Von Mike Glindmeier
Jogi Löw hat gut Lachen. "Ich möchte dieses Ergebnis nicht überbewerten", so der Bundestrainer. Die Kamera schwenkt noch einmal auf den Rasen, wo ein verzweifelter Franck Ribéry um Fassung ringt. Was war passiert an diesem 29. Februar 2012? Die DFB-Elf hatte zu einem Testspiel ins Bremer Weserstadion geladen und dabei die Franzosen filetiert. 5:1 hieß es am Ende und spätestens jetzt war klar: Deutschland ist der Top-Favorit auf den EM-Titel.
Da hilft auch Cristiano Ronaldos Gestänker vor dem EM-Auftaktspiel gegen die Löw-Elf am 9. Juni in Lemberg nichts. "Deutschland muss gegen den zweit- und drittbesten Spieler der Welt bestehen", kündigt der Real-Star an, "also gegen mich." Mesut Özil hält auf der DFB-Pressekonferenz in fließendem Spanisch dagegen: "Un Ronaldrina no hace el verano", was soviel heißt wie "ein Ronaldo macht noch keinen Sommer". Deutschland siegt dank Treffern von Özil und Sami Khedira am Ende 2:0 und zeigt sich bestens gerüstet für das Spitzenspiel der Gruppe gegen die Niederländer.
Die haben im ersten Spiel gegen Dänemark nicht nur arge Probleme mit dem "unbequemsten Gruppengegner" (Löw), sondern auch schlimmes Verletzungspech. Arjen Robben zieht sich beim ersten Sprint eine Zerrung des Schambeins zu, Torschütze Rafael van der Vaart erleidet beim Jubel über seinen späten Siegtreffer einen Hexenschuss. Einen Tag später suspendiert Bondscoach Bert van Marwijk mit Ryan Babel eine weitere Offensivkraft, weil dieser zu spät zum Auslaufen gekommen war.
Nation in Sorge um Kloses Knöchel
Dementsprechend dezimiert präsentiert sich die niederländische Offensive im zweiten Gruppenspiel am 13. Juni in Charkow. Miroslav Klose bringt Deutschland nach einer Viertelstunde in Führung und hat kurz vor der Pause bei einem Konter das 2:0 auf dem Fuß. Nigel de Jong stoppt den Stürmer allerdings kurz vor der Strafraumgrenze mit einer Blutgrätsche. Klose muss mit einer Knöchelverletzung ausgewechselt werden, de Jong mit Rot vom Feld. "Aus der Ferne ist das schwer zu sagen, aber ich denke, für Miro ist das Turnier gelaufen", unkt TV- und Knöchelexperte Michael Ballack vor Millionen geschockter Zuschauer in der Halbzeit.
Den zweiten Durchgang dominieren elf Deutsche gegen zehn Niederländer, doch in der Nachspielzeit passiert es. Nach einem bösen Stellungsfehler von Per Mertesacker trifft dessen Londoner Teamkollege Robin van Persie zum späten Ausgleich. "Dieser Rückschlag kommt genau zur richtigen Zeit", grinst Teammanager Oliver Bierhoff in die Kamera. Ob er wirklich Recht behält?
Im abschließenden Gruppenspiel gegen Dänemark, das Portugal 3:0 bezwungen hat, reicht Deutschland ein Unentschieden zum Weiterkommen. "Wir wollen den Gruppensieg", gibt Löw die Devise aus. Der Bundestrainer will damit unbedingt ein Aufeinandertreffen mit Gastgeber Polen verhindern, der die Gruppe A überraschend anführt. Seine Mannschaft versteht die Botschaft. Deutschland gewinnt 3:0 durch einen lupenreinen Hattrick von Mario Gomez, der den verletzten Klose vertritt. Morten Olsen erklärt mit dem Schlusspfiff seinen Rücktritt und verkündet, dass er ab sofort das Jugendleistungszentrum des HSV leiten wird.
Capelllo: "Werden kein spezielles Elfmeterschusstraining absolvieren"
Somit trifft Deutschland im Viertelfinale auf den Zweiten der Gruppe A: Russland; während es die Niederlande mit Polen zu tun bekommen. Rechtzeitig zur K.o.-Runde ist auch Klose wieder fit, der einen Treffer zum 3:1-Sieg gegen die Russen beisteuert. Das Spiel wird zur absoluten Götze-Gala: Der (Noch-)Dortmunder erzielt zwei Tore und bereitet Kloses Treffer vor. "Vielleicht bin ich doch nur der dritt- und viertbeste Spieler der Welt", so Cristiano Ronaldo kleinlaut nach der Partie.
Im Halbfinale kommt es zum Klassiker zwischen Deutschland und England. "Wir werden kein spezielles Elfmeterschusstraining absolvieren, weil ich nicht denke, dass es ein Elfmeterschießen geben wird", so England-Coach Fabio Capello vor dem Spiel. Und "Bernd das Brot" - wie Capello von der "Bild"-Zeitung in der üblichen Medienschlacht vor dem Duell der Giganten genannt wird - sollte mal wieder recht behalten.
Deutschland gewinnt in der regulären Spielzeit knapp aber verdient 2:1. "Den Kopfball erwisch' ich natürlich im richtigen Moment, aber die Flanke von Mario Götze war auch sensationell", freut sich Siegtorschütze Mertesacker. "Hallo Spanien, habt Ihr das gesehen", singen die knapp 20.000 deutschen Fans nach dem Triumph. Der Titelverteidiger war bereits am Vortag durch ein hart erkämpftes 1:0 über die Niederlande ins Endspiel eingezogen.
Triumph der Super Marios
Das Finale von Kiew wird in die Geschichte eingehen. Löw überrascht bei der Aufstellung nicht nur alle Experten, sondern auch sein eigenes Team. Vor Manuel Neuer hat der Bundestrainer eine Dreier-Abwehrkette, bestehend aus Jérome Boateng, Holger Badstuber und Philipp Lahm gestellt. "Kreativ-Quintett im Mittelfeld lautet der Matchplan", grinst Bierhoff kurz vor dem Anpfiff in die Kamera.
Und tatsächlich: Sami Khedira, Bastian Schweinsteiger, Mario Götze, Mesut Özil und Marco Reus spielen sich in einen Rausch. Die beiden schnellen Gegentore durch David Villa sind ebenso schnell durch die "Super Marios" ("Bild") Götze und Gomez ausgeglichen, so dass es mit einem 2:2 in die Kabine geht. Auch die zweite Hälfte bietet Fußball für Feinschmecker, doch ein Tor will einfach nicht fallen. Also geht es in die Verlängerung. "Schade, dass es kein Golden Goal gibt, sonst würde ich mich warmlaufen", grinst Bierhoff in die Kamera.
Beide Mannschaften suchen auch in den verbleibenden 20 Minuten den offenen Schlagabtausch. Dann die 117. Minute, Freistoß Deutschland von halblinks. Özil schnappt sich den Ball und tritt ihn flach in den Strafraum. Kurz vor der Linie hält Klose seinen Fuß in den Strahl, Carles Puyol hatte ihn für eine Nanosekunde aus den Augen gelassen. Von Kloses Knöchel prallt der Ball unhaltbar für Iker Casillas ins Tor der Spanier.
Deutschland ist Europameister.
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