DFB-Abwehr vor dem Schweden-Spiel Warum Löw auf Dreierkette umstellen sollte

Die deutsche Defensivleistung im WM-Auftaktspiel war erschreckend. Vor allem bei Kontern der Mexikaner wirkte das DFB-Team anfällig. Die Lösung für das wichtige Spiel gegen Schweden könnte eine Dreierkette sein.

Jérôme Boateng (l.), Mats Hummels
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Jérôme Boateng (l.), Mats Hummels

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Als Sami Khedira beim deutschen WM-Auftaktspiel gegen Mexiko in der 35. Minute weit in der gegnerischen Hälfte den Ball verlor, lief auch anschließend eine ganze Menge schief: Rechtsverteidiger Joshua Kimmich war sehr weit aufgerückt und lief zu langsam zurück. Thomas Müller hatte sich in die Mitte geschoben und konnte nicht mehr für Kimmich absichern, auch Toni Kroos lief zu langsam zurück. Mats Hummels rückte zu früh heraus und sorgte für eine entscheidende Lücke. Und Mesut Özil, der als Absicherung diente, verlor den entscheidenden Zweikampf im Strafraum - fast ohne Gegenwehr.

Die Folge: Das 1:0 für Mexiko, der Endstand. Gegen Schweden droht am Samstag (20 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE; TV: ARD) nun schon das frühe Aus. Aber war es eine unglückliche Ansammlung mehrerer individueller Aussetzer, die zur ersten Niederlage im ersten Spiel führte? Mitnichten. Es war eine Fehlerkette, die taktisch zu erklären ist. Gleichzeitig gibt es eine Lösung für das Problem der DFB-Elf: Die Umstellung von einer Vierer- auf eine Dreierkette.

Die deutschen Probleme hingen vor allem mit der rechten Abwehrseite zusammen, der Seite von Joshua Kimmich. Über die Hälfte der Angriffe (52,8 Prozent) der Mittelamerikaner liefen über diesen Flügel, nicht einmal ein Viertel über links (22,7). Das lag auch daran, dass Deutschland mit Kimmich selbst vor allem über rechts angriff (51,4 Prozent der Angriffe) und deutlich weniger über links (24,6). Der Außenverteidiger der Bayern spielte weniger Außenverteidiger als Außenstürmer.

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Und während sich Kimmich weit in der gegnerischen Hälfte bewegte, fehlte wie auch beim Gegentor immer wieder die Absicherung, sei es durch Müller, durch Kroos oder durch Khedira. Bei mexikanischen Kontern entstand grundsätzlich Hektik auf dem Platz, fast Panik, die dann auch zu weiteren individuellen Fehlern wie der falschen Entscheidung Hummels' führte.

Kimmichs Stärke funktioniert nur mit Absicherung

Offensiv führte Kimmich seine Rolle auf der rechten Seite - bei aller berechtigten Kritik an seiner Defensivleistung - gut aus. Immer wieder war er es, der tief in der gegnerischen Hälfte für Unruhe sorgte und auch präzise und gefährliche Bälle in die Spitze spielte. Es ist eine der großen Stärken des Nachfolgers von Philipp Lahm. In der WM-Qualifikation bereitete er in zehn Partien neun Tore vor.

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Wenn sich das DFB-Team dieser Stärke nicht berauben und gleichzeitig nicht zu anfällig sein will, ist eine Dreierkette die optimale Lösung. Kimmich und der wahrscheinliche Linksaußen Jonas Hector würden auch dann gegen den Ball zu Außenverteidigern werden. Aber ein zusätzlicher Innenverteidiger würde von vornherein mehr Absicherung garantieren, gerade bei Gegenstößen. Kimmich hätte dann auch mehr Spielraum für seinen Drang nach vorn.

Die Rolle des zusätzlichen Innenverteidigers könnte Kimmichs Teamkollege Niklas Süle ausfüllen. Er würde auch mehr Geschwindigkeit als Hummels oder Jérôme Boateng mitbringen. Eine Eigenschaft, die ebenfalls bei schnellen Kontern helfen würde. Sollte sich Joachim Löw in der hintersten Reihe tatsächlich vor allem mehr Tempo wünschen, wäre allerdings der schnelle Antonio Rüdiger die noch bessere Wahl.

Der Bundestrainer hat in der Vergangenheit bereits häufiger eine Dreierkette aufs Feld geschickt. So gewann Deutschland auch den Confederations Cup - zugegeben mit einem stark veränderten Kader im Vergleich zum WM-Aufgebot. Aber auch in Stammbesetzung ließ Löw schon mit Dreierkette spielen, es wäre also keine Umstellung, die der Mannschaft unbekannt ist.

Auch Schweden greift über die Kimmich-Seite an

Offensiv spielte Löw in einer Formation mit Dreierkette entweder mit einer Doppelspitze und drei zentralen Mittelfeldspielern oder mit zwei Sechsern und zwei Offensiven, die den einzigen Angreifer unterstützen. Aufgrund des Überangebots im zentralen Mittelfeld würde es bei einer Dreierkette allerdings wohl eher auf die zweite Option hinauslaufen. Schon dann müsste ein Mittelfeldspieler geopfert werden.

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Aber gerade gegen Schweden könnte dies ein Opfer sein, das sich lohnt. Denn auch bei den Skandinaviern ist vor allem die linke Angriffsseite gefährlich. Im Mittelfeld spielt RB Leipzigs Emil Forsberg auf links, zweifellos der beste Spieler seines Teams. Unterstützt wird er von Ludwig Augustinsson (Werder Bremen). Auch dieser wagt sich gern bis zur gegnerischen Grundlinie vor, wie er beim Sieg gegen Südkorea gezeigt hat. So griff auch Schweden stärker über links (38,8 Prozent) als über rechts (31,4 Prozent) an. Forsberg gab die meisten Torschüsse ab (vier).

Und so wird es wieder vor allem auf die Kimmich-Seite ankommen, wenn es darum geht, sicher zu stehen und die eigenen Angriffe abzusichern. Laufbereitschaft, Tempo, Zweikampfverhalten - all das muss gegen Schweden besser werden. Vor allem aber könnte die Umstellung auf eine Dreierkette dabei helfen, entscheidende Fehlerketten wie gegen Mexiko zu verhindern.

insgesamt 77 Beiträge
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der Bulle 21.06.2018
1. Özil
hat beim Tor der Mexikaner keinen Zweikampf verloren. Er hat brav Spalier gestanden und die Arme gehoben wie beim Namenstanz in der Waldorf Schule. Bei einem Zweikampf setzt man den Gegenspieler körperlich und psychisch unter Druck. Nichts dergleichen ging von Özil aus. Mit so einem blutleeren gekkicke fliegt „die MANSCHAFT“ am Samstag aus dem Turnier. Daran vermag auch Quer Pass Toni oder die H - Milch Hupe Draxler nichts zu ändern! Los Wochos! Und wenn der Wind günstig steht und es ganz leise ist, hört man den Holländer hinter dem Deich lachen.....
Pressingopfer 21.06.2018
2. Özil
Wie ich Löw kenne, spielt dann Özil auf der 6. Wetten?
powerbernd 21.06.2018
3. Schmarrn
Ich erinnere mich an kein Spiel, in dem die Dreierkette gut funktioniert hätte, vielmehr nur an welche, wo es eine ziemliche Katastrophe war. Die Spieler spielen zu 99% und kennen daher nur die typische Viererkette.. Das System jetzt von heut auf morgen komplett umzustellen, ist m.M.n. nicht zielführend. Reus für Müller, von mir aus noch Gomez für Werner und den Spielern einfach mal Feuer unterm Hintern machen. Dann läuft es auch, als ob die Kaderqualität auf einmal nicht mehr vorhanden wäre..
markus.pfeiffer@gmx.com 21.06.2018
4. Kimmich auf die 6
Alternative: Kimmich statt Khedira auf die 6 und Ginter in die 4-er-Kette. Und Müller bitte raus oder statt Özil in die Mitte (und Özil raus). Außen Reuß und Brandt.
Frundsberg 21.06.2018
5. 4-1-4-1
Vorteil: Du fängst dir keine Tore Nachteil: Ermüdendes Spiel für den Zuschauer am Bildschirm. Fazit: Vorne machst Du immer wenigstens einen rein und das reicht bis zum Sieg im Finale!
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