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DFB-Chefscout Siegenthaler: "Was Spanien zeigt, ist Löws Idealfußball"

Er ist der wichtigste Analytiker in Löws Team: Chefscout Urs Siegenthaler spricht vor dem Halbfinale gegen Spanien auf SPIEGEL ONLINE über das Erfolgsgeheimnis der Nationalmannschaft, die Gefahren deutschen Sicherheitsdenkens - und die Knochenarbeit, das Spiel des Gegners zu entschlüsseln.

DFB-Scout Siegenthaler: Stundenlange Spielanalysen Zur Großansicht
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DFB-Scout Siegenthaler: Stundenlange Spielanalysen

Frage: Herr Siegenthaler, kann Spanien Sie noch überraschen?

Siegenthaler: Mich? Nein. Und auch unser Team und die Trainer nicht. Wir wissen, was uns erwartet. Die spanischen Spieler sind alle aus der Champions League bestens bekannt. Wir wissen, wie Andrés Iniesta spielt, wir kennen Xabi Alonso, Xavi, Fernando Torres. Dem Bundestrainer geht es vor dem Halbfinale nur noch um Insider-Informationen, um Details. Und die konnten wir ihm bisher immer liefern.

Frage: Hat Sie denn die deutsche Mannschaft bei dieser WM überrascht?

Siegenthaler: Das soll jetzt nicht überheblich klingen. Aber aufgrund der intensiven Vorbereitung seit Januar muss ich sagen: nein. Wenn man mit einem klaren Konzept arbeitet und so strategisch vorgeht wie der Bundestrainer, dann kommen eben auch die Fortschritte. Sie können das mit einem Englischkurs vergleichen: Nach acht Wochen spricht man mit der größten Wahrscheinlichkeit besser Englisch - aber man muss eben erst mal den Kurs besuchen und braucht einen guten Lehrer.

Frage: Deutschland und Spanien, das war das EM-Finale. Hätte es nicht eigentlich auch das WM-Finale sein müssen?

Siegenthaler: Wenn ich es mir hätte wünschen dürfen, ja.

Frage: Ist Deutschland mit Spanien auf Augenhöhe?

Siegenthaler: Ich glaube, dass Spanien überrascht ist von Deutschland. Wir sind von Spanien nicht überrascht. Das, was Spanien im Moment zeigt, ist ja Löws Idealvorstellung vom Fußball. Wer träumt nicht vom FC Barcelona oder früher von Real Madrid? Aber Spanien ist nicht erst seit heute gut, Spanien ist Europameister, Spanien wäre auch bei der WM 2006 ein klarer Titelkandidat gewesen, wären sie nicht so unglücklich ausgeschieden. Das ist ganz bestimmt eine goldene Generation.

Frage: Man liest viel über die Weiterentwicklung der deutschen Mannschaft. Hat sich auch Spanien verbessert in den vergangenen zwei Jahren?

Siegenthaler: Wenn man schon fast perfekt Englisch spricht, ist es schwierig, noch Fortschritte zu erzielen. Das ist mühsam. Genauso mühsam wie die letzten fünf Prozent aus einer Zitrone zu pressen. Die spanische Mannschaft hat eine perfekte Ordnung auf dem Platz, sie ist kaum aus dem Konzept zu bringen, das Team ist selbstsicher, aber nicht überheblich. Die Spanier wissen, was sie können.

Frage: Sie sagten mal, Fußballspieler haben Vorlieben, und Ihre Aufgabe sei es, diese zu ergründen. Welche Vorlieben haben die Spanier?

Siegenthaler: Sie sind ein stolzes Volk und sehr korrekt. Ich habe 70-jährige Leute gesehen, die sich an der Hand halten, sie sind sauber gekleidet, sie mögen das Traditionelle. Auch in einem Stierkampf geht es viel um Stolz. Sie sind dazu nie unfair, sie überschreiten keine Grenzen. Haben Sie schon mal ein Skandalspiel des FC Barcelona gesehen? Wenn sie verlieren, dann gehen sie zum Gegner und sagen: "Wir waren heute nicht gut drauf." Aber Frustfouls mit gestrecktem Fuß sieht man bei den Spaniern nicht. Sie leisten sich keine Ausraster, dazu sind sie zu stolz und zu selbstkritisch.

Frage: Ein Nationalteam spielt so, wie die Mentalität des Landes ist?

Siegenthaler: Ja, das denke ich.

Frage: Gibt es eine Nationalmannschaft, die völlig anders spielt, als man es von der Mentalität erwarten würde?

Siegenthaler: Nein. Unter Druck greift jeder darauf zurück, was einen ausmacht. Immer!

Frage: Das meinte wohl auch Bastian Schweinsteiger, als er alle Argentinier über einen Kamm scherte.

Siegenthaler: Er wollte nicht alle Argentinier kritisieren.

Frage: Was sagen Sie zu den Afrikanern bei dieser WM?

Siegenthaler: Ich habe deren schwaches Abschneiden erwartet. Sie haben wunderbare Spieler, die alle in Europa spielen. Aber bei dieser WM in Südafrika fallen sie in alte Muster zurück. Es ist keiner da, der alles regelt, kein Anführer wie Zidane, der sagt: "Hey, spiel einfach Fußball." Und so ist der Einzelne dann vielleicht nicht mehr so zuverlässig, nicht so korrekt wie in seinem europäischen Club.

Frage: In welches Muster fällt der Deutsche unter Druck zurück?

Siegenthaler: Das zu verhindern, ist die ganz große Aufgabe des Bundestrainers.

Frage: Was genau muss er verhindern?

Siegenthaler: Dass wieder quer gespielt wird und mit weiten Bällen nach vorn. Aber die Mannschaft hat bewiesen, dass sie das nicht macht.

Frage: Es wäre das deutsche Sicherheitsdenken?

Siegenthaler: Ja, bringen wir es auf einen Nenner: Sie würden das Spiel verwalten, statt das Spiel zu spielen.

Frage: Herr Siegenthaler, wie kann man Spanien schlagen? Gibt es ein Muster, in das die Spanier zurückfallen könnten?

Siegenthaler: Ich denke, dass ich dem Trainer zwei, drei gute Hinweise geben kann.

Frage: Die haben Sie auch schon Ottmar Hitzfeld gegeben, der mit der Schweiz die Spanier geschlagen hat.

Siegenthaler: Ich habe zum Ottmar wirklich ein Freundschaftsverhältnis, aber Tipps für das Spanien-Spiel habe ich ihm nicht gegeben.

Frage: Sie vergleichen Fußball mit Englischlernen - und sagen im Prinzip nichts anderes, als dass Erfolg planbar sei.

Siegenthaler: Ja, das ist so, davon bin ich zutiefst überzeugt. Sonst wäre ich nicht bei diesem Bundestrainer.

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Forum - Holt Deutschland den WM-Titel?
insgesamt 1203 Beiträge
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1. ja
Gebetsmühle 04.07.2010
Zitat von sysop4:1 gegen England, 4:0 gegen Argentinien: Die deutsche Elf spielt begeisternden Fußball. Worin liegt der Erfolg - und kann das Team den WM-Titel holen?
erfrischender mutiger fussball aus einer stabilen abwehr. hohe laufbereitschaft, fittness und teamgeist. das reicht dann auch schon. wenn dann noch gute taktik und ballsicherheit dazu kommt, dann kann es nur noch lauten: deutschland wird weltmeister. falls nicht, dann muß der gegner schon verdammt gut sein an dem tag.
2.
Rainer Daeschler, 04.07.2010
Zitat von sysop4:1 gegen England, 4:0 gegen Argentinien: Die deutsche Elf spielt begeisternden Fußball. Worin liegt der Erfolg - und kann das Team den WM-Titel holen?
Um diese Frage zu beantworten, macht man Endspiele.
3.
Sebastian Mellmann 04.07.2010
Der Erfolg begründet sich mit einer unglaublich guten Teamleistung. Chancen auf den Titel haben wir auf jeden Fall, man sollte jedoch Spanien nicht unterschätzen, auch wenn sie sich gegen Paraguay schwer getan haben. Egal, wie es nun kommt, die Mannschaft hat gezeigt, dass sie auf sehr hohem Niveau spielen können und zuschauen einfach nur Spaß macht! Weiter so ;-)
4. Kruzifix … klar doch … weg mit den Zweiflern
wika 04.07.2010
Klar doch … Weltmeister … aber es ist nur den Bayern zu danken, weil die *an den Fußballgott glauben* (http://qpress.de/2010/07/03/bayern-glauben-an-fusball/) und dafür auch die Glocken schon mal etwas heftiger bimmeln lassen. Man sollte dich diese Zuversicht doch nicht in Frage stellen, denn die Mannschaft braucht ungeteilte Sinne und Daumen … in diesem Sinne, machen wir's klar … (°!°)
5. Ein frühes Tor muß her.
sielhamm 04.07.2010
Alle drei 4er Ergebisse wurden durch mehr oder weniger frühe Tore erreicht. Ob das gegen Spanien auch gelingt ist offen. Man kann es der Mannschaft nur wünschen. Dann wird sie auch den Europameister ausschalten. Den Nachweis, dass sie auch Rückstände aufholen kann, muss sie aber erst noch erbringen. Maradonna ist kein Trainer. Der begnadete Motivator hat seiner Mannschaft kein Konzept und keine Struktur mitgegeben. Außerdem schien sie konditionell nicht annähernd auf dem Niveau der deutschen Elf zu sein. Keine Mannschaft ist im Achtel- und Viertelfinale so viele Kilomter gelaufen. Mit 20-25 hat man einfach mehr ausdauernde Luft als mit 25- über 30. Ich glaube auch nicht mehr, dass Ballack mit seinen bald 34 Jahren noch in diese Mannschaft passt. Für die nächste WM braucht man eigentlich nur einen Ersatz aus Altersgründen für Friedrich und Klose. Herrliche Fußballzeiten stehen den Deutschen bevor.
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Zur Person
dpa
Urs Siegenthaler wurde am 23. November 1947 in Basel geboren. Als Spieler lief er unter anderem für den FC Basel und die Young Boys Bern auf. Als Trainer betreute er von 1987 bis 1990 den FC Basel, außerdem war er als Trainerausbilder beim Schweizerischen Fußballverband beschäftigt. Seit Ende 2004 ist er als Spielerbeobachter der deutschen Nationalmannschaft tätig. Ab August 2010 wird er beim Hamburger SV arbeiten und dort die Nachwuchsarbeit, Kaderplanung und Talentsichtung verantworten.
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Fotostrecke
Deutschland vs. Argentinien: Gala gegen die Gauchos
Deutschlands WM-Bilanz
2014 Weltmeister (1:0 n.V. gegen ARG)
2010 Spiel um Platz drei (3:2 gegen URU)
2006 Spiel um Platz drei (3:1 gegen POR)
2002 Finale (0:2 gegen BRA)
1998 Viertelfinale (0:3 gegen KRO)
1994 Viertelfinale (1:2 gegen BUL)
1990 Weltmeister (1:0 gegen ARG)
1986 Finale (2:3 gegen ARG)
1982 Finale (1:3 gegen ITA)
1978 2. Gruppenphase
1974 Weltmeister (2:1 gegen NED)
1974 2. Gruppenphase (DDR)
1970 Spiel um Platz drei (1:0 gegen URU)
1966 Finale (2:4 n.V. gegen ENG)
1962 Viertelfinale (0:1 gegen JUG)
1958 Spiel um Platz drei (3:6 gegen FRA)
1954 Weltmeister (3:2 gegen HUN)
1950 nicht teilgenommen
1938 Achtelfinale (2:4 gegen SUI)
1934 Spiel um Platz drei (3:2 gegen AUS)
1930 nicht teilgenommen


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