DFB-Niederlage gegen Mexiko Ausgekontert

Der Weltmeister startet mit einer Niederlage ins Turnier, Trainer und Mannschaft wirken davon völlig überrumpelt. Gegen Schweden geht es jetzt schon ums sportliche Überleben.

Jérôme Boateng
AFP

Jérôme Boateng

Aus Moskau berichtet


Zwischen Bundestrainer Joachim Löw und Bundeskanzlerin Angela Merkel sind oft Parallelen gezogen worden. Am Ende dieses aus deutscher Sicht so missratenen Abends setzte Löw in dieser Hinsicht noch einen drauf.

Er beendete die Pressekonferenz nach der 0:1-Auftaktniederlage gegen Mexiko mit einem Satz, der bewusst oder unbewusst sehr stark an Merkels berühmtestes Statement erinnerte: "Wir werden das schaffen."

Leichte Zweifel sind allerdings erlaubt, wenn man die Leistung seines Teams gegen die Mexikaner Revue passieren lässt. Der Weltmeister wirkte zeitweilig, als wollte er den statistischen Titelverteidiger-Fluch der vergangenen Turniere partout fortsetzen.

Die Mannschaft wirkte kraftlos, vor allem aber ideenfrei. In der zweiten Hälfte, als sich der Gegner komplett zurückgezogen hatte, wurde zwar vor dem mexikanischen Strafraum hin- und herkombiniert, aber das meiste versandete im Nichts. Löw sagte: "Das war so nicht geplant." Das zumindest möchte man ihm sofort glauben.

Mexiko hat seinen Plan vollständig durchgesetzt

Beim Gegner dagegen war der Plan vollständig aufgegangen. "Wir hatten diesen Plan seit sechs Monaten im Kopf", sagte Coach Juan Carlos Osorio. Das Konzept, mit den schnellen Flügelspielern die deutsche Abwehr zu überlaufen und schnelle Konter zu setzen, ging gerade in der ersten Hälfte vollständig auf. Der Rest war das Verteidigen der Führung mit Mann und Maus.

Das deutsche Team wirkte von dieser Taktik überrascht. "So wie heute haben wir die Mexikaner bei keinem Spiel gesehen", sagte DFB-Manager Oliver Bierhoff, und auch Thomas Müller sagte, man habe "die Mexikaner etwas anders erwartet". Die Kontertaktik habe man so nicht vorhergesehen.

Fotostrecke

13  Bilder
DFB-Pleite gegen Mexiko: Der entzauberte Weltmeister

Am Ende hatte der Bundestrainer fünf Angreifer auf dem Platz, aber das, was deutsche Teams dem Klischee nach auszeichnet, fehlte beinahe vollständig: die Durchschlagskraft. Erst ganz spät im Spiel, als die Mexikaner am Ende ihrer Kraft waren, ergaben sich zwei gute Torgelegenheiten. Das war reichlich wenig. Zu wenig an diesem Abend.

"Wir hatten gerade in der ersten Hälfte wahnsinnig viele Ballverluste, mussten daher lange Wege gehen, haben in der Vorwärtsbewegung viele Fehler gemacht", sagte Löw bei der anschließenden Analyse - und es klang wie eine Wiederholung seiner Mängelbeschreibung aus den vergangenen Testspielen. "Die Balance stimmt schon seit mehreren Spielen nicht", sagte auch Außenverteidiger Joshua Kimmich. Warum sein Team sich immer wieder diese Ballverluste erlaube, eine aber ansonsten doch so ballsichere Mannschaft sei, wurde Löw gefragt. Er konnte die Frage nicht wirklich beantworten.

Kein Mannschaftsteil hat überzeugt

"Wir müssen alle jetzt wieder aufstehen und unsere Lehren daraus ziehen", bewegte sich der Coach am Rand der Durchhalteparole. Egal, welchen Mannschaftsteil man herausgriff - am Sonntag brachte fast niemand seine gewohnte Leistung. Thomas Müller hing in der Offensive durch, Sami Khedira fand keine Struktur und wurde früh ausgewechselt, selbst Mats Hummels und Jérôme Boateng, ansonsten ein Synonym für Verlass, fanden keine Sicherheit.

Fotostrecke

14  Bilder
Deutschland in der Einzelkritik: Kimmich ist noch kein Lahm

Immerhin konnte man nach den Aufregungen der Vorwochen festhalten: An Mesut Özil lag es zumindest nicht. Der Mittelfeldspieler war noch der bemühteste in der Mannschaft, schleppte zahlreiche Bälle von hinten nach vorne. Dass er beim Gegentor als Innenverteidiger aushelfen musste, sprach eher gegen seine Teamkollegen.

Wenn man die beiden Teams an diesem Abend mit Etiketten aus der Mottenkiste des Reportersprechs bedenken wollte, dann spielten die Mexikaner aufopferungsvoll, die Deutschen dagegen eher pomadig. Und hätte der Gegner seine Konter teilweise nicht so schlampig ausgespielt, wäre die Niederlage noch höher ausgefallen. Der Bundestrainer sagte zwar, seine Elf habe in der zweiten Hälfte "alles nach vorn geworfen", aber es fehlte der Mannschaft das innere Feuer. Zeitweilig wirkte sie tatsächlich so, wie man es Titelverteidigern zuschreibt: müde. Und das im ersten Spiel.

Am Samstag gegen Schweden in Sotschi geht es jetzt schon ums sportliche Überleben. Löw kündigte bereits an, dass er "jetzt nicht alles über den Haufen schmeißen" werde: "So was machen wir schon mal gar nicht. Wir halten an unserer Linie fest." Es werde allerdings "Korrekturen" geben, und das kann auch personelle Änderungen bedeuten. Spieler wie Khedira oder Draxler dürften um ihre Startelfplätze bangen.

Ob er denn jetzt fürchte, als möglicher Gruppenzweiter im Achtelfinale schon auf Brasilien zu treffen, wurde Löw von einem Journalisten gefragt. "Über das Achtelfinale mache ich mir noch überhaupt keine Gedanken," sagte der Bundestrainer. Das ist nach diesem Abend sehr vernünftig.

Deutschland - Mexiko 0:1 (0:1)
0:1 Lozano (35.)
Deutschland: Neuer - Kimmich, Boateng, Hummels, Plattenhardt (79. Gomez) - Khedira (60. Reus), Kroos - Müller, Özil, Draxler - Werner (86. Brandt)
Mexiko: Ochoa - Salcedo, Ayala, Moreno, Gallardo - Herrera, Guardado (74. Márquez) - Layun, Vela (58. Álvarez), Lozano (66. Jiménez) - Hernández
Schiedsrichter: Faghani (Iran)
Gelbe Karten: Müller, Hummels / Moreno, Herrera
Zuschauer: 78.000



insgesamt 60 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
jens1808 17.06.2018
1. Özil der Bemühteste???
Özil noch der Bemühteste? Was für ein Spiel hat Hr. Ahrens denn gesehen? Wenn überhaupt dann noch eher Reus der zumindest Schwung reingebracht hat nach seiner Auswechslung...warum Özil statt Reus angefangen hat weiss wohl nur der Bundesjogi selbst...
muensterneu 17.06.2018
2. mein Fazit....
Ich sehe es so: Eine ( was menschlich verständlich ist ) auf vielen Positionen noch mit ehemaligen Weltmeistern besetzte Mannschaft , ergänzt um einen völlig überschätzten Draxler, einen viel zu spät ins Spiel kommenden M. Reus , wird gecoacht von einem völlig von sich überzeugten ( Weltmeister )- Trainer , der auch nicht den Willen hat, noch weniger willens ist neue Systeme zu entwickeln. Am Ende statischer Fussball, Überheblichkeit und die Ignoranz des Trainers, das manche 14`er Gewinner längst hüftssteif und überfordert sind ( Kroos, Hummels, Boateng ). Das Problem: die Verdienten. Angefangen vom Manager über den Trainerstab; die weltmeisterlichen Spieler. Da hält man zusammen und befördert saturiert nicht die Entwicklung. Meine Idealvorstellung wäre , sie mit allen Ehren nach einem Titelgewinn zu verabschieden. Woher soll denn der Wille und die Kreativität kommen aus solch einer Situation etwas Neues zu entwickeln? Ich weis, das ich Recht habe. Ich weis aber auch, das das Utopie ist.
freizeitverkaeufer 17.06.2018
3. Sehr treffende Analyse. ..
...nach dem Titel ist Löw vollends abgehoben : Die Liste seiner Fehlleistungen ist übrigens lang. Bei jeder WM seit 2006 hat er schwerwiegende Fehler gemacht. 2006 und 2010 haben sein taktischen und personellen Fehlentscheidungen die WM gekostet. 2014 hat Hansi Flick das Schlimmste verhindert. 2018? Götze bleibt zu Hause, Sane bleibt zu Hause, Erdogan fährt zumindest gefühlt mit zur WM. Die heutige Aufstellung und seine Spieleraufstellung lassen ein Ausscheiden in der Vorrunde befürchten.
nixkapital 17.06.2018
4. ...
...war das wirklich so überraschend? Wie bereitet man sich auf eine Begegnung mit dem amtierenden Weltmeister vor? Indem man seine Spiele noch und nöcher analysiert. Und da das System sich nicht groß geändert hat, war Mexiko bestens vorbereitet und hat die deutsche Mannschaft komplett vorgeführt. Selbst wenn das Spiel der Mexikaner überraschend kam, fehlte bei den Deutschen die Abstimmung im Mittelfeld und vor allen Dingen die Unterstützung der Abwehr durch die Mittelfeldspieler. Und immer wieder haben sich die hochaufgerückten Verteidiger durch die schnellen Angreifer überrumpeln lassen. Schnelles Lernen aus der Situation war beim deutschen Team heute nun wirklich nicht gegeben. Dass es am Ende nur 0:1 stand, war da die eigentliche Überraschung. Vielleicht hat sich das System Löw aber auch einfach überholt.....
marius_k 17.06.2018
5.
Erschreckend neben der Leistung des Teams ist, dass es Löw offenbar zur Halbzeit nicht gelungen ist, die richtigen Schlüsse zu ziehen und Veränderungen am System vorzunehmen, wenn er schon so überrascht vom Auftreten der Mexikaner war. Warum Reus nicht schon zur Halbzeit kommt, warum Draxler, der permanent das Tempo verschleppt, um einen seiner Übersteiger zu vollführen, überhaupt spielt und warum er nicht, einen zweiten spielstarken Sechser bringt, um Kross zu entlasten, wird wohl Jogis Geheimnis bleiben.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.