Finale adieu....
zoon.politicon 17.06.2016
2. Wenigstens keine Verletzten
Hatte mir auch gewünscht dass die Deutschen gewinnen. Aber immerhin ist es zu keinen schwereren Verletzungen deutscher Spieler gekommen, ganz im Sinne von Löw, der bez. Vorrunde von einem "Abnützungskampf" gesprochen hat und sicher froh ist dass seine Spieler nicht zu Schaden gekommen sind. Denn, was wäre passiert, wenn die Deutschen, dazu früh, Tore geschossen hätten: Das Spiel wäre wesentlich härter geworden. Und, ich mag parteiisch sein, hatte aber den Eindruck, der Schiri hat so manches schwere Foul gegen unsere Stürmer nicht gegeben.
desitka 17.06.2016
3. Rückpasskönige
Nur der Kommentator des ZDF konnte dem Spiel unverständlicherweise etwas abgewinnen und war damit der Einzige, der noch schlechter war als der deutsche Angriff. Warum Götze, der im ersten Spiel bereits enttäuschte, von Anfang an spielen durfte, blieb ebenso rätselhaft, wie die Nichteinwechslung von Schweinsteiger.Auch Kedhira war ein Totalausfall. Insgesammt eine behäbige Spielweise mit viel zu vielen unnötigen weiteren Pässen anstatt selbst einmal abzuziehen. Eine Taktik, ein Konzept waren schlicht nicht erkennbar.Ein unterirdischer Auftritt der deutschen Mannschaft.
vegeta73 17.06.2016
4. Schwer getan?
bis heute hat sich Italien mit 2 zu Null nicht schwergetan. Wir werden heute sehen wie es dort weitergeht
prince62 17.06.2016
5. Löw hat vergessen richtige Stürmer mitzubringen.
Na ja, Müller völlig außer Form, Götze harmlos wie immer, Özil läuft irgendwo hin und her ohne jeglichen Sinn und Verstand und als dann nach 60 Minuten auch noch Schürle kam, war die 0 auf deutscher Seite gesichert. Bei der WM 2014 war die rechte Angriffsseite mit Lahm und Müller die gefährliche Seite, jetzt wird alles, aber auch wirklich alles über die linke Seite "verstolpert". Und wenn Özil in England lt. SPON die beste Saisonleistung abgeliefert hat, dann zeigt das nur wie erschreckend schwach das Niveau in der PL wirklich ist.
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