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DFB-Remis gegen Frankreich

Zurück zu alten Tugenden

Der große Neuanfang sollte es sein für Joachim Löw und sein Team. Daraus wurde vorerst nichts. Stattdessen entdeckt die Mannschaft alte Eigenschaften, die eigentlich ausgestorben schienen.

Aus München berichtet

Freitag, 07.09.2018   07:07 Uhr

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Ein Unentschieden im Fußball ist für den Betrachter ein schönes Ergebnis. Weil es den Raum lässt für Interpretationen in verschiedene Richtungen. Es ist wie bei dem Glas, das man entweder als halbleer oder als halbvoll ansehen kann. Beim DFB griffen nach dem 0:0 gegen Frankreich in München alle Beteiligten nach der Variante: Halbvoll.

Statt einem möglichen Sieg nachzutrauern, wie es die deutschen Weltmeister vermutlich noch getan hätten, lautete die Devise von Bundestrainer Joachim Löw nach dem Desaster von Russland: "Man muss absolut zufrieden sein."

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"Wir waren gut organisiert, wir haben kompakt gestanden, wir sind in keine Konter gelaufen, alle haben nach hinten gearbeitet", hakte Löw nach dem Spiel die Aufgabentabelle ab. Das sind nicht die Profile eines Teams, das dominant auftreten kann. Man ist beim DFB, zumindest für den Moment, bescheidener geworden.

Wie nach Schalke gegen Bayern

Vor der WM hätte man nach einem solchen Spiel wahrscheinlich getitelt: "DFB-Elf verpasst Sieg gegen Frankreich trotz bester Chancen". Jetzt hieß es nach der Partie in den ersten Meldungen: "DFB-Elf trotzt dem Weltmeister ein Remis ab." Vom Achtungserfolg war die Rede. Das ist das Vokabular, das man wählt, wenn der FC Schalke gegen den Liga-Dominus Bayern München antritt und einen Punkt ergattert.

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Tatsächlich haben sich die Gewichte im Weltfußball verschoben. An diesem Abend waren die Franzosen die eindeutigen Favoriten, frisch dekoriert mit dem WM-Titel von Russland und individuell deutlich überlegen. Fast konnte man in dieser Hinsicht von einem Klassenunterschied sprechen, wenn Kylian Mbappé, Antoine Griezmann und die Anderen ihre Hackentricks auspackten oder das Zuspiel zum Nebenmann gerne auch mal hinter dem Körper organisierten.

Und dennoch ist das Spiel nicht nur Unentschieden ausgegangen, die deutsche Mannschaft hätte die Partie in der zweiten Hälfte sogar für sich entscheiden können. Nach einer Stunde Spielzeit passierte das, was man unter Löw bisher kaum kannte: Die Mannschaft fand über den Kampf zum Spiel. Hier passt der Satz.

REUTERS

Joachim Löw

Löw schwärmte nachher von Lauf- und Kampfbereitschaft, davon, dass "die Zweikämpfe angenommen wurden". Das alles sind keine Löw-Begriffe, sie stammen aus der Zeit, als man beim Fußball noch von "deutschen Tugenden" sprach, und tatsächlich: Löw nahm das auf und lobte, dass "diese Tugenden wieder zu spüren waren". Als es dann in der zweiten Hälfte auch noch just in der Phase, in der es für die DFB-Elf am besten lief, zu regnen anfing, fühlte man sich kurzzeitig in die Tage von Hans-Peter Briegel und Horst Hrubesch zurückversetzt.

Dabei sollte dieses Spiel doch gerade keinen Blick zurück mehr gestatten, nach vorne wollte man schauen, das war vorher zu lesen und zu hören gewesen. Der Neuanfang, kein Wort wurde seit der SPD nach Martin Schulz häufiger strapaziert als dieses. Fannähe soll wieder ganz wichtig sein, alles soll besser werden.

Pocher und die Fahnen wie immer

Davon war jedoch rund um die Partie wenig zu spüren. Die Stadionregie versagte sich zwar in Anwesenheit von DFB-Boss Reinhard Grindel artig die Formulierung "Die Mannschaft", die der DFB-Präsident als mitschuldig am Imagedesaster des Verbandes ausgemacht hatte. Stattdessen wurde die Elf jetzt mit "Team Deutschland" begrüßt. Ansonsten aber knödelte wie gehabt Oliver Pocher sein "Schwarz und Weiß" als Fanhymne, die Fahnenschwenker, das pompöse Einlaufritual - alles wie immer.

Die Fans in der Münchner Arena störte es allerdings auch nicht, auch das gehört zur Erwähnung. Fest entschlossen, dieses Team wieder wie einen verlorenen Sohn in seine Mitte aufzunehmen, wurde jede halbwegs vernünftige Aktion heftigst bejubelt, und selbst die Einwechslung von Ilkay Gündogan provozierte nur wenige Pfiffe, die schnell im Tosen untergingen. Als hätte es den Fall um die Erdogan-Fotos nie gegeben.

Es gab ihn aber, und so viele WM-Fahrer Löw auch auf den Platz schickte: Es gab mehrere Situationen, in denen man der Mannschaft einen Spieler gewünscht hätte, der den entscheidenden Pass in die Spitze so gespielt hätte, dass seine Kollegen ihn zum Tor hätten verwerten können. Bis zur WM hatte diese Mannschaft einen solchen Spieler, er hieß Mesut Özil.

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