WM-Krimi gegen Schweden 1974 Der Regen, der den Weltmeister machte

Bei der WM 1974 traf das deutsche Team schon einmal in einem entscheidenden Spiel auf Schweden. Das Wetter war fürchterlich, aber in dieser Partie fand die Elf ihr Gesicht, um Weltmeister zu werden.

DPA

Aus Sotschi berichtet


Es täte möglicherweise ganz gut, wenn Joachim Löw in diesen Tagen seine Mannschaft zu einem Videoabend einladen würde. Vor dem so wichtigen Spiel gegen Schweden am Samstag (20 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE; TV: ARD) könnte er nach einem heißen Strandtag am Schwarzen Meer zur Abkühlung Bilder von einem kalten regnerischen Juniabend in Düsseldorf zeigen. Bilder, von denen auch Sami Khedira, Thomas Müller oder Joshua Kimmich noch etwas lernen könnten.

Auch damals am 30. Juni vor 44 Jahren spielte Deutschland bei einer WM gegen Schweden. Auch damals trat eine deutsche Mannschaft an, die sich immer noch nicht wirklich gefunden hatte. Es brauchte das Spiel gegen die Skandinavier, um sich wirklich in Weltmeisterform zu bringen. Diese Partie der Fußballweltmeisterschaft 1974 war ein Lehrbeispiel dafür, wie sich eine Mannschaft selbst aus dem Morast ziehen kann. Und das war wörtlich zu verstehen. Es wäre ein Schulbeispiel für den kommenden Samstag.

Düsseldorf, 16 Grad, Dauerregen. Man kann sich in allen Belangen Schöneres für einen Sommerabend vorstellen. Der WM-Sommer 74 war auch ein Schlechtwettersommer, und an diesem Abend, an dem Deutschland in der Zwischenrunde gegen Schweden antrat, war das Wetter besonders schlecht.

Regenwetter
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Es gab immer wieder Unruhe im Team

In der Rückschau erinnern sich die meisten Menschen an die Regenschlacht von Frankfurt, als der Ball sich im Spiel zwischen Deutschland und Polen mühsam von Pfütze zu Pfütze bewegte, weil ein Wolkenbruch vor der Partie den Platz in eine Seenplatte verwandelt hatte. Aber in Düsseldorf war es für die Spieler noch unangenehmer: Es regnete, nein, es strömte während des Spiels. Die langen Haare der Siebzigerjahre klebten den Nationalspielern im Gesicht. Die Mähnen von Paul Breitner und Uli Hoeneß hingen traurig nach unten, nach einer halben Stunde waren alle auf dem Platz komplett durchnässt.

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Regenspiel gegen Schweden bei der WM 1974: Nass, aber glücklich

Die Leistungen der DFB-Elf waren bis zu diesem Abend durchwachsen gewesen, nach dem Trauma des 0:1 gegen die DDR in Hamburg war es zuletzt mit einem 2:0 über Jugoslawien allerdings aufwärts gegangen. Bundestrainer Helmut Schön hatte die Mannschaft immer wieder umgestellt, es gab viel Unruhe in der Mannschaft, die Führungsspieler um Franz Beckenbauer hatten die Dinge nach dem DDR-Spiel mehr oder weniger selbst in die Hand genommen. Der Routinier Jürgen Grabowski fand sich zwischendurch sogar auf der Tribüne wieder, gegen die Schweden saß er zumindest auf der Bank, es spielte der Düsseldorfer Dieter Herzog, heute bei vielen außerhalb des Fortuna-Kosmos längst vergessen.

Auf der Gegenseite standen Spieler, die das Etikett Wikinger noch verdienten, eine aber nicht nur kampfstarke, sondern auch spielerisch extrem kreative Truppe. Der schnauzbärtige Torwart Ronnie Hellström, der in den kommenden 90 Minuten Heldentaten im Minutentakt vollbringen sollte, der vierschrötige Kapitän Bo Larsson, vorne Roland Sandberg, dem die blonden Haare hinterher wehten, und sein Sturmpartner Ralf Edström, der die imposantesten Koteletten des Turniers auftrug. Und der die Torfolge an diesem denkwürdigen Fußballabend eröffnete.

Ohne Schirm: Die schwedische Mannschaft
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Ohne Schirm: Die schwedische Mannschaft

Mit einem Volleyschuss von der Strafraumgrenze überraschte der Angreifer den deutschen Tormann Sepp Maier, der Ball hatte so viel Wucht, dass die Gischt des Tornetzes fast bis in die Fankurve spritzte. Edström, der danach ohne eine Miene zu verziehen, die Faust in die Höhe reckt: Das ist eines der Bilder der WM, die im Gedächtnis geblieben sind.

Mit Rückstand ging die DFB-Elf in die Pause. Sie hätte vor den Schweden gewarnt sein sollen. Kurz vor der WM war der Kinofilm "Fimpen der Knirps" in der ARD gezeigt worden, die rührselige Geschichte eines Dreikäsehochs, der so begabt ist, dass er mit der schwedischen Mannschaft mit zur WM fahren darf. Alle Nationalspieler der Tre Kroner spielten in dem Film mit, jeder Fernsehzuschauer in Deutschland wusste also, was sie so draufhaben.

Die Eintracht-Flügelzange

Nach dem Wechsel wurde es furios. Der Regen ließ nach, und die deutsche Mannschaft kam wild entschlossen aufs Feld zurück. Die fünf Minuten zwischen der 50. und der 55. Spielminute waren ein Feuerwerk, ZDF-Reporter Wolfram Esser kam mit den Torschreien nicht hinterher: 50. Minute 1:1 Wolfgang Overath, 51. Minute 2:1 Bernd Hölzenbein, ein Schuss, der vom rechten an den linken Torpfosten ging und dann hinter die Linie kullerte. 53. Minute 2:2 Roland Sandberg.

Das Spiel stand auf der Kippe, beide Teams stürmten auf den Führungstreffer, Hellström und Maier hatten ihre Hände überall, da fiel dem Bundestrainer ein, dass er ja noch Grabowski in der Hinterhand hatte, den besten Einwechselspieler der WM 1970. Der Frankfurter kam in der 66. Minute für Herzog ins Spiel, sein Vereinskollege Bernd Hölzenbein und er waren fortan die deutsche Flügelzange. Neun Minuten später machte Grabowski das 3:2. Uli Hoeneß sorgte in der Schlussminute mit einem Foulelfmeter für die Entscheidung.

Kein beneidenswerter Arbeiter: Der Kameramann
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Kein beneidenswerter Arbeiter: Der Kameramann

So wie sich die Mannschaft nach der Einwechslung Grabowskis aufstellte, so blieb sie auch im Endspiel später gegen die Niederlande. Im Regen von Düsseldorf entstand der Weltmeister.

Die Mannschaft hatte nach viel Hin und Her endlich ihr Gesicht gefunden, die Stabilität zwischen den unterschiedlichen Gruppen im Team, zwischen den Arrivierten wie Beckenbauer, Berti Vogts, Grabowski und Maier und den jüngeren Spielern Rainer Bonhof, Uli Hoeneß und Paul Breitner. Kommt einem das nicht bekannt vor?

Dauerregen ist in der Urlaubsregion Sotschi am Samstag allerdings so gut wie ausgeschlossen.



insgesamt 10 Beiträge
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treime 21.06.2018
1. Dauerregen mit Seenplatten...
... da würde heutzutage doch kein Spiel angepfiffen werden. Mit sowas kommen die sogenannten "Techniker" nicht mehr zurecht ;)
gagarin2006 21.06.2018
2. Katsche
Schwarzenbeck mit dem Finger im Hosenbund eines Schweden hinterherrennent , das Bild wird mir immer im Kopf bleiben. Ein großes Spiel.
Svenner80 21.06.2018
3. Anderer Fussball
Mal auf Schwedisch: https://www.youtube.com/watch?v=dzB7RlqwFHc Das war noch anderer Fußball damals. Die schnellen, technisch starken Leuten kamen mit einem Dribbling tatsächlich noch an 2-3 Verteidigern vorbei und hatten eine gute Chance. Auch eine eher reinlupfte Flanke fand immer mal wieder einen Abnehmer, der dann mit dem Ball sinnvolle Dinge anstellen konnte. Heute sind die Verteidiger viel zu gut geschult und zu schnell. Da geht ganz vieles gar nicht mehr. Das kann man natürlich niemandem vorwerfen, aber früher schien es vielfältiger. Naja, vielleicht täuscht der Eindruck auch - so dass heute Dinge möglich sind, die früher kaum einer probiert hat.
Proggy 21.06.2018
4. Andere Zeit
Egal, wie holzschnittartig der damalige Fußball war. Da standen noch Kämpfer mit Herz, Ehre und Stolz auf dem Rasen, bei denen widrige Platzverhältnisse, kein Grund zum Heulen und Jammern waren. Millionenschwere Pflegeserien-Legionäre und verhinderte Dressmen mit Gel-Friese, wären seinerzeit in der "Deutschen Nationalmannschaft" unvorstellbar gewesen.
pariah_aflame 21.06.2018
5. Sicher?
Zitat von ProggyEgal, wie holzschnittartig der damalige Fußball war. Da standen noch Kämpfer mit Herz, Ehre und Stolz auf dem Rasen, bei denen widrige Platzverhältnisse, kein Grund zum Heulen und Jammern waren. Millionenschwere Pflegeserien-Legionäre und verhinderte Dressmen mit Gel-Friese, wären seinerzeit in der "Deutschen Nationalmannschaft" unvorstellbar gewesen.
Sicher nicht die "Ehre" und der "Stolz", den Sie hier andeuten möchten. Paul Breitner hätte gewiss deutlich gesagt was er davon hält, wenn Spieler kritisiert werden, die nicht die Nationalhymne singen. Vielleicht hätte er diesen Kritikern sogar eins in die Fresse gegeben.
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