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Deutschlands Erfolg gegen Frankreich: Abschied vom Hurra-Stil

Aus Rio de Janeiro berichten und

DPA

Lieber 4:3 gewinnen statt 1:0? Das war einmal! Deutschlands Sieg gegen Frankreich hat gezeigt: Bundestrainer Löw ist Effizienz inzwischen wichtiger als Spektakel. Im Halbfinale gegen Brasilien hat seine Mannschaft nun einen entscheidenden Vorteil.

SPIEGEL ONLINE Fußball
Benedikt Höwedes trug weiße, geringelte Tennissocken, er stand in kurzer Hose und mit Sportschuhen im Ausgangsbereich des Maracanã-Stadions. Höwedes sprach über den anstrengenden Sieg gegen die Franzosen und sagte dann einen Satz, der untypischer für die deutsche Nationalmannschaft nicht sein könnte: "Die Offensive gewinnt Spiele, die Defensive Meisterschaften."

Höwedes brauchte zwei Anläufe, um den Satz in der richtigen Reihenfolge zu formulieren, er vertauschte Offensive und Defensive. Dass ein aktueller deutscher Nationalspieler mit diesem Spruch nicht vertraut ist, erscheint verständlich. In den vergangenen Jahren war diese Aussage für deutsche Fußballer ungefähr so schick wie derzeit schwarze Fußballschuhe. Die Defensive ist in der Ära von Bundestrainer Joachim Löw stets eher stiefmütterlich behandelt worden.

Löw gewann lieber 4:3 als 1:0. Fußball unter diesem Bundestrainer, der die Nationalmannschaft seit 2006 bei jedem Großturnier mindestens ins Halbfinale führte, war häufig eher auf Spektakel und Emotionen ausgelegt.

"Am wichtigsten ist, dass uns bewusst ist, wie man ein Ergebnis nach Hause bringt", sagte Thomas Müller nach dem Sieg gegen Frankreich. Siegtorschütze Mats Hummels merkte an: "Wir alle arbeiten in der Defensive sehr hart. Jeder hat mittlerweile verstanden, dass eine stabile Defensive nötig ist." Höwedes, Müller, Neuer - aber auch viele andere Spieler dieser Mannschaft, sagen immer wieder ein Wort: "Defensive". Als Abwandlung verwenden sie Begriffe wie "kompakt", "eng", "gut organisiert" oder "diszipliniert".

"Die Spieler wissen jetzt, worauf es ankommt"

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Deutschland besiegt Frankreich: Hummels trifft, Schürrle scheitert
Teammanager Oliver Bierhoff, auch bereits seit 2006 im DFB-Stab, zieht Parallelen zu den Turnieren von 2008, 2010 und 2012: "Die Mannschaft ist reifer geworden. Es gibt einige erfahrene Spieler, die wissen jetzt, worauf es ankommt." Der Manager schmunzelt darüber, dass dieses Löw-Team, dem ständig vorgeworfen wurde, es würde in Schönheit sterben und deshalb immer kurz vor den großen Triumphen scheitern, mittlerweile seine Spiele über Standardsituationen gewinnt. Hummels erzielte den Siegtreffer gegen Frankreich mit dem Kopf, nachdem Kroos ihm den Ball per Freistoß mustergültig serviert hatte. Es war Hummels zweiter Treffer, der zweite, der nach einer Standardsituation fiel.

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Deutschland in der Einzelkritik: Retter Neuer, Dirigent Schweinsteiger
"Die Spieler sind mittlerweile auch von diesen Dingen überzeugt, weil sie sehen, dass dadurch Tore fallen", sagt Bierhoff. Möglicherweise meinte er auch Löw damit. Denn dieser verzichtet eigentlich traditionell vor Turnieren auf das Einstudieren von Standards. Dieses Mal nicht. Im WM-Trainingslager in Südtirol wurde auch an den ruhenden Bällen gefeilt.

Diesmal ist Löw jedes Mittel recht

Abwehrarbeit mit vier Innenverteidigern, Standardsituationen, geduldiger Ergebnisfußball - man kann staunen über diese neue Haltung bei Deutschlands Elitefußballern. Es scheint, als sei diesmal jedes Mittel recht, um endlich die deutsche Sehnsucht nach einem Titel zu stillen.

Nun trifft die DFB-Elf im WM-Halbfinale auf den Gastgeber Brasilien, ein Team, das völlig anderen Fußball spielt: emotional, taktisch unwirsch, abhängig von Einzelkönnern. Die "Seleção", einst ein Hort überragender Individualisten, ist eher durch ihren Willen denn durch eine klare Struktur oder Idee ins Halbfinale gekommen. Spiele wie gegen Chile oder Kolumbien waren nicht wirklich von taktischen Raffinessen geprägt, eher von der Hoffnung auf Ausnahmeaktionen der herausragenden Spieler Neymar, Thiago Silva und David Luiz.

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Einzelkritik Brasilien: Hulk in Kampflaune, Luiz in Ekstase
Dass die beiden Erstgenannten nun verletzungsbedingt beziehungsweise aufgrund einer Sperre im Halbfinale gegen Deutschland fehlen werden, verringert die Leistungsstärke Brasiliens erheblich. Und das DFB-Team hat gegen Frankreich gezeigt: Es weiß, wie man gegen eine Mannschaft agiert, die das Spiel machen muss. Hummels und Co. haben sich gegen die "Equipe" tief in der eigenen Hälfte verschanzt und versucht, mit schnellen Kontern für Tore zu sorgen. Müller sagte, im Vergleich zu 2010 könne die aktuelle Mannschaft auch "flach, vertikal durch die Mitte oder mit langen Bällen oder über außen spielen".

Es ist das große Repertoire, das dieses Team auszumachen scheint. Und es hat noch einen Vorteil: Fünf Spieler aus dieser Mannschaft standen auch 2006 als WM-Gastgeber im Halbfinale dem Platz. Diese fünf Spieler (Lukas Podolski, Bastian Schweinsteiger, Per Mertesacker, Miroslav Klose und Philipp Lahm) wissen, wie sich der Druck anfühlt, unter dem die "Seleção" dann stehen wird. Ihre Erfahrung kann den Unterschied ausmachen.

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insgesamt 181 Beiträge
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1. Waer doch ein 3:0
c218605 05.07.2014
Zitat von sysopDPALieber 4:3 gewinnen statt 1:0? Das war einmal! Deutschlands Sieg gegen Frankreich hat gezeigt: Bundestrainer Löw ist Effizienz inzwischen wichtiger als Spektakel. Im Halbfinale gegen Brasilien hat seine Mannschaft nun einen entscheidenden Vorteil. http://www.spiegel.de/sport/fussball/deutschlands-1-0-gegen-frankreich-loew-will-effizienz-statt-spektakel-a-979354.html
wenn Schürrle nicht so unfaehig waere selbst klarste chancen, wie schon zuvor gegen Algerien vor dem 2:0, zu verwerten. wenn diese grosszuegigkeit von ihm mal gut geht...
2. Welches Spiel
Kottan 05.07.2014
"Hummels und Co. haben sich gegen die "Équipe" tief in der eigenen Hälfte verschanzt und versucht, mit schnellen Kontern für Tore zu sorgen." Klingt spannend, das Spiel hätte ich gerne gesehen. Aber ich hab gestern Frankreich vs Deutschland geschaut, es endete 0:1.
3.
Karbonator 05.07.2014
Zitat von sysopDPALieber 4:3 gewinnen statt 1:0? Das war einmal! Deutschlands Sieg gegen Frankreich hat gezeigt: Bundestrainer Löw ist Effizienz inzwischen wichtiger als Spektakel. Im Halbfinale gegen Brasilien hat seine Mannschaft nun einen entscheidenden Vorteil. http://www.spiegel.de/sport/fussball/deutschlands-1-0-gegen-frankreich-loew-will-effizienz-statt-spektakel-a-979354.html
Leider Gottes ist Bierhoff auch bereits seit 2004 mit an Bord. Im VF gestern hat Brasilien vor allem gut bis sehr gut verteidigt... insofern finde ich die Analyse doch nicht ganz so nachvollziehbar. Aber das dürfte dem großen Bedarf an Artikeln geschuldet sein, die während der WM ja unbedingt geschrieben werden müssen. Da werden dann Aspekte betrachtet, die es gar nicht gibt.
4.
WhereIsMyMoney 05.07.2014
Es ist nun mal so, kein Land kann der eigenen Mentalität entfliehen. Wir sind nun mal diejenigen mit der Effizienz. Dafür muss man sich nicht schämen, solnage wir in jedem Spiel die bessere Mannschaft sind und nicht durch Glück gewinnen so wie bei der WM2002.
5. freue mich für Jogi Löw
willibenning 05.07.2014
Jogi Löw hat alles richtig gemacht,trotz der fatalen Kritik nachdem Algerienspiel. Andere Mannschaften sind froh,wenn sie lfd. gewinnen,bei uns ist man sehr kritisch,wie man gewinnt. Gegen Frankreich hatte ich nie das Gefühl,dass unsere Mannschaft verlieren könnte. Wie Jogi die Mannschaft eingestellt hat,war super und unsere Mannschaft hat auch bärenstark gegen einen starken Gegner gespielt. Daher herzlichen Glückwunsch zu dem tollen Sieg an unsere Elf. Auch die Sachlichkeit von Jogi Löw nach den Spielen und vor den Spielen imponiert! WEITER SO !!
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1978 Argentinien Argentinien
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