Finanzielle Not im Amateurfußball "Oben wird der Rahm abgeschöpft, unten verhungert die Basis"

Am Montag zeichnete der DFB Vertreter des Amateurfußballs aus, es war eine harmonische Veranstaltung mit vielen warmen Worten. Dabei sind viele an der Basis wütend auf den Verband - und auf die Vertreter der großen Klubs.

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Von , Stuttgart


Der Montagabend stand stellvertretend für die Situation im deutschen Fußball: Die große Bühne gehörte der Nationalmannschaft und ihren Stars, die im Stuttgarter Stadion 6:0 gegen Norwegen gewannen. Unter Ausschluss der breiten Öffentlichkeit war im Mercedes-Benz-Museum einige Stunden zuvor vom Deutschen Fußball-Bund die Fußball-Basis geehrt worden.

Man durfte es durchaus als Zeichen sehen, dass Reinhard Grindel höchstpersönlich die Eingangsrede hielt, um 100 Ehrenamtliche aus den Niederungen des deutschen Fußballs für ihr Engagement auszuzeichnen. "Glauben Sie bloß nicht, dass wir nicht genau wüssten, wie es an der Basis ist", sagte der DFB-Präsident.

DFB-Präsident Grindel
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DFB-Präsident Grindel

Es gab Applaus für diesen Satz, bei vielen Vereinen von der Kreis- bis zur Regionalliga hätte Grindel dafür wohl allerdings bitteres Gelächter geerntet. Denn dort fühlt man sich vom großen Fußball mit Missachtung gestraft. Warme Worte helfen nun mal wenig, wenn es an konkurrenzfähigen Strukturen und Geld mangelt.

"Dass wir die Beziehung zur Basis verlieren, schließe ich aus"

Dass dafür fast ausschließlich der DFB gescholten wird, während die Klubs in der Bundesliga kaum Kritik zu hören bekommen, kann man dabei durchaus als ungerecht empfinden. Zumal Anerkennung, wie sie in Stuttgart in vielen Redebeiträgen artikuliert wurde, keine kleine Währung ist - sie hält viele Jugendtrainer und Platzwarte bei der Stange.

An der Basis fehlt das Geld, zahlreiche Vereine sind in ihrer Existenz bedroht. Bei den Betroffenen stößt es auf wenig Verständnis, dass im Frühjahr beschlossen wurde, die üppig fließenden TV-Gelder fast ausschließlich den Profivereinen zu Gute kommen zu lassen. Das gesamte vom DFB vertretene "Amateurlager" von der Dritten Liga bis zur Kreisklasse wird hingegen mit ein paar Brotkrumen vom üppig gedeckten Tisch der DFL-Vereine abgespeist.

Da klang es schon seltsam, wie BVB-Präsident Reinhard Rauball ("dass wir die Beziehung zur Basis verlieren, schließe ich aus"), der neben seinem Amt als DFL-Aufsichtsratschef auch einer der Vizepräsidenten des DFB ist, am Montag so viele warme Worte für den Amateurfußball fand. Schließlich war Rauball der Erste, der DFB-Vize Rainer Koch kritisierte, als der nach dem dürftigen Ergebnis bei der Verteilung der Fernsehgelder davon sprach, dass es von den Amateuren für diese Verteilung "keine La-Ola" geben würde.

Man kann den DFB für vieles kritisieren - aber eben nicht für alle Missstände

Merkwürdig auch, dass in Stuttgart Schalkes Geschäftsführer Peter Peters für seinen Einsatz fürs Ehrenamt gelobt wird - zumindest, wenn man im "kicker" gelesen hat, dass Schalke im vergangenen DFB-Pokal-Wettbewerb mit seinem 150-Millionen-Euro-Etat bei der Abrechnung des Erstrundenspiels mit dem FC 08 Villingen so lange um jeden Euro feilschte, bis der damalige Verbandsligist mehr nach Gelsenkirchen überwies, als er gemusst hätte.

In Gala-Stimmung waren die kleineren Vereine ob solcher Verhältnisse verständlicherweise nicht. "Oben wird der Rahm abgeschöpft, unten verhungert die Basis", sagt Bernd Stadler, Manager beim badischen Oberligisten SV Spielberg. Und Hajo Sommers, Präsident des Regionalligisten Oberhausen, sagt: "Der große deutsche Fußball lebt davon, dass ein Landesligist den nächsten Reus oder den nächsten Sané ausbildet. Dann ist der weg, spielt ganz oben, und die Verbände stellen sich hin und sagen: Guckt mal, welche Talente wir hier großziehen."

Wobei sich die Frage stellt, ob der DFB wirklich der richtige Adressat für all den Ärger ist, der sich an der Basis angestaut hat. Man kann den Verband für seine Regelungswut kritisieren, die bei manchen Amateurvereinen dazu führt, dass sie an einem Spieltag höhere Gebühren an ihren Landesverband abführen müssen, als sie durch Zuschauer einnehmen. Oder für seine teils überzogenen Sicherheitsanforderungen, die Spielberg in seiner Regionalligasaison dazu zwangen, für 80.000 Euro eine separate Gäste-Tribüne zu bauen, obwohl es vor Ort noch nie die geringsten Probleme mit Gästefans gab.

Die modernen Mechanismen sind optimal für Champions-League-Teilnehmer

Doch für die geringe finanzielle Ausstattung vieler unterklassiger Vereine kann der DFB ebenso wenig wie für die Zersplitterung der Erst- und Zweitliga-Spieltage, die auch dazu führt, dass Menschen, die früher zum Verbandsligisten um die Ecke gegangen sind, heute ein Live-Spiel im Fernsehen sehen. Dafür ist die DFL als Verhandlungspartnerin der TV-Anstalten zuständig - nicht der DFB.

Letztlich kann man auch die miserable finanzielle Ausstattung der unteren Ligen nur bedingt dem DFB ankreiden. Schließlich wurde ihm bei den Verhandlungen über die Verteilung der TV-Gelder auf fast schon demütigende Art und Weise klargemacht, wer die Richtung vorgibt. Doch das würde der DFB nie im Leben zugeben. Denn dann würde er eingestehen, dass die Machtverhältnisse im deutschen Fußball so sind, wie sie sind: Die Bundesliga-Vereine bestimmen, wo es langgeht, den Vereinen der dritten und vierten Liga - und erst recht den wirklichen Amateuren - bleiben oft nur warme Worte.

An der Wut, die vielerorts in den unteren Ligen herrscht, werden deshalb auch gut gemeinte Aktionen fürs Ehrenamt nichts ändern. Das spricht nicht gegen die Aktionen, Wohl aber gegen die Mechanismen des modernen Fußballs, die optimal für die Champions-League-Teilnehmer sind. Und miserabel für die Amateurvereine.

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insgesamt 31 Beiträge
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Seite 1
order66 05.09.2017
1. Natürlich kann man den
DFB als Dachverband dafür verantwortlich machen. Gut für die Vereinsmeierei die nicht mit Geld umgehen können nicht, aber für den Rest. Im Amateurfussball zahlen Sie für alles, egal ob Jugend oder Erwachsene. Pässe, Schiedsrichter, Werbeabgaben für alles kassiert der Verband. Aber investiert wird nichts, außer blöde Gelaber von Funktionären die keiner braucht.
philemajo 05.09.2017
2. Egal, ...
wer Spaß am Sport hat, braucht nicht viel Geld, sondern ein paar Freunde und Kollegen, eine Wiese und einen Ball. Dass der Amateurfußball das Schicksal fast aller anderen Amateursportarten, das der chronischen Unterfinanzierung teilt, tut mir zwar leid, aber letztlich entsteht hier die Lücke zulasten des Profibereichs, der dann künftig Nachwuchsprobleme bekommen wird. Dieser wiederum verliert aber sehr schnell an Attraktivität und steht kurz vor der Implosion! Ich mag Fußball. Aber wenn ich den Fernseher einschalte, sehe ich da nur noch Realsatire ... Über kurz oder lang kommt es zu einer Bewegung zurück zu den Wurzeln, als noch mit Spaß und Freude um ne Kiste Bier gekickt wurde ...
frank57 05.09.2017
3. Wen sollte man sonst
verantwortlich machen? In Brasilien wird mal eben ein Dorf aus dem Boden gestampft, während ein Kreisligist kein Geld für das notwendigste hat und mit der Kommune um die Renovierung einer Kleinkläranlage ringen muss! Dekadenz oben und bittere Armut unten! Wie in der gesamten Gesellschaft!
geirrod81 05.09.2017
4. gähn...
Jammern auf hohem Niveau - selbst in den untersten Fussballligen ist Geld im Spiel. Es ist auch ein reger Spielbetrieb im Gange, Zuschauer werden mit Bier und Bratwurst verköstigt - am Ende ist auch der Familienvati dem Bundesligatrainer gleich und schreit seine Spieltheorien lauthals in Richtung Feld. Und selbst in der Kreisklasse gibt es Spieler die mit Prämien nach Hause gehen, oder es wird mit Arbeitsverträgen gelockt, genauso finden auch Ablösen statt. Woher ich das weiß - ich komme vom Dorf, da hab ich damals mit dem Sport angefangen nur eben nicht mit Fussball sondern in einer Sportart die nicht massentauglich ist. Es gab am Anfang keine Börsen, die Fahrerei zu Turnieren und Ligabetrieb mussten selber bezahlt werden und selbst mit dem Erfolg wurden das Geld nur unwesentlich mehr - aber okay, ich war eben (nur) Boxer. Es gibt Landesligafussballer, die verdienen mehr als die Damen der 1. Bundesliga Handball! Ich habe absoluten Respekt vor jeder sportlichen Leistung, vor jedem Trainingsaufwand - aber bitte - das Verhältnis muss stimmen. Und leider tut es es das, wie in so vielen Dingen in unserem Land überhaupt nicht...
Oskaraus der Tonne 05.09.2017
5.
Zitat von geirrod81Jammern auf hohem Niveau - selbst in den untersten Fussballligen ist Geld im Spiel. Es ist auch ein reger Spielbetrieb im Gange, Zuschauer werden mit Bier und Bratwurst verköstigt - am Ende ist auch der Familienvati dem Bundesligatrainer gleich und schreit seine Spieltheorien lauthals in Richtung Feld. Und selbst in der Kreisklasse gibt es Spieler die mit Prämien nach Hause gehen, oder es wird mit Arbeitsverträgen gelockt, genauso finden auch Ablösen statt. Woher ich das weiß - ich komme vom Dorf, da hab ich damals mit dem Sport angefangen nur eben nicht mit Fussball sondern in einer Sportart die nicht massentauglich ist. Es gab am Anfang keine Börsen, die Fahrerei zu Turnieren und Ligabetrieb mussten selber bezahlt werden und selbst mit dem Erfolg wurden das Geld nur unwesentlich mehr - aber okay, ich war eben (nur) Boxer. Es gibt Landesligafussballer, die verdienen mehr als die Damen der 1. Bundesliga Handball! Ich habe absoluten Respekt vor jeder sportlichen Leistung, vor jedem Trainingsaufwand - aber bitte - das Verhältnis muss stimmen. Und leider tut es es das, wie in so vielen Dingen in unserem Land überhaupt nicht...
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