DFB-Ärger über Undiano Risikospiel gegen Schiri Farbenfroh

Er ist der Buhmann nach dem Serbien-Flop: Nationalspieler und Fans schimpfen auf Alberto Undiano - Bastian Schweinsteiger erklärte den Schiri gar zum Hauptschuldigen für die Niederlage. Aber hat der Spanier das DFB-Team wirklich verpfiffen? Oder waren die Deutschen einfach schlecht vorbereitet?

AP

Aus Pretoria berichtet


Alberto Undiano kennt die Antworten auf alle Fragen. Warum er acht Gelbe Karten in einem Spiel zeigte, das mit 26 Fouls nicht hart war oder unfair. Warum er Miroslav Klose schon in der ersten Halbzeit vom Platz stellte, anstatt ihn ein letztes Mal zu ermahnen. Warum er offenbar das Maß verlor, und das ausgerechnet in einem WM-Spiel, in dem die Anspannung für die Spieler zigmal größer ist als in einer Liga-Partie.

Oder ob er sogar alles richtig gemacht hat.

Aber Alberto Undiano Mallenco darf die Fragen nicht beantworten, denn man darf ihm keine Fragen stellen. Die Schiedsrichter bei dieser WM sind vom Weltverband Fifa zum Schweigen verdammt worden, "alle Interviews mussten bis zur Abreise abgeschlossen sein", berichtet der einzige deutsche Referee in Südafrika, Wolfgang Stark, "ab der Ankunft haben wir keine Genehmigung mehr dafür". Und so ist das erste Spiel, das Undiano bei dieser WM gepfiffen hat, für den Spanier gleich in doppelter Hinsicht zu einem Problem geworden: Er wird von allen Seiten mit Schmutz beworfen und kann sich nicht mal wehren.

In sozialen Netzwerken wie Facebook musste sich Undiano auf übelste Weise beschimpfen lassen, auch über Twitter kamen Beleidigungen. Und als wenn das nicht schon genug wäre, meldeten sich auch noch Schiedsrichterkollegen aus dem deutschsprachigen Raum zu Wort. "Der Schiri hat in diesem Fall nicht die richtige Linie gefunden", sagte der Schweizer Urs Meier. Und der Bundesliga-Referee Knut Kircher wurde noch deutlicher: "Für mich war er ein Kartenspieler ohne Persönlichkeit. Er machte einen hilflosen Eindruck."

Schiedsrichter für Schweinsteiger der Hauptschuldige

Miroslav Klose, von Undiano schon in der 37. Minute nach einem Zweikampf im Mittelfeld vom Platz gestellt, bezeichnete die Gelb-Rote Karte als völlig überzogen. Auch Bundestrainer Joachim Löw kritisierte den Schiedsrichter, "acht Gelbe Karten in einem fairen Spiel scheinen mir doch übertrieben". Und als Bastian Schweinsteiger nach dem 0:1 gegen Serbien in der Mixed Zone gefragt wurde, ob Undiano der Hauptschuldige für die Niederlage sei, sagte der Mittelfeldmann: "Ja, das kann man so sehen."

Fotostrecke

22  Bilder
Deutschland vs. Serbien: Doppelter Schock vor der Pause

Selten ist ein Schiedsrichter nach einem WM-Spiel so bloßgestellt worden wie Alberto Undiano, der 36-jährige Soziologe aus Ansoain. Erinnerungen werden wach an den russischen Unparteiischen Walentin Iwanow, der bei der WM 2006 im Spiel Portugal gegen Niederlande vier Spieler vom Platz geschickt hatte und danach sogar von Fifa-Boss Sepp Blatter öffentlich attackiert wurde. Oder John Jairo Toro Rendon, der während der WM 1998 dreimal Rot zückte und als "Kartenspieler aus Kolumbien" in die Geschichte einging.

Aber hat die Mehrheit wirklich Recht, nur weil sie sich einig ist? Hat Alberto Undiano mit seiner Leistung für die deutsche Niederlage gesorgt? Oder hat sich das DFB-Team fahrlässig verhalten?

Die Welt des Fußballs ist klein geworden, seitdem alle Informationen über Stärken und Schwächen des Gegners auf Festplatten lagern und bei Bedarf abgerufen werden können. Überraschungen werden immer seltener, jeder Trainer kann sein Team auf die kommende Aufgabe detailliert einstellen - auch auf den Schiedsrichter. Denn die Unparteiischen von heute sind gläsern, auf Statistikseiten im Internet sind mit wenigen Klicks die wichtigsten Daten abrufbar. Beispielsweise unter worldreferee.com.

Im Fall von Alberto Undiano sprechen diese Daten eine deutliche Sprache. In der spanischen Primera División verteilte er durchschnittlich 4,7 Gelbe Karten pro Spiel. Und eine Durchsicht der internationalen Partien des Spaniers ergibt das Bild eines Schiedsrichters, dessen Kartenverbrauch mit der Bedeutung des Ereignisses ansteigt. Während er in harmlosen Partien wie der ersten Runde in der Europa League auch mal ohne Gelb auskam, zeigte er im Halbfinale der U20-WM 2009 zehnmal Gelb, zwei Jahre zuvor im Endspiel ebenfalls. Im Schnitt zückt er 4,21 Gelbe Karten pro internationaler Partie.

Lahm warnt Mitspieler

Diese Informationen müssen dem DFB ebenso vorgelegen haben wie die Tatsache, dass die Fifa ihren Referees vor dem Turnier noch einmal deutlich ins Gewissen geredet hat. In der Einweisung für die Schiedsrichter wurde konsequentes Durchgreifen zur Maxime erklärt. Serbiens Coach Radomir Antic wusste jedenfalls Bescheid und gab an, seine Spieler gewarnt zu haben.

Und so kommen Fragen auf, die sich nicht um Alberto Undiano drehen. Hat das Trainerteam die Mannschaft nur auf den Gegner eingestellt, aber nicht auf den Schiedsrichter?

Unbestritten ist, dass Undiano kleinlich gepfiffen hat. Seine Auslegung der Fifa-Doktrin kann auch dem Weltverband nicht gefallen. Aber es ist seine Art, sich Respekt zu verschaffen, er hat es schon immer so gehalten in seiner Karriere. Und deshalb hat Bundestrainer Löw fahrlässig gehandelt, indem er das Team nicht vor dem Pedanten aus Pamplona warnte.

Auf der Pressekonferenz am Tag nach dem Spiel ging Löw übrigens noch davon aus, dass Gelbe Karten nach der Gruppenphase verfallen würden. Doch sie werden erst nach dem Viertelfinale gelöscht.

Immerhin denkt Philipp Lahm weiter. Die Mannschaft müsse sich daran gewöhnen, dass man für jedes Rempeln Gelb bekomme, sagte der DFB-Kapitän. "Wir müssen uns jetzt drauf einstellen, nicht mehr von hinten zu attackieren", sagt Lahm. Der Verteidiger darf sich im Gegensatz zum Schiedsrichter äußern und hat bei der Pressekonferenz auf fast alle Fragen Antworten parat. So auch auf die Frage, ob der Platzverweis entscheidend für die Niederlage war: "Ganz sicher, mit elf gegen elf hätten wir das Spiel gewonnen."

insgesamt 850 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Pazifist 19.06.2010
1.
Zitat von sysopBei der WM verteilen die Schiedsrichter sehr viele Gelbe und Rote Karten. Agieren die Spieler so brutal? Oder sind die Unparteiischen zu kleinlich?
Die Schiedsrichter haben bislang ausnahmslos hervorragende Arbeit geleistet. Streng aber absolut fair. Das muss man ganz klar anerkennen. Die Schiedsrichter sind für mich jetzt schon die heimlichen Sieger der WM 2010.
Christian W., 19.06.2010
2.
Zitat von sysopBei der WM verteilen die Schiedsrichter sehr viele Gelbe und Rote Karten. Agieren die Spieler so brutal? Oder sind die Unparteiischen zu kleinlich?
Zweiteres. Richtig brutale Fouls gab es noch keine. Karten hingegen jede Menge.
Americanet 19.06.2010
3. ...
Zitat von sysopBei der WM verteilen die Schiedsrichter sehr viele Gelbe und Rote Karten. Agieren die Spieler so brutal? Oder sind die Unparteiischen zu kleinlich?
Ich finde den durchschnittlichen Verbrauch an gelben und roten Karten eigentlich völlig normal. Der Schiri bei Deutschland-Serbien wirkte ein bisschen unsouverän, blieb aber seiner Linie treu. Der einzige echte Aufreger für mich war bisher das Versagen des dritten Tors der Amerikaner gegen Slowenien durch den Schiedsrichter.
sudich 19.06.2010
4. ...
Ich fand die Linie o.k. auch im Spiel gegen Serbien. Nach der ersten halben Stunden haben sich die Verteidiger deutlich mit Fouls zurückgehalten, was auch der Entfaltung des deutschen Spiel sehr zugute kam. Wer bei diesem Spiel nicht gleich verstanden hat, nach welchem Maßstab der Schiedsrichter pfiff, ist letztlich selber Schuld. Insofern ist die Niederlage Klose aber nicht dem Schiedsrichter zu verdanken. Ansonsten kann man bislang über die Schiedsrichter nicht besonders Negatives sagen. Einen entscheidenden und groben Fehler hat es wohl nur im Spiel USA gegen Slowenien gegeben und das ist kein schlechter Schnitt.
saul7 19.06.2010
5. ++
Zitat von sysopBei der WM verteilen die Schiedsrichter sehr viele Gelbe und Rote Karten. Agieren die Spieler so brutal? Oder sind die Unparteiischen zu kleinlich?
Ich finde die Leistungen der Schiedsrichter bei der WM nicht so schlecht, wie sie gelegentlich dargestellt werden. Jeder Schiedsrichter hat seine Eigenheiten und "Macken" und jede Mannschaft kann sich darauf einstellen. Zu einer sogfältigen Vorbereitung der Mannschaft gehört dann auch eine Vorbereitung auf die Schiedsrichter!
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.