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Deutschland ist Weltmeister: Das ging nur im Team

Aus Rio de Janeiro berichten und

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Dieser WM-Titel wurde nicht nur erspielt, sondern erkämpft: 113 Minuten lang Härte, Schweiß und Blut - und dann der erlösende Moment. Der deutsche Sieg ist ein Triumph des Teamgeists. Das ist der Höhepunkt der Ära Löw.

Der Thomas Müller. Wenn er nach Fußballspielen mit Journalisten spricht, bildet sich sofort eine Menschentraube um ihn, jeder hofft, einen der typischen Müllersprüche zu erlauschen. So auch in dieser Nacht. Als das Spiel vorbei war, diese Schlacht von Rio, war der bayerische Weltmeister ein gefragter Mann - und Müller sprach mit ungewöhnlich ruhiger Stimme über das, was er noch gar nicht realisiert hatte: diesen 1:0 (0:0)-Sieg gegen Argentinien. Deutschlands vierten WM-Titel.

Plötzlich Aufruhr, Stimmengewirr, "So ein Taaaag, so wunderschöööön wie heute", grölte jemand. Diese Jemands waren André Schürrle, Mesut Özil, Per Mertesacker, Erik Durm und Roman Weidenfeller, die sich angeführt von Manuel Neuer in einer Polonaise an der Presse vorbeischoben. "Die Nummer eins der Welt sind wir!", sangen sie, brüllten dazwischen immer wieder "Campeones!". Es war genug gesagt, mehr musste an diesem Abend niemand wissen. Müller brachte es müllerisch auf den Punkt: "Es ist unglaublich. Es wird dauern, bis wir das begreifen können. Jetzt müssen wir feiern!", und nutzte den Aufruhr seiner Polonaisekameraden, um unbemerkt in Richtung Bus zu entwischen.

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Deutschland gegen Argentinien: Götze schießt die DFB-Elf zum Titel
Unglaublich! Ein Traum! Das waren die meistgebrauchten Worte nach diesem Endspiel, das in Wahrheit sehr, sehr real gewesen war: ein harter Kampf, ein nerven- und kräftezehrendes Duell, aus dem 113 Minuten lang kein Sieger hervorging. Erst in der zweiten Hälfte der Verlängerung gelang dem in der 88. Minute eingewechselten Mario Götze der erlösende Treffer.

Zuvor hatten beide Teams sich zwar Chancen erarbeitet, diese aber allesamt vergeben. Sie spielten leidenschaftlich, machten aus Nervosität aber auch viele Fehler. So konzentrierte sich Argentinien zwar wie erwartet auf die Defensive, schaffte es aber häufiger als sonst, Starspieler Lionel Messi in Szene zu setzen. Auch Stürmer Gonzalo Higuaín kam mehrfach gefährlich vor Manuel Neuers Tor.

Auf der Gegenseite lief und kombinierte Deutschland mit großem Einsatz und hatte mehr Ballbesitz. So fiel zwar lange Zeit kein Tor. Trotzdem sahen die 74.000 Zuschauer im Maracanã-Stadion kein taktisches Ballgeschiebe, sondern ein temporeiches, ein würdiges WM-Finale.

Das an den Spielern nicht spurlos vorbeiging. Mats Hummels stakste hinterher mit hölzernen Beinen zum Mannschaftsbus, Bastian Schweinsteiger hatte sichtlich Mühe, nach dem Abpfiff die Stufen zum Siegerpodest hinaufzuhumpeln. Sein Fazit: "Das war heute ein riesiger Kampf, meine Beine sind im Arsch." So stand er da, in eine Deutschlandflagge gewickelt, Platzwunde unter dem rechten Auge, und blickte abgekämpft in die Nacht.

Bastian Schweinsteiger: "Ein riesiger Kampf" Zur Großansicht
AFP

Bastian Schweinsteiger: "Ein riesiger Kampf"

Mit dieser Wunde aus einem Zweikampf mit Argentiniens Sergio Agüero war Schweinsteiger zum personifizierten Symbol des Triumphs geworden: Die DFB-Elf war über ihre Schmerzgrenze hinausgegangen, sie hatte auch kurz vor dem drohenden Elfmeterschießen nicht aufgehört, auf die Entscheidung zu drängen.

"Man muss die beste Mannschaft haben"

"Unglaublich, was wir heute geleistet haben, die 120 Minuten, die wir als Mannschaft geackert haben", resümierte Kapitän Philipp Lahm. Es war der Grundtenor des deutschen Teams an diesem Abend: Über den gesamten Turnierverlauf konnte die Mannschaft nur deshalb so stark sein, weil immer wieder motivierte und gut vorbereitete Spieler von der Bank dazukamen. Und weil diejenigen, die keinen Einsatz bekamen, genauso mitfieberten wie die Elf auf dem Platz.

"Ob wir die besten Einzelspieler haben, ist vollkommen egal. Man muss die beste Mannschaft haben", sagte Lahm, und Neuer ergänzte: "Wir hatten alle einen unglaublichen Zusammenhalt: schon seit der Vorbereitung, als wir ein paar Rückschläge hatten und Spieler wie die Benders oder Marco Reus verloren haben - die aber auch Weltmeister sind." Was Neuer meinte, konnte man unmittelbar nach dem Abpfiff sehen: Der ehemalige Schalker Ultra hielt gemeinsam mit Kevin Großkreutz, dem BVB-Fanatiker, eine große Deutschland-Flagge vor den Fanblock. Die beiden einstigen Intimfeinde aus dem Ruhrpott tanzten und feierten gemeinsam den Weltmeistertitel. Vor fünf Wochen wäre das unvorstellbar gewesen.

Manuel Neuer: "Benders und Reus sind auch Weltmeister" Zur Großansicht
AFP

Manuel Neuer: "Benders und Reus sind auch Weltmeister"

Tatsächlich hatte man schon nach diesem so unglücklich scheinenden WM-Trainingslager in Südtirol das Gefühl gehabt, dass all der Ärger und die Verletzungen einiger Spieler das Mannschaftsgefüge nach innen stärkten. Dass sich im Vergleich zur wenig harmonischen Stimmung bei der EM 2012 wirklich ein Teamgeist entwickelte. Zwar gab Torschütze Götze zu, dass dieses Turnier in Brasilien für ihn nicht leicht gewesen sei - er fiel nach den ersten beiden Gruppenspielen aus Löws Stammelf -, doch im richtigen Moment konnte er seinen persönlichen Frust dem großen Ziel unterordnen. Das zählt.

Bezeichnend war für Wolfgang Niersbach an diesem Abend auch das Verhalten des wegen einer Wadenverletzung erst kurz vor Spielbeginn ausgefallenen Sami Khedira: "Unfassbar, wie er heute im Sekundärcoaching war", schwärmte der DFB-Präsident. Was übersetzt hieß: Khedira, der 20 Minuten vor dem Finale noch fest damit gerechnet hatte, auf dem Platz zu stehen, gab seinen kämpfenden Kollegen von der Bank aus lautstark und gestenreich Anweisungen. So schien es, als wäre er doch die ganze Zeit dabei gewesen.

Zur Autorin
Saima Altunkaya
Sara Peschke ist Redakteurin im Sportressort bei SPIEGEL ONLINE.

E-Mail: Sara_Peschke@spiegel.de

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Jeannette Corbeau
Rafael Buschmann ist Redakteur im Sportressort des SPIEGEL.

E-Mail: Rafael_Buschmann@spiegel.de

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 460 Beiträge
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1. Es ist so still....?
mcghee 14.07.2014
ja wo sind sie denn die Löw-Hasser? Dieser Stern wird euch für immer daran erinnern, wie unrecht ihr hattet.
2.
neejah 14.07.2014
Zitat von sysopGetty ImagesDieser WM-Titel wurde nicht nur erspielt, sondern erkämpft: 113 Minuten lang Härte, Schweiß und Blut - und dann der erlösende Moment. Der deutsche Sieg ist ein Triumph des Teamgeists. Das ist der Höhepunkt der Ära Löw. http://www.spiegel.de/sport/fussball/deutschland-weltmeister-gegen-argentinien-die-gruende-fuer-den-sieg-a-980838.html
Man hat gestern wieder gesehen, was für ein Format Messi besitzt... ein ganz schlechter Verlierer! Und warum bekommt der denn goldenen Ball? Das ist ja wohl ein Witz! Im ganzen Turnier gab es mit Sicherheit 5 Spieler, die diese Auszeichnung verdient hätten, und die deutsche NM ist dabei nicht einmal berücksichtigt... Außer Barca wieder mal nichts los bei Messi! Und damit wird er genau wie Ronaldo niemals in die A-Riege aufsteigen, Tore am Fließband hin oder her. Alles in allem eine unglaubliche Energieleistung unserer Mannschaft, in einem Spiel voller Schiedsrichterfehlentscheidungen und hinterhältigen argentinischen Attacken. Viele werden sagen "seis drum", mir haben diese Pfeifen jedoch die WM gehörig madig gemacht, und das nicht nur am gestrigen Abend! Endlich der 4. Stern! :)
3. Mann oh Mann
hutzelwutzel 14.07.2014
Zitat von sysopGetty ImagesDieser WM-Titel wurde nicht nur erspielt, sondern erkämpft: 113 Minuten lang Härte, Schweiß und Blut - und dann der erlösende Moment. Der deutsche Sieg ist ein Triumph des Teamgeists. Das ist der Höhepunkt der Ära Löw. http://www.spiegel.de/sport/fussball/deutschland-weltmeister-gegen-argentinien-die-gruende-fuer-den-sieg-a-980838.html
ihr habt uns vielleicht gestern abend Nerven gekostet. Mit was für einem versöhnlichen Ende. Jogis Gesicht seit Wochen wieder gelöst, entspannt und glücklich. Toll. Ganz, Ganz, Ganz grossen Glückwunsch an eine ganz tolle Mannschaft!
4. Begriff
diskretes Kontinuum 14.07.2014
Bitte begreifen Sie, dass "realisieren" nicht "begreifen" meint. Immerhin beherrschen wenigstens die Fußballer noch korrektes Deutsch.
5. nee
dadanchali 14.07.2014
Zitat von sysopGetty ImagesDieser WM-Titel wurde nicht nur erspielt, sondern erkämpft: 113 Minuten lang Härte, Schweiß und Blut - und dann der erlösende Moment. Der deutsche Sieg ist ein Triumph des Teamgeists. Das ist der Höhepunkt der Ära Löw. http://www.spiegel.de/sport/fussball/deutschland-weltmeister-gegen-argentinien-die-gruende-fuer-den-sieg-a-980838.html
Geht doch ;))) Glückwunsch für eine tolle Leistung. Mein Finale-Bild: Podolski Jr. spielt mit Papa im leeren Stadion Fußball. Dafür gibt es das Wort, dass die deutschen Fußballer neben aller Professionalität begleitete: sympathisch.
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