DFB-Chefankläger Hilpert: "Jesus gehört nicht aufs Trikot"

Wer es mit Horst Hilpert zu tun bekommt, hat schlechte Karten. Der Chefankläger des DFB kennt kein Pardon mit tretwütigen Fußballprofis und renitenten Kickern. SPIEGEL ONLINE sprach mit dem 66-Jährigen über Schwalbenkönige, exzessive Jubelorgien und Überraschungen in Unterhosen.

Dankbarkeit: Der Leverkusener Lucio nach dem Erreichen des Klassenerhalts
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Dankbarkeit: Der Leverkusener Lucio nach dem Erreichen des Klassenerhalts

SPIEGEL ONLINE:

Herr Hilpert, Anfang dieser Woche wurde der Nürnberger Zweitligaspieler Thomas Paulus wegen einer Tätlichkeit für sechs Wochen gesperrt. Wird wieder kräftiger hingelangt?

Horst Hilpert: Diesen Trend sehe ich nicht. Es war der gravierende Verstoß eines einzelnen Spielers. Diese musste deshalb härter abgeurteilt werden als andere Verstöße in den vergangenen Wochen. Paulus ist auf den Gegenspieler aufgestiegen, ohne dass es vorher eine Provokation gegeben hätte, weder verbal noch durch Treten oder Festhalten. Er hat seinem Gegenspieler einfach mit dem Fußballschuh aufs Bein getreten. Das ist sehr unschön.

SPIEGEL ONLINE: Für den 21 Jahre alten Paulus war die Partie gegen Aue das Zweitliga-Debüt. Hätte dies das Sportgericht nicht sanfter stimmen können?

Hilpert: Wo denken Sie hin? Wir können doch keine mildere Strafe verhängen, weil jemand jung ist oder das erste Mal spielt. Jeder Akteur hat von Anfang an die gleichen Pflichten. Und eine Tätlichkeit wird mit mindestens sechs Wochen bestraft. Es hätte nach oben abgewichen werden können, aber nicht nach unten.

SPIEGEL ONLINE: Der Dortmunder Nationalspieler Sebastian Kehl, der im Finale des Ligapokals sogar den Schiedsrichter attackiert hatte, kam jüngst besser weg.

Hilpert: Nein, das stimmt nicht. Kehl hat eine Sperre von acht Spielen bekommen, sechs in der Meisterschaft und zwei für den Ligapokal. Das muss man schön auseinander halten. Bei einem Vergehen gegen einen Schiedsrichter ist das Strafmaß automatisch höher. Aber Kehl hat Jürgen Aust nicht geschlagen, sondern geschubst - und das auch nicht allzu heftig.

SPIEGEL ONLINE: Dennoch: Ist das nicht eine sehr geringe Strafe für eine Aktion gegen einen Schiedsrichter?

Hilpert: Einige von Austs Kollegen sehen das so und haben mir geschrieben, dass sie acht Spiele zu wenig finden. Wir halten die Strafe jedoch für angemessen. Bei Kehl wurde berücksichtigt, dass es ein Aktiver ist, der bisher immer anständig gespielt hat. Zudem hat er sich sofort bei Aust entschuldigt.

SPIEGEL ONLINE: Trotz seiner Sperre für die Bundesliga durfte Kehl einige Spiele im Europapokal und der Nationalmannschaft bestreiten. Ist das nicht eine merkwürdige Regelung?

Hilpert: Früher galten Sperren bei gravierenden Vergehen - und das von Kehl war eines - in Deutschland auch für internationale Spiele. Aber irgendwann haben wir uns gesagt: "Wir wollen nicht päpstlicher sein als der Papst". Also haben wir uns der Praxis in anderen Ländern wie Italien oder Großbritannien angepasst. Nur wenn jemand etwa dem Schiedsrichter einen Faustschlag versetzt, würden wir denjenigen Spieler auch international sperren.

SPIEGEL ONLINE: Regelmäßig ist von "internationaler Härte" die Rede, zuletzt beim EM-Qualifikationsspiel der DFB-Auswahl gegen Schottland. Können Sie etwas mit diesem Begriff anfangen?

Hilpert: Spieler und Trainer sprechen häufig davon, aber da ist nicht viel dran. Ich glaube nicht, dass die Schiedsrichter die Regeln bei internationalen Spielen großzügiger auslegen und mehr durchgehen lassen als in der Bundesliga. Mittlerweile wird im deutschen Fußball weniger brutal gespielt.

SPIEGEL ONLINE: Halten Sie diese Entwicklung für Ihr Verdienst?

Böses Erwachen: Rote Karte für den Dortmunder Sebastian Kehl (3.v.l.)
DDP

Böses Erwachen: Rote Karte für den Dortmunder Sebastian Kehl (3.v.l.)

Hilpert: Es wäre schön, wenn Kontrollausschuss und Sportgerichtsbarkeit dazu mit beigetragen hätten. Wir wirken abschreckend, und Abschreckung soll vor neuen Taten bewahren. Sinn und Zweck unserer Tätigkeit ist es ja, den möglichen Täter zu bremsen und Wiederholungen zu vermeiden.

SPIEGEL ONLINE: Das sollten Sie einmal denjenigen Profis ins Stammbuch schreiben, die sich immer wieder als Schwalbenkönige hervortun.

Hilpert: Das habe ich gleich zu Beginn meiner Tätigkeit gesagt: Der Kampf gilt der Manipulation im Sport. Im Fußball zu manipulieren ist so schlimm, wie wenn man tritt. Ich habe damals auch eine Sperre gegen Andreas Möller erwirkt, der sich einen Elfmeter erschlichen hatte. Es ist gut, dass die Schiedsrichter Täuschungsversuche mit einer Gelben Karte ahnden. Wir sind dabei, das Problem in den Griff zu kriegen.

SPIEGEL ONLINE: Neuerdings wird auch verstärkt darauf geachtet, dass die Spieler nicht allzu exzessiv jubeln. Warum unterbinden Sie die ungehemmte Freude?

Hilpert: Jeder kann so viel jubeln, wie er will. Wir müssen aber verhindern, dass das missbraucht wird. Es kann nicht sein, dass ein Spieler vielleicht Extrageld bekommt, wenn er sein Shirt hochzieht und dann das Unterhemd, auf dem ein Werbespruch gedruckt ist, in die TV-Kameras hält. Hochziehen ist erlaubt, sofern auf dem Unterhemd nichts draufsteht.

SPIEGEL ONLINE: Und wenn das Leibchen doch nicht porentief rein ist?

Horst Hilpert: "Es wird weniger brutal gespielt"
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Horst Hilpert: "Es wird weniger brutal gespielt"

Hilpert: Wir werden jetzt gemäßigt an die Sache rangehen, zuerst mit Geldstrafen für die Spieler. Wenn einer 1000 Euro zahlen muss, wird er es beim nächsten Mal vielleicht lassen. Der Schiedsrichter soll keine Gelbe Karte zeigen, sondern uns melden, wer auffällig wird.

SPIEGEL ONLINE: Was machen Sie bei öffentlich zur Schau getragenen Slogans wie etwa "Der Herr ist mein Hirte"?

Hilpert: Bei den religiösen Slogans haben wir lange überlegt. Weil das vielleicht doch nicht so verwerflich ist, sondern eine Überzeugungshandlung. Wir müssen uns aber an die Fifa-Vorgabe halten. Und die lautet: keine Aufdrucke, egal was. Kürzlich hat der Wolfsburger Fernando Baiano nach einem Torerfolg ein Käppi mit einer Jesus-Aufschrift aus seiner Unterhose rausgeholt und sich aufgesetzt. Das ist keine Bereicherung für den Fußball, sondern eine Unsitte.

SPIEGEL ONLINE: Religiöse Überzeugungen sind also kein Freibrief für wildes Jubeln?

Hilpert: Jesus gehört nicht aufs Trikot. Zumindest dann nicht, wenn man vor hat, öffentlich Bekenntnis abzulegen.

Das Interview führte Clemens Gerlach

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