Frage: Sie haben früh behauptet, dass bei dieser WM Offensivfußball zum Erfolg führen wird. Was hat Sie so sicher gemacht?
Siegenthaler: Ich hatte schon nach dem Afrikacup im vergangenen Jahr intensivsten Kontakt mit dem Bundestrainer. Wir haben uns gefragt: "Halt, Stop, wo beginnt eigentlich das Fußballspiel?" Womit kannst du Erfolg haben, was ist wichtig beim Fußball? Die Antwort lag auch in der Offensive, und das hat sich jetzt belegt.
Frage: In der Defensive scheint es keine gravierenden Leistungsunterschiede bei dieser WM gegeben zu haben.
Siegenthaler: In drei Vierteln des Spielfelds sind tatsächlich alle 32 Mannschaften sehr gut. Aber im letzten Viertel, in der Offensiventwicklung, hatten oder haben alle Probleme. Alle, mit Ausnahme von den Niederlanden, Spanien und Deutschland.
Frage: Woher kommt das?
Siegenthaler: Jahrelang hat sich jeder Trainer mit der Defensive beschäftigt, "aufrücken", "verschieben", "kompakt stehen", das sind ja Schlagworte, die mittlerweile jeder kennt. Aber wir haben uns zu wenige Gedanken gemacht über die Offensive. Das ist auch ungemein schwer zu unterrichten. Andere Sportarten sind uns da maßgeblich voraus, Handball, Basketball, Eishockey, dort sind Spielzüge einstudiert. Es ist mir völlig klar, dass das im Fußball nicht so einfach ist, aber wir haben und hatten nicht die Trainer, die darauf spezialisiert waren.
Frage: Manche Teams bei dieser WM wirkten recht chaotisch in ihrem Angriffsspiel.
Siegenthaler: Sie könnten jetzt zu mir ins Büro kommen und ich könnte Ihnen Szenen zeigen, da denken Sie: Ist das nicht eine Jugendmannschaft? Da stehen sechs Mann im Zentrum und alle rennen dem Ball nach. Rechts und links ist kein Mensch.
Frage: Früher hat man gesagt, die deutschen Spieler tun sich schwer mit taktischen und theoretischen Vorgaben. Hat sich das geändert in den vergangenen sechs Jahren?
Siegenthaler: Die Trainer leben das vor. Sie denken sehr modern und wehren sich nicht gegen Neues. Wenn ich morgen vorschlagen würde, am Tisch schwedisch zu reden, wäre der Trainer offen dafür und würde nach dem Sinn fragen. Das ist eine Fähigkeit von Hansi Flick, Andreas Köpke und auch Joachim Löw, so was aufzunehmen und auch kritisch zu hinterfragen. So war es auch mit den Taktiktrainings. Die Mannschaft hatte sicher vor ein paar Jahren noch nicht diese Freude daran. Heute gehört das zum Tagesprogramm wie essen und schlafen.
Frage: Ist es die wichtigste Erkenntnis des Turniers, dass Mannschaften jung sein müssen, um erfolgreich zu sein? Und nicht erfahren?
Siegenthaler: Meine sehr persönliche Antwort darauf ist folgende: Viele Spieler werden maßlos überschätzt. Sie haben einen Namen, dem sie nicht mehr gerecht werden.
Frage: Ist das auch der Grund, warum die alten, großen Fußballnationen wie Frankreich oder Italien nach Hause fahren mussten?
Siegenthaler: Es gibt Unterschiede. Ich habe Respekt vor großen Nationen, mir steht es nicht zu, diese zu kritisieren. Frankreich hat ein Konzept in der Jugendausbildung, in der Förderung guter Fußballer. Dort lag das Problem eher in der Führung.
Frage: Und Italien?
Siegenthaler: Italien ist Weltmeister geworden, aber schon beim Confederations Cup habe ich mich gefragt: Wollen die wirklich immer noch mit acht Weltmeistern agieren? Oder gehen wir in die italienische Meisterschaft. Da kommen kaum Talente nach. Die Clubs kaufen sich jeden zweiten Spieler. Die jungen italienischen Spieler verkümmern, weil sie an Zweit- oder Drittligisten verliehen werden.
Frage: Wenn Sie auf der Tribüne sitzen und ein Spiel beobachten: Gab es schon mal eine Situation, in der Sie sagten: Oh, das habe ich vorher noch nicht gesehen?
Siegenthaler: Nein, das gab es in sechs Jahren noch nicht.
Frage: Und wie halten Sie Ihre Eindrücke fest?
Siegenthaler: Früher habe ich alles in ein Diktafon gesprochen. Heute notiere ich mir die Minute der Szene, die ich mir noch einmal anschauen will. Sie müssen sich das so vorstellen: Wenn wir jetzt hier durch dieses Teamhotel laufen, dann sagen Sie, die Deutschen wohnen schön. Und dann kommen Sie morgen wieder, und wir laufen wieder durchs Haus. Plötzlich sagen Sie: Oh, das hier habe ich gestern gar nicht gesehen. Es geht um Details, und dafür braucht es diese Nähe zu dieser Arbeit, dieses Verstehen. Ich bin ja von Beruf Architekt, das hilft.
Frage: Gucken Sie also ein Fußballspiel mit den Augen eines Architekten?
Siegenthaler: Insofern, als dass ich die Bereitschaft habe, öfter hinzuschauen. Es ist viel einfacher, gegen einen schwachen Gegner zu spielen, weil man relativ rasch Lösungen sieht. Aber es wird verdammt schwierig, wenn es Spanien ist.
Frage: Wie lange brauchen Sie, um das Spiel einer Mannschaft zu entschlüsseln?
Siegenthaler: Das ist Knochenarbeit. Ich saß vor dem Argentinien-Spiel zwölf Stunden am Bildschirm. Und auch vor dem Spanien-Spiel gab es wieder viel zu tun.
Frage: Sind die Spanier so schwierig zu knacken?
Siegenthaler: Spanien macht es uns etwas schwieriger als Argentinien.
Das Interview entstand im DFB-Hotel Velmore Grande in einer Runde aus "Tagesspiegel", "Hamburger Morgenpost", "Taz" und SPIEGEL ONLINE. Aufgezeichnet von Christian Gödecke
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