DFB-Aus Ein Traum endet in Tränen

Die deutsche Nationalmannschaft ist im WM-Halbfinale an Italien gescheitert. Erst in allerletzter Minute musste sich das Team geschlagen geben. Doch während Deutschland Trauer trägt, blickt Jürgen Klinsmann schon wieder nach vorn.

Von , Dortmund


Die Trauernden auf dem Rasen laufen langsam hintereinander, sie haben die Köpfe gesenkt und Tränen in den Augen. Vor der Gegengerade machen einige kurz Halt und heben die schweren Arme, sie winken zu entsetzten Gesichtern, auf denen schwarz-rot-goldene Schminke zerläuft. Auf den Tribünen wehen trotzig Fahnen, die kurz zuvor noch für grenzenlosen Optimismus standen. Aus den Boxen schallt "You'll never walk alone", ein Lied von Zusammenhalt und Wehmut - und abseits steht Jürgen Klinsmann ganz allein und schaut seinen Spielern zu, um ihn herum nichts als die Einsamkeit des Moments.

Sehr melodramatisch wirken diese letzten Szenen des WM-Halbfinals in Dortmund, nach dem 23 DFB-Nationalspieler und ihr Trainer wie betäubt dastehen und mit ihnen all die Anhänger auf den Rängen. Am Jahrestag des ersten deutschen WM-Titels 1954, des "Wunders von Bern", hat Deutschland eine Niederlage erlitten, die so kurz nach dem Schlusspfiff ähnlich epochal wirkt wie der 3:2-Triumph gegen Ungarn vor 52 Jahren. 0:2 gegen Italien, die Entscheidung in der letzten Minute der Verlängerung, so kurz vor dem Ziel. Kann das wahr sein, fragen die weinenden Gesichter auf dem Platz und auf den Tribünen. Klinsmanns Augen fragen dasselbe, aber sein Mund sagt: "Für uns ist das bitter, aber wir schlucken die Pille. Am Samstag wollen wir noch einmal ein gutes Spiel machen, noch einmal die Menschen begeistern und mitreißen."

Der Bundestrainer sieht auch sehr traurig aus in diesem Moment, aber er macht es in der Niederlage so wie nach den Siegen zuvor: er blickt nach vorn. Klinsmann weiß, seine junge Mannschaft hat bei dieser WM mehr erreicht als ein paar Spiele zu gewinnen, sie hat ein Weltklasseteam wie Argentinien im Viertelfinale besiegt und ihre schärfsten Kritiker vom Boulevard. Sie hat Deutschland den Glauben gegeben, dass der WM-Titel drin sein könnte und gezeigt, "dass sie mit den Besten der Welt mithalten kann", sagt Klinsmann. Für die noch im März milde belächelte Truppe ist das eine ganze Menge.

Damals gab es eine 1:4-Pleite in Florenz gegen Italien, und niemand hätte geglaubt, dass sich die beiden Teams Monate später im WM-Halbfinale wieder sehen würden - auf Augenhöhe. "Wir waren gleichwertig, wenn nicht sogar besser", sagte Philipp Lahm, der deutsche Linksverteidiger. "Ein fantastisches Spiel mit vielen Emotionen" hatte Andrea Pirlo gesehen, der italienische Regisseur. Nur Marcello Lippi wollte von einer ausgeglichenen Partie nichts wissen. "Es wäre unverdient gewesen, wenn wir ausgeschieden wären", erklärte der grauhaarige Trainer der Squadra Azzurra, "wir haben das Spiel die ganze Zeit kontrolliert und deshalb verdient gewonnen."

Überschwang des Sieges

Vielleicht war es der Überschwang des Sieges, der Lippi den Blick ein wenig verstellte für die Realität. Natürlich hatte sein Team nicht unverdient gewonnen, ein Lattentreffer von Gianluca Zambrotta und ein Pfostenschuss von Alberto Gilardino (beide in der Verlängerung) waren hör- und sichtbare Großchancen. Dazu das Übergewicht im Mittelfeld, das der Trainer geschickt erreicht hatte durch die gleichzeitige Aufstellung von Pirlo und Francesco Totti und den Verzicht auf einen zweiten Stürmer. "Wir wollten ständig im Ballbesitz sein, darauf haben wir gesetzt. In der Zentrale waren wir quasi immer einer mehr", erklärte Lippi.

Er vergaß jedoch, dass sich aus der Überzahl wenige Torchancen in der regulären Spielzeit ergaben. Stattdessen überzeugte der WM-Gastgeber mit technisch ansprechendem Umschalten und schnellem Direktspiel.

Lukas Podolski überraschte Innenverteidiger Marco Materazzi einige Male mit schnellen Drehungen und Schüssen, einen davon musste Italiens Torwart Gianluigi Buffon entschärfen. Und in der 34. Minute wäre Bernd Schneider nach einem Konter über Podolski und Miroslav Klose beinahe die Führung gelungen. Sein Schuss ging allerdings knapp über das Tor der Gäste. In der 50. Minute musste wieder Buffon gegen Klose klären, der ansonsten beim überragenden Fabio Cannavaro abgemeldet war. Im Gegenzug warf sich Jens Lehmann vor den durchgebrochenen Simone Perrotta und verhinderte seinerseits einen Rückstand.

"Deutschland muss nicht bange sein"

Die zweite Halbzeit und die Verlängerung zeigten sehr viele solcher Szenen, "es ging hoch und runter", gab Lippi dann doch noch zu. Der für den wegen seiner Tätlichkeit aus dem Argentinien-Spiel gesperrten Torsten Frings in die Mannschaft gerückte Sebastian Kehl zeigte vor der Abwehr eine gute Leistung, bei Kontern fehlte dem Dortmunder jedoch der Mut, mit dem Ball am Fuß auch mal in die freien Räume zu gehen. Stattdessen passte er zu oft quer. Ein Tor blieb der DFB-Elf auch deshalb versagt, weil die eingewechselten David Odonkor und Bastian Schweinsteiger an den herausragenden italienischen Außenverteidigern Fabio Grosso und Zambrotta scheiterten und Podolski an seinen Nerven, als er in der 105. Minute frei zum Kopfball kam, aber weit daneben zielte.

Es lief alles auf ein Elfmeterschießen hinaus, doch dann kam der Auftritt Pirlos. DFB-Kapitän Michael Ballack hatte seine defensive Position in der Verlängerung extra aufgegeben, um den italienischen Spielmacher schon in dessen Hälfte zu attackieren, aber eine Minute vor Schluss war er diesen kleinen Moment unaufmerksam. Pirlo passte an der Strafraumgrenze auf Grosso, der den Ball unhaltbar an Ballack und Lehmann vorbeischlenzte. Das Ende, oder besser der Anfang davon. Denn eine Minute später traf noch Alessandro del Piero nach Pass von Gilardino zum Endstand.

"Die Spieler hatten ein Ziel, einen Traum, und der ist jetzt geplatzt. Daran werden sie noch eine Weile zu knabbern haben", sagte Klinsmann nach dem Spiel. Aber sie hätten ein "ungeheures Potential" und steckten "noch in einem Entwicklungsprozess. Deutschland muss nicht bange sein." Ist das schon das Vermächtnis des scheidenden Bundestrainers? "Es ist absolut unwichtig, was mit mir passiert. Ich werde das alles nach der WM sacken lassen und mit meiner Familie besprechen." Klar sei aber, dass es im Fußball immer weitergehe. Schon am Samstag, im Spiel um Platz drei. Und wer Klinsmann nach diesem Spiel sah, wie er mit dem Stolz eines glücklichen Vaters über seine Kinder sprach, der kann sich schlecht vorstellen, dass es nach der WM einen neuen Bundestrainer gibt.



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