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02. Juni 2012, 20:08 Uhr

DFB-Gegner Dänemark

Viele Probleme, wenig Zeit

Von Steffen Müller

Deutschlands Gruppengegner Dänemark will bei der Europameisterschaft in Polen und der Ukraine für eine Überraschung sorgen. Doch Trainer Morten Olsen plagen eine Woche vor Turnierbeginn defensiv wie offensiv große Sorgen. Die einzige Hoffnung: Ein schüchterner 20-Jähriger.

Zehn Tage Vorbereitung, der EM-Titel als Ergebnis: So lief es 1992, als Dänemark sensationell Fußball-Europameister wurde. Daher müssten die Skandinavier beim anstehenden Turnier in Polen und der Ukraine zum Kreis der Favoriten zählen. Schließlich hatte Trainer Morten Olsen gleich drei Wochen zur Verfügung, um mit seinem Team zu arbeiten.

Doch trotz der längeren Vorbereitung deutet derzeit nichts darauf hin, dass Dänemark das Wunder von vor 20 Jahren wiederholen könnte. In sämtlichen Mannschaftsteilen hat das Olsen-Team Nachholbedarf, wie unter anderem bei der 1:3-Niederlage im Testspiel gegen Brasilien deutlich wurde. Zwar gewann Dänemark seine EM-Generalprobe am Samstag durch Tore von Daniel Agger und Andreas Bjelland 2:0 - allerdings hieß der Gegner Australien.

Grundsätzlich für die Mannschaft spricht: Sie ist fähig, mit ihrem schnellen Spiel jede Abwehr in Bedrängnis zu bringen und sich Chancen herauszuarbeiten. Nur: Diese Möglichkeiten werden in steter Regelmäßigkeit vergeben.

Olsen stehen mit Nicklas Bendtner, Dennis Rommedahl und Christian Eriksen nur drei Offensivspieler von internationalem Format zur Verfügung. Zu wenig, um bei einem so hochkarätig besetzten Turnier wie die EM zu bestehen. In der Qualifikation schoss die Mannschaft in acht Spielen nur 15 Treffer - und das bei Gegnern wie Zypern oder Island. Portugal traf alleine in den vier Spielen gegen diese beiden Nationen 16 Mal. Daher sagt auch Mittelfeldspieler William Kvist vom VfB Stuttgart: "Wenn Rommedahl ausfällt, wird es schwierig."

Eriksen hat das Potential zum Weltklasse-Spieler

Die Hoffnungen ruhen auf Spielmacher Eriksen. Der 20-Jährige gilt als großes Talent und wurde zuletzt zwei Mal in Folge mit Ajax Amsterdam niederländischer Meister. In der abgelaufenen Saison erzielte er sieben Tore und gab 18 Vorlagen. Zahlreiche europäische Top-Vereine sollen an ihm interessiert sein. "Eriksen hat das Potential ein Weltklasse-Spieler zu werden", sagt sein Mannschaftskollege Agger. Bis dahin ist es aber noch ein weiter Weg. "Es würde ihm nicht schaden, dominanter und aggressiver zu werden", so Agger.

Waren die Probleme in der Offensive schon länger bekannt, so patzte gegen Brasilien auch das eigentliche Prunkstück der Dänen, die Defensive. Drei individuelle Abwehrfehler führten zu Treffern der Brasilianer. Dennoch macht sich Olsen über seine Verteidigung noch die wenigsten Sorgen. "Das sind Aussetzer, die wir eigentlich nicht haben. Ich hoffe, dass das mit den individuellen Fehlern nun vorbei ist."

Die Qualifikation für das Turnier bestätigt den Coach. Dank einer kompakten Abwehr ließ Gruppensieger Dänemark Portugal und die norwegische Auswahl hinter sich und kassierte in acht Spielen nur sechs Gegentore. Ein Garant für diese Defensivstärke war auch Torwart Thomas Sörensen. Auf den muss Olsen bei der EM allerdings verzichten, weil sich der Keeper gegen Brasilien eine Rückenverletzung zuzog.

Eine Schlüsselrolle im Turnier fällt dem Stuttgarter Kvist zu. Der 27-Jährige ist Führungsspieler und auf dem Spielfeld der verlängerte Arm von Olsen. Kvist akzeptiert Dänemarks Rolle als Außenseiter, rechnet sich aber dennoch Chancen auf das Erreichen des Viertelfinals aus. Das Ziel sei, gegen drei "Weltklasse-Mannschaften" drei gute Spiele zu bestreiten und für eine Überraschung zu sorgen. "Gegen Deutschland und die Niederlande können wir einen Punkt holen. Dass wir gegen Portugal gewinnen können, haben wir bereits gezeigt."

Nur: In der aktuellen Verfassung wird es für Dänemark schwierig, Erfolge zu feiern. Das weiß auch Trainer Olsen, der sagt: "Es gibt viel zu verbessern. Wir müssen schneller spielen und jeder muss sich steigern." Allerdings läuft ihm die Zeit davon, um die Defizite aufzuarbeiten. Vielleicht sind drei Wochen Vorbereitung doch zu wenig Zeit für ein zweites Wunder.

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